«Wir sollten in Geschwindigkeit investieren»
Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 24.03.2010 40 Kommentare
Ulrich Weidmann ist Professor am ETH-Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme.
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Der Unterhalt des heutigen Bahn- angebots kostet massiv mehr als erwartet. Trotzdem wird jetzt der Ausbau zügig vorangetrieben. Ist das vernünftig?
Es wäre falsch, wegen des Nachholbedarfs beim Unterhalt nicht in den Ausbau des Schienennetzes zu investieren. Aber man muss aus den Fehlern der Vergangenheit lernen – wir müssen also sehr genau abklären, welchen Ausbau wir uns unter Berücksichtigung der Unterhaltskosten wirklich leisten können. Und welchen Nutzen jeder einzelne investierte Franken bringt. Denn ob 12 oder 21 Milliarden Franken – wir reden hier von sehr viel Geld.
Sie fordern eine harte Diskussion über den Nutzen. Doch Bahn- politik ist vor allem ein gigantischer regionalpolitischer Kuhhandel.
Die Entwicklung des Bahnnetzes ist ein denkbar schlechtes Instrument für den regionalen Ausgleich. Die Bahn ist ein Netz – dadurch profitieren von einer Ausbaumassnahme auch Leute ausserhalb der direkt betroffenen Region.
Ohne regionalen Ausgleich sei es schwierig, die Volksabstimmung über die Finanzierung der Bahn 2030 zu gewinnen, sagt Bundesamtsdirektor Max Friedli.
Wir dürfen das Stimmvolk nicht für dumm verkaufen. Man muss den Leuten den Nutzen eines Konzepts erklären – und diesen von einzelnen Infrastrukturobjekten entkoppeln.
Wie beurteilen Sie den Nutzen der Bahn 2030 nach heutigem Projektstand?
Angesichts der hohen Kosten erscheint mir der Nutzen zu klein. Faktisch werden wir so im Jahr 2040 immer noch gleich schnell unterwegs sein wie heute, ausser zwischen Lausanne und Bern, wo die Fahrzeit bereits mit dem Ausbauprojekt ZEB etwas verkürzt wird. In der jetzigen Form setzt Bahn 2030 schwergewichtig auf Kapazitätserweiterung dank Fahrplanverdichtung. Auf der Ost-West-Achse sollten wir aber vor allem in die Geschwindigkeit investieren. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis wäre besser.
Warum?
Wenn wir wollen, dass die Bahn gegenüber dem Auto auch 2040 konkurrenzfähig ist und die grossen Wirtschaftsräume der Schweiz besser miteinander verbunden sind, müssen wir die Geschwindigkeit forcieren. Das ist wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und letztlich für den Zusammenhalt des Landes. Heute ist die Bahn auf der Ost-West-Hauptachse etwa gleich schnell wie das Auto. Es wäre aber technisch machbar, die Fahrzeit zwischen St. Gallen und Genf um eine Stunde zu verkürzen.
Dann verstehen Sie den Zürcher Protest gegen die Absicht des Bundes, auf den Brüttener Tunnel zu verzichten?
Will man nur die Kapazität erweitern, gibt es Alternativen zu diesem Tunnel. Aber in einem Gesamtkonzept, das auf mehr Geschwindigkeit setzt, wäre der Tunnel zwischen Zürich und Winterthur dringend.
Die Berner finden Gnade für den Ligerztunnel. Geniesst er zu Recht Priorität?
Ja. Das ist ein sehr störender Engpass im Binnengüterverkehr auf der Linie zwischen Lausanne und Zürich, also zwischen zwei grossen Schweizer Rangierbahnhöfen; hier rollt der ganze Wagenladungsverkehr zwischen Ost und West durch. Um konkurrenzfähig zu sein, muss der Güterverkehr zeitlich flexibler sein – dazu reicht ein Gleis nicht.
Keine Priorität hat für die Verkehrsplaner des Bundes der Wisenbergtunnel, der dritte Juradurchstich.
Das kann nur finanzpolitisch, keinesfalls fachlich motiviert sein. Aus Sicht der Netzentwicklung und als Rückgrat des Reiseverkehrs hat der Wisenbergtunnel für mich absolute Priorität, zusammen mit dem Ausbau zwischen Zürich und Luzern sowie zwischen Genf und Lausanne. Im Güterverkehr muss die Zufahrt zum Gotthard-Basistunnel gestärkt werden, insbesondere zwischen Arth-Goldau und Erstfeld sowie in Bellinzona.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.03.2010, 06:18 Uhr
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40 Kommentare
In die Geschwindigkeit zu investieren und nicht in die Kapzitäten, klingt zwar attraktiv, ich befürchte aber diese Rechnung wird nicht aufgehen. Kürzere Reisezeiten zwischen den grossen Zentren haben noch immer ein überdurchschnittliches Wachstum bei der Nachfrage und damit Kapazitätsengpässe ausgelöst. Antworten
@ André Mühlemann: Da Sie anscheinend an keiner Bahnstrecke wohnen sei Ihnen diese Frage erlaubt. Im Prinzip ganz einfach, aufgrund der Siedlungsdichte in der Agglomeration, Topografie der Schweiz und wegem Lärm (Zug fährt 24/24 * 7) sowie weil es meist nur noch bezahlbare Wohnungen in Schinennähe gibt (krasses Beispiel: Schlieren / ZH) Antworten





