«Wir werden Aufstände, Willkür und Totalitarismus erleben»

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Die Schweiz steht hier gar an der Spitze. Lange geht das nicht mehr gut – meinen nun selbst die Reichen und Mächtigen. Einsichten, die apokalyptisch anmuten.

Soziale Unruhen als Folge von wirtschaftlichen Umwälzungen: Zusammenstösse, wie wir sie im Frühling in Athen sahen, werden nach Meinung vieler Beobachter zunehmen.

Soziale Unruhen als Folge von wirtschaftlichen Umwälzungen: Zusammenstösse, wie wir sie im Frühling in Athen sahen, werden nach Meinung vieler Beobachter zunehmen. Bild: Keystone

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«Die Weltwirtschaft schlittert in die schwerste Krise aller Zeiten. Wir werden Volksaufstände, Verelendung, Ungerechtigkeiten, Willkür, Totalitarismus, Mangelerscheinungen erleben, die heute in unserer Spass- und Blödelgesellschaft unvorstellbar sind, die mit Brot und Spielen bei Laune gehalten wird. Die Krise wird mindestens zwei Jahrzehnte dauern.» Das sagt nicht etwa Jean Ziegler an einem Weltuntergangskongress, nein, diese Worte stammen vom ehemaligen Banker Paul Feuermann. Er war knapp 30 Jahre lang im Finanzgeschäft, zuerst als Direktor von Privatbanken, dann als UBS-Manager. Gesagt hat er es im Gespräch mit den Autoren des heute vorgestellten Buches «Wie Reiche denken und lenken». Geschrieben wurde dieses 450 Seiten starke Übersichtswerk vom Soziologen Ueli Mäder zusammen mit zwei Koautoren. Mäder beschäftigt sich seit Jahren mit der Reichen-Thematik.

Um mehr über diese Leute zu erfahren, setzt er sich immer wieder auf deren Sofas und versucht im direkten Gespräch zu erfahren, was sie antreibt, wovor sie Angst haben und wie sie über soziale Ungleichheiten denken. Herausgekommen sind für das aktuelle Buch Gespräche mit Daniel Vasella, Moritz Suter und vielen weiteren Reichen und Mächtigen. Fast einhellig geht daraus die Meinung hervor, dass die Kluft zwischen Arm und Reich irgendwann zur sozialen Eskalation führt.

Eskalation von globalem Ausmass

«Wir haben eine grausam komplizierte Welt geschaffen und die wird es irgendwann sprengen. Aber dafür braucht es ein Gewitter», sagt zum Beispiel Moritz Suter, Crossair-Gründer und ehemaliger Swissair-Chef. Und sein Ziehsohn, André Dosé – der erste Chef der neugegründeten Swiss – wird noch präziser: «Die heutige Situation weltweit mit diesem Gefälle wird früher oder später zu einer Eskalation führen, die ein globales Ausmass haben wird.»

Mit Suter und Dosé sprechen zwei Leute, die in früheren Jahren an den Schalthebeln der Macht sassen. Sie genossen die Privilegien, welche den Reichen und Mächtigen zukommen und reden jetzt über die Schattenseiten dieser Welt. «Es war eine schreckliche Zeit. Ich wurde körperlich und physisch krank», so Suter über die kurze Zeit seiner turbulenten Regentschaft bei der Swissair. Und Dosé: «Wenn man Chef einer solch grossen Unternehmung ist, kriegt man eine grosse Selbstsicherheit. Und dies nicht nur im Beruf. Aber dort wird alles für einen erledigt; man hat überhaupt keine Probleme im täglichen Leben mehr. Es ist immer alles da und perfekt. Das ist sehr angenehm, weil man sich ja auf wichtige Entscheide konzentrieren muss. Aber wenn das wegfällt, dann merkt man plötzlich wieder, dass es im Leben noch viele andere Sachen gibt, die man selbst bewältigen muss.»

Zwang zur Veränderung durch «grosse Katastrophen»

Einer, der immer noch in dieser Welt lebt ist Novartis-Präsident Daniel Vasella. Auch er sieht Umstürze kommen, scheint sich darüber aber nicht allzu ernsthaft zu sorgen. Er beobachtet weltweite Verschiebungen wirtschaftlicher Macht Richtung Osten, sinkende Geburtenraten in Europa und infolgedessen steigende Migration. «Ich glaube nicht, dass wir diese Probleme bewältigen können, bevor uns grosse Katastrophen dazu zwingen. Aber Umbrüche gab es immer wieder in der Geschichte», gibt Vasella schliesslich zu Protokoll.

Die Meinung, dass er mit seinen geschätzten 40 Millionen Franken Jahresgehalt soziale Unruhen schüren könnte, teilt der mächtigste Pharmamanager der Schweiz nicht. «Als ich 40'000 Franken pro Jahr verdiente, hat mich das nicht gestört. Ich liebte meine Arbeit und die einzige Frage war, wie wir bis zum Ende des Monats mit dem Geld durchkommen. Wenn ich hörte, was andere für Summen verdient haben, fand ich das auch enorm. Aber weiter hat mich das nicht berührt.»

«Nach uns die Sintflut!»

Einen weiteren Banker zitieren Mäder & Co. mit Urs Hägeli. Der ehemalige UBS-Manager richtet eine vernichtende Kritik – erstmals publiziert im nun vorgelegten Buch – mit dem Titel «Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber» an seine früheren Standeskollegen: «Mit Ihrem egozentrischen System gefährden Sie unseren sozialen Frieden», wettert Hägeli gegen die überrissenen Boni im Finanzsystem. Der Kritiker bringt das Gebaren der Banker auf folgenden Punkt: «Sie haben viel verlernt und nichts dazugelernt. ‹Wir zocken ab, solang es geht! Zulasten der Stakeholder, koste es, was es wolle! Nach uns die Sintflut!›»

Alternierend ist in den Voten der (ehemals) Mächtigen und Reichen von Sintflut, Katastrophe und Eskalation zu hören. Richtig apokalyptisch. Oder, um mit Ex-Banker Feuermann zum Anfang zurückzukommen: «Der Crash ist vor allem ein verheerender GAU im Markt von bezahlten Stellen, sogenannten Arbeitsplätzen (…) sehr viele Leute werden ihrer materiellen Existenzgrundlage beraubt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.10.2010, 15:47 Uhr)

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Die Reichen in der Schweiz hat eine Studie des Soziologischen Seminars der Uni Basel ins Visier genommen. Gut hundert Interviews erlaubten Einblicke in Lebens- und Denkweise von Personen mit über 100 Millionen Franken Vermögen. Die Vielfalt ist breit.

Für die am Montag vorgestellte Studie «Wie Reiche denken und lenken - Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche» gaben fast alle Angefragten Auskunft. Repräsentativ kann sie dennoch nicht sein, wie Co-Autor Professor Ueli Mäder sagte, weil die Grundgesamtheit (alle Reichen) kaum erreichbar sei.

Jeder zehnte Milliardär in der Schweiz

Nur 0,1 Promille der Weltbevölkerung lebt in der Schweiz; das Land versammelt aber 1,1 Prozent der weltweiten Privatvermögen. Von den etwa tausend Milliardären der Welt lebt fast jeder Zehnte in der Schweiz, die zudem die dritthöchste Millionärsdichte der Welt aufweist.

Entsprechend ist die Vermögens-Ungleichheit die dritthöchste der Welt; drei Prozent besitzen soviel wie die übrigen 97 Prozent. Für Mäder ist das eine «historisch noch nie dagewesene Monopolisierung von Reichtum» - der zudem stark überproportional wachse. Er sieht Konfliktpotenzial, wenn der Mittelstand weiter unter Druck gerät.

Nach Regionen seien Unterschiede schwer feststellbar, sagte Mäder vor den Medien weiter. Stil-Unterschiede gebe es indes zwischen Altem Geld und Neureichen; das schlage sich regional nieder. So träten Reiche in Basel tendenziell diskreter auf als in Zürich.

Steuerlich geschont

Laut Co-Autorin Sarah Schilliger sind die zahlreichen ausländischen Reichen in der Romandie spürbar. Bei der Reichtumskonzentration liegt denn auch Waadt an der Spitze, gefolgt von Basel-Stadt - beides keine Steuerparadiese. Generell werden jedoch gemäss Mäder Reiche in der Schweiz steuerlich vergleichsweise geschont, und dies immer stärker.

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