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«Wir werden um Lucie weinen. Immer»

Diese Woche jährt sich der Tag, an dem Lucie Trezzini ermordet wurde. Erstmals äussern sich die Eltern des Freiburger Aupairs zur dramatischen Suche nach der Vermissten und zur Fehlerkaskade der Behörden.

«Wir suchen keinen Konflikt, wir wollen keine Rache, sondern Lösungen.» Nicole und Roland Trezzini, die Eltern von Lucie, in Freiburg.

Béatrice Devènes

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Der Fall Lucie: Gravierende Fehler

Am 4. März 2009 spricht Daniel H. im Zürcher Hauptbahnhof Lucie Trezzini an. Die Freiburgerin arbeitet als Aupair in Pfäffikon SZ. Der junge Gewalttäter auf Bewährung lockt die 16-Jährige in seine Wohnung bei Baden, wo er sie grausam umbringt. Fünf Tage später stellt er sich der Polizei. Nach und nach zeigt sich, dass sowohl im Umgang mit dem gefährlichen Gewalttäter als auch bei der Suche nach der Vermissten gravierende Fehleinschätzungen gemacht wurden. Die Schwyzer und die Aargauer Behörden haben Fehler eingestanden. (tok)

Jede Frage wirkt banal angesichts des Todes Ihrer Tochter vor einem Jahr. Auch die häufigste menschliche Frage: Wie geht es Ihnen?
Roland Trezzini: Lucie fehlt uns. Wir wissen nicht, ob unser riesiger Schmerz irgendwann einmal ein wenig nachlässt.

Planen Sie eine Gedenkveranstaltung?
Nicole Trezzini: Es gibt einen einfachen Gottesdienst, zu dem jedermann willkommen ist.

Einen öffentlichen Marsch wie vergangenes Jahr planen Sie nicht?
Roland Trezzini: Nein. Damals verfolgten wir ein konkretes Ziel, das nun erreicht ist: In der Schweiz wird seit dem 1. Januar 2010 ein nationaler Entführungsalarm ausgelöst, wenn jemand vermisst wird. Vertreter öffentlicher Verkehrsmittel, elektronischer Medien, der Politik und andere haben sich zusammengesetzt und eine Lösung gefunden, die Sinn macht.

Vergangene Woche hatten Sie einen Termin im Bundeshaus. Ging es dort auch um den Entführungsalarm?
Roland Trezzini: Nein. Beim Justiz- und Polizeidepartement ging es um die Handyortung, die nicht funktioniert hat, als wir Lucie vermissten. Wir haben in Bern einen konkreten und einfachen Verbesserungsvorschlag präsentiert. Die Behörden nehmen unsere Idee in ihre Projektarbeit auf. Lucies Tod hätte eine schnellere Ortung zwar nicht verhindert, aber alles ging viel zu langsam. Der Kanton Schwyz, wo die Fehler passierten, hat – nicht nur bei der Handyortung – sinnvolle Anpassungen vorgenommen. Wir setzen uns dafür ein, dass andere Kantone, die nicht so weit sind, ähnliche Regelungen vornehmen.

Worum geht es konkret?
Roland Trezzini: Wenn ein Angehöriger ein Kind vermisst, wird in Schwyz nun unverzüglich die Strafverfolgungsbehörde eingeschaltet. Fahnder gehen zur Familie, um sich Informationen und Fotos des Vermissten zu beschaffen. Danach können sie besser beurteilen, wie der Fall einzuschätzen ist. Früher wurde Eltern am Polizeischalter zu oft gesagt, sie sollten noch ein wenig warten.

Nicole Trezzini: Das haben wir erfahren, als wir unsere Tochter vermissten.

Roland Trezzini: Wir wurden hin und her geschickt. Zuerst hiess es, der Kanton Freiburg sei zuständig, weil Lucie hier angemeldet war. Das war aber absurd, denn unsere Tochter lebte damals als Aupair im Kanton Schwyz. Und sie war in Zürich das letzte Mal gesehen worden. Es gab ein föderalistisches Durcheinander, bis feststand, wer sich der Sache annimmt. In den drei Tagen nach ihrem Verschwinden wurden Lucies Gastfamilie und wir allein gelassen.

Allein? Die Polizei hat Sie nicht unterstützt?
Nicole Trezzini: Am Anfang wenig. Als Lucie an jenem Mittwoch eineinhalb Stunden nach der abgemachten Zeit nicht auftauchte, meldete sich der Gastvater um 23 Uhr bei der Schwyzer Polizei. Man sagte ihm, er solle am nächsten Morgen um 8 Uhr wiederkommen. Das tat er, doch den ganzen Donnerstag über passierte nichts.

Roland Trezzini: Verzweifelt telefonierte ich den ganzen Tag herum, um herauszufinden, wer sich um die Fahndung kümmert. Stellen Sie sich vor: Ein zuverlässiges Mädchen ohne persönliche Probleme verschwindet. Nichts deutet darauf hin, dass sie verunfallt oder abgehauen ist. Doch niemand ist da, um uns anzuhören. Die Zürcher Polizei hat gesagt, sie sei nicht zuständig. Ich telefonierte mit der Freiburger Polizei, die mich an die Schwyzer Kollegen verwies. Schwyz sagte, ich solle mich in Freiburg melden.

Nicole Trezzini: Am Freitag, zwei Tage nach dem Verschwinden, fuhren wir nach Baden. Wir hängten selbst gemachte Vermisstenanzeigen auf. Wir wussten nicht, dass Lucie zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Die Polizei befahl uns, unsere Plakate wieder zu entfernen.

Roland Trezzini: Die Aargauer Polizei wusste noch nicht einmal, dass Lucies Handy zuletzt in Baden geortet worden war. Wir schlugen vor, selber Aufnahmen von Überwachungskameras durchzusehen. Doch es stand bei der Polizei niemand zur Verfügung, der uns anleiten konnte. Es dauerte mehrere Stunden, bis die Fahndungsbilder Lucies auf Homepages aufgeladen wurden. Als wir uns in unserer Verzweiflung beschwerten, hiess es: Lassen Sie uns bitte noch etwas Zeit. Das alles sind Anekdoten. Das Einzige, was wir heute tun können, ist verhindern, dass andere verzweifelte Angehörige auf ähnliche Hindernisse stossen.

Nicole Trezzini: Wir geben dieses Interview vor allem, um die Behörden in diesem Bereich zu sensibilisieren.

Sie haben aber auch ein Strafanzeige eingereicht. Es geht um die Frage, ob sich Fachleute aus dem Strafvollzug der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht haben, als sie den einschlägig vorbestraften Mörder Ihrer Tochter in die Freiheit entliessen. Weshalb?
Nicole Trezzini: Die Administrativuntersuchung des Kantons Aargau hat eine ganze Reihe von Fehlern aufgezeigt.

Roland Trezzini: Es war alles andere als sicher, dass sich D. H., der zuvor versucht hatte, eine Frau zu töten, in die Gesellschaft integrieren kann. Trotzdem wurde er freigelassen, und er musste seine soziale Wiedereingliederung weitgehend selber überwachen. Die Bewährungshelferin wurde nicht korrekt über seine Problematik informiert. Die Alarmglocken schwiegen, als sich D. H. mehrmals zu Pflichtterminen nicht meldete. Er galt als Drogenkranker mit Rückfallgefahr, aber nicht als hochgefährlicher Gewalttäter.

Diese Fehler hat auch der Aargauer Administrativbericht benannt. Weshalb verlangen Sie noch eine strafrechtliche Abklärung?
Nicole Trezzini: Die Lektüre des Administrativberichts hat uns nicht zufriedengestellt. Die Fakten werden zum Teil parteiisch, für die Behörden entlastend, gruppiert. Alle Entscheide, die gefällt wurden, werden im Bericht als adäquat und gesetzeskonform dargestellt.

Roland Trezzini: Wir hätten erwartet, dass nicht nur Fehler benannt werden, sondern auch gesagt wird, wer die Fehler begangen hat. Wir erhoffen uns von einer Klage, dass ein Untersuchungsrichter Klarheit über Verantwortlichkeiten schafft. Der Administrativbericht kommt zum Schluss, dass der Strafvollzug katastrophal organisiert war. Es gibt Menschen, die das katastrophale System geschaffen haben. Wir begrüssen es, dass der Aargau nach Lucies Tod Verbesserungen im Strafvollzug eingeleitet hat. Doch dies reicht kaum. Unsere Anzeige soll genauer erkennen helfen, was falsch lief, um es künftig besser zu machen. Wir suchen keinen Konflikt, wir wollen keine Rache, sondern Lösungen.

Wo orten Sie denn die schwersten Fehler?
Roland Trezzini: Das Gesetz sieht klare Regeln und Sicherheitsmassnahmen vor, wenn ein vorbestrafter Gewalttäter aus der Haft entlassen werden soll. Diese Bestimmungen wurden nicht eingehalten. Keine Risikokommission hat die Gefährlichkeit von D. H. beurteilt. Kein externer psychiatrischer Gutachter wurde beigezogen. Für uns sind das grobe Fehler, die jene Konsequenzen hatten, die wir kennen. Die Entschuldigung, es gebe kein Nullrisiko, gilt erst, wenn man alles versucht hat, um das Risiko auszuschalten.

Nicole Trezzini: Ein anderes fatales Beispiel: Der Täter hätte in eine Entzugsklinik eintreten sollen, trifft aber verspätet dort ein. Statt Alarm zu schlagen, fasst man eine spätere Aufnahme ins Auge. Am Tag darauf ermordet er Lucie. Sehr wahrscheinlich trifft die Person, die den Verspäteten wieder heimschickte, keine Schuld, denn sie war nicht informiert worden über die Gefährlichkeit des Täters.

Ihr Einsatz dafür, dass sich die Fehler nicht wiederholen, und die Trauer beanspruchen Sie stark. Sind Sie im Moment fähig zu arbeiten?
Roland Trezzini: Ja, wir arbeiten. Aber es ist sehr schwierig. Ich bin selbstständig als Ingenieur tätig. Oft kann ich mich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Vielleicht wird es einmal wieder ein bisschen einfacher. Vielleicht hilft der Strafprozess gegen den Täter beim Verarbeiten. Aber wir werden immer um unsere Tochter weinen. Immer.

Nicole Trezzini: Sie fehlt uns. Im Moment habe ich als Lehrerin Urlaub. Der erste Todestag rückt näher, was psychologisch belastet. Ich schlafe damit ein, ich wache damit auf. Meine Schüler sind sehr verständnisvoll, aber ich habe nicht immer die Kraft, vor sie zu treten. Aber wir Eltern müssen unseren Weg durchs Leben finden.

Mit Nicole und Roland Trezzini sprach Thomas Knellwolf, Freiburg

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2010, 04:00 Uhr

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