«Wir wollen die Dealer austrocknen»

Genf will die Abgabe von Cannabis testen. Der Soziologe Sandro Cattacin leitet die Arbeitsgruppe des Projekts. Er spricht über dessen Signalwirkung an Jugendliche und die Reaktion des Bauernverbandes.

«Frage mich, ob Kontrolle im Sinne eines Verbots überhaupt möglich ist»: Der Genfer Soziologe Sandro Cattacin.

«Frage mich, ob Kontrolle im Sinne eines Verbots überhaupt möglich ist»: Der Genfer Soziologe Sandro Cattacin. Bild: Keystone

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Im Genfer Projekt können sich Erwachsene, die im Kanton Genf wohnhaft sind, in einem Verein einschreiben, um legal eine vorbestellte Menge an Cannabis zu beziehen. Herr Cattacin, braucht es dieses Projekt? Die Anzahl Cannabiskonsumenten ging in den letzten Jahren zurück.
Die Zahlen sind zwar leicht rückläufig, aber noch lange nicht so, dass wir damit prahlen könnten. Es besteht Handlungsbedarf, zumindest in Genf, da ist man sich über alle Parteien hinweg einig. Die Anwohner stören sich an den Cannabisdealern auf der Strasse, bei der Polizei führt die derzeitige Regelung zu viel Leerlauf. Die Produkte sind zudem in den letzten Jahren zu wahren Chemiebomben geworden, voll mit Pestiziden und Streckmitteln.

Wie soll ein Cannabisclub die Dealer davon abbringen, Cannabis zu verkaufen?
Im Moment haben wir einen Konsumenten, der die Droge will, und den Verkäufer, der Geld verdienen möchte. In Cannabisclubs könnte man Cannabis billiger abgeben als auf dem Schwarzmarkt und so die Dealer austrocknen. Den grössten Anteil an Konsumenten machen die Erwachsenen aus, wenn die wegfallen, ist das Geschäft für die Dealer finanziell nicht mehr interessant. Dadurch, dass wir den Handel im Dunkeln belassen, unterstützen wir mit dem Milliardenmarkt Cannabishandel Kriminelle.

Das Gleiche könnte man auch für härtere Drogen sagen.
Es ist schwierig, die verschiedenen Drogen miteinander zu vergleichen. Gesundheitspolitisch kann man das Ganze auf die Frage der Letalität herunterbrechen: Wie viele dieser Drogen muss ich auf einmal konsumieren, damit ich sterbe? Da kommt man bei Alkohol auf sieben Liter, bei Heroin auf fünf Spritzen und bei Cannabis auf 1000 Joints. Es gibt also Drogen, die bei geringem Konsum schon sehr gefährlich sind, hier braucht es restriktive Regulierungen.

Beim Cannabis nicht?
Es braucht Feinregulierungen, die fehlen uns zurzeit beim Cannabis. Menschen meiner Generation kennen fast alle jemanden, der an einer Überdosis Heroin gestorben ist. Die kontrollierte Heroin- und Methadonabgabe vermochte diese Zahl der Drogentoten stark zu senken, das ist ein echter Erfolg. In Genf hat man neu eingeführt, dass ab 21 Uhr kein Alkohol mehr in Läden verkauft werden kann. Ich hielt das zunächst für Unsinn, doch erste Zahlen zeigen, dass es bei Jugendlichen zu weniger Konsum führt, da diese nicht ins Restaurant ausweichen können. Das sind Feinregulierungen, die zeigen, dass es keine perfekte Lösung gibt, aber mit bestimmten Massnahmen der Schaden des Konsums reduziert werden kann.

Cannabis schädigt das Hirn, kann Psychosen auslösen.
Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Cannabiskonsum sich negativ auf die Hirnfunktion auswirkt, vor allem bei Jugendlichen. Personen unter 18 Jahren sind beim Cannabisclub deshalb nicht zugelassen. Auch der Zusammenhang mit der Aktivierung von Psychosen ist bekannt. Wenn wir die Cannabisabgabe monitorieren, können wir fragile Personen viel schneller erkennen, bei denen Cannabiskonsum wirklich gefährlich werden könnte, und frühzeitig handeln.

Ein Cannabisclub signalisiert den Jungen jedoch: Die Erwachsenen tun es, Kiffen ist also okay.
Man muss sich wirklich gut überlegen, welches Signal man an die Jungen sendet. Wir sind nicht in der Situation, in der wir wissen, was passiert, wenn wir die Cannabisclubs einführen. Was wir jedoch wissen, ist, dass das Verbieten einer Droge einfach mehr Probleme schafft. Ob eine Droge im Trend liegt oder nicht, scheint leider ziemlich unabhängig davon zu sein, ob sie legal ist oder nicht. Wissen sie, als Wissenschaftler gelange ich heute an den Punkt, an dem ich mich frage, ob Kontrolle im Sinne eines Verbots überhaupt möglich ist. Vor 30 Jahren hatten wir noch circa 60 Drogentypen, mit denen gehandelt wurde, heute sind es um die 300. Via Tourismus und übers Internet gelangen täglich neue Drogen in die Schweiz, derzeit gibt es hier eine Art Biotrend, die Konsumenten interessieren sich für pflanzliche Drogen, die in anderen Ländern rituell eingenommen werden, was sehr hohe Gefahren mit sich bringt. Die Herausforderung ist es, die Drogen sichtbar zu machen, den Zugang so weit zu kontrollieren, dass die Drogen möglichst wenig Schaden anrichten, und die Leute irgendwie dazu zu bringen, dass sie vernünftig damit umgehen. Zudem sind wir kein Cannabisfanclub, wir sprechen die Gefahren ganz klar an. Und in Holland hat die Einführung von Coffeeshops nicht zu einer Zunahme des Konsums geführt, das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Signalwirkung keine Positive wäre.

Trotzdem, braucht es nicht mehr Prävention statt Legalisierung?
Es braucht mehr Prävention, die Zusammenarbeit zwischen Fachleuten und der Schule muss besser werden. Der Gewinn eines Cannabisclubs könnte ähnlich wie bei der Alkohol- und der Tabaksteuer in die Prävention fliessen und so den Jungen zugute kommen. Und unsere Lösung soll nicht die Attraktivität steigern, die Cannabisclubs sind bewusst nicht einladend gestaltet.

Reicht denn da der Anreiz aus, sich anzumelden? Unter der Hand kommt man so leicht an Cannabis, ohne dass man sich irgendwo registrieren muss.
Wir haben uns lange gefragt, welches die beste Lösung ist, um Cannabis abzugeben. Ich könnte mir auch die Abgabe in einer Apotheke gut vorstellen. Aber die Schweizer lieben Vereine und deshalb wollen wir jetzt einmal dieses Modell testen. Wir werden das über die Konsumzahlen genau monitorieren, und wir werden die Konsumenten befragen.

Jetzt sind Sie ja noch in der Planung des Projekts, wo stehen Sie da?
Wir sind in der Anhörungsphase, wir haben sehr viele Personen angehört, von der Politik über die Medizin bis hin zum Genfer Bauernverband.

Der Bauernverband?
Die Genfer Bauern könnten den Cannabis produzieren: Es ist ja nicht so, dass Bauern nie Hanf angebaut hätten, die Pflanze ist bekannt. Die Bauern sind interessiert daran, am Projekt mitzumachen, unter der Bedingung, dass der Cannabis nur an Erwachsene verkauft wird.

Haben die Bauern keine Angst, dass sie Opfer von Dieben werden könnten?
Doch, das ist ein Problem. Wir bauen den Hanf ja direkt neben Frankreich an, das europaweit der grösste Cannabiskonsument ist und wo der Konsum verboten ist. Die Gewächshäuser müssten von einem Sicherheitsdienst bewacht werden. Wir würden zudem natürlich nicht offiziell kommunizieren, wo der Hanf angebaut wird, doch richtig geheim halten kann man das in einem kleinen Kanton wie Genf nicht.

Im Mai wollen Sie Ihr Modell auf eidgenössischer Ebene vorstellen. Damit das Projekt starten kann, brauchen Sie eine Ausnahmebewilligung. Wie wollen Sie die erreichen?
Gemäss nationalem Betäubungsmittelgesetz sind die Cannabisclubs nicht erlaubt. Es gibt aber einen Artikel, der Testphasen gestattet, den wollen wir dafür heranziehen. Um über die Projektphase hinauszugehen, bräuchte es eine Änderung des nationalen Betäubungsmittelgesetzes oder gar ein Cannabisgesetz. Ganz wohl ist mir bei diesem Gedanken nicht. Vielleicht geht das Projekt jedoch sowieso schief, die Gesetzesänderung braucht es dann auch nicht mehr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.02.2014, 19:25 Uhr)

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