Schweiz

«Wir wollen nicht, dass man durch die ganze Schweiz pendelt»

Aktualisiert am 20.01.2011 816 Kommentare

Der Bundesrat will Pendler bald kräftig zur Kasse bitten. Alles soll teurer werden: Benzin, Zugbillette, Autobahnvignetten. Verkehrsministerin Doris Leuthard verteidigt die Pläne.

«Heute zahlen die Bahnkunden nicht einmal 50 Prozent der Kosten»: Verkehrsministerin Doris Leuthard.

«Heute zahlen die Bahnkunden nicht einmal 50 Prozent der Kosten»: Verkehrsministerin Doris Leuthard.
Bild: Keystone

Bahn- und Autofahren wird in den kommenden Jahren teurer. Der Bundesrat schlägt vor, für die künftige Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur vermehrt die Nutzerinnen und Nutzer zur Kasse zu bitten. Am Donnerstag hat er seine Pläne präsentiert.

«Die heutige Qualität zu erhalten, kostet Milliarden», sagte Verkehrsministerin Doris Leuthard vor den Medien in Bern. «Heute zahlen die Bahnkunden nicht einmal 50 Prozent der Kosten.»

Die Preise für Zugbillette sollen deshalb in den nächsten Jahren schrittweise steigen, um insgesamt 10 Prozent. Noch offen ist, wie die Preiserhöhung ausgestaltet wird. Klar ist lediglich, dass die Preise nicht pauschal, sondern differenziert erhöht werden sollen.

Ziel ist es, die Verkehrsspitzen zu glätten. Auf starkt genutzten Strecken und zu Stosszeiten könnten die Preise also stärker steigen. Betroffen wären damit insbesondere die Pendlerinnen und Pendler.

Keine Anreize für langes Pendeln

Diese sollen auch mehr Steuern bezahlen: Künftig soll nur noch das Pendeln innerhalb von Agglomerationen steuerlich abzugsfähig sein. «Wir wollen nicht unterstützen, dass man quer durch die ganze Schweiz pendelt», sagte die Verkehrsministerin dazu. Seit 1984 sei die Wegzeit um über 40 Prozent angestiegen, auf 100 Minuten.

Leuthard räumte ein, dass für Arbeitslose ein Job mit einem einstündigen Arbeitsweg als zumutbar gilt, gab aber auch zu bedenken, dass 50 Prozent der Mobilität auf die Freizeit entfalle. Mit den bisherigen Steuerabzügen habe der Bund falsche Anreize gesetzt.

100 Franken für Autobahnvignette

Teurer werden soll aber auch das Autofahren. In einem ersten Schritt will der Bundesrat den Preis für die Autobahnvignette anheben, von heute 40 auf 80 bis 100 Franken. Gleichzeitig will er eine Kurzzeitvignette zu 40 Franken einführen. Geschehen soll dies voraussichtlich 2014. Das Parlament muss die Änderung genehmigen.

In einem zweiten Schritt wird das Benzin teurer: Der Mineralölsteuerzuschlag soll um 7 bis 10 Rappen pro Liter erhöht werden. Diese Massnahme will der Bundesrat dem Parlament 2015 unterbreiten. Der Zuschlag sei letztmals 1974 angepasst worden, gibt der Bundesrat zu bedenken. Zudem sei die Belastung durch die Steuer wegen des geringeren Treibstoffverbrauchs gesunken.

Neuer Fonds zur Finanzierung

Nötig sind die Massnahmen laut dem Bundesrat, weil sowohl bei der Strassen- als auch bei der Bahninfrastruktur Finanzierungslücken drohen. Die Finanzierung soll daher auf eine neue Grundlage gestellt werden.

Zur Finanzierung der Bahninfrastruktur will der Bundesrat einen neuen, unbefristeten Fonds schaffen, den Bahninfrastrukturfonds (BIF), der die bisherigen Gefässe ersetzt. Daraus sollen Betrieb, Unterhalt und Ausbau des Schienennetzes finanziert werden.

Unbefristet Gelder aus LSVA

Der BIF soll zum einen aus den bisherigen Finanzierungsquellen des FinöV-Fonds gespiesen werden, also mit Geldern aus der LSVA sowie der Mineral- und Mehrwertsteuer. Damit flössen dem BIF unbefristet rund 1,8 Milliarden Franken pro Jahr zu. Bisher war vorgesehen, die Beiträge ungefähr 2023 auslaufen zu lassen.

Zum anderen sollen diejenigen Mittel in den Fonds fliessen, die bisher aus der Bundeskasse für die Bahninfrastruktur eingesetzt wurden. Dies sind rund 2 Milliarden pro Jahr.

Kantone in die Pflicht nehmen

Der zusätzliche Bedarf soll durch die erwähnten neuen Einnahmen gedeckt werden. 300 Millionen würden Bahnunternehmen über höhere Trassenpreise und Kunden über höhere Billettpreise beisteuern. Aus der Änderung bei den Steuerabzügen flössen dem Fonds 250 Millionen Franken pro Jahr zu. Weitere 300 Millionen sollen die Kantone zahlen.

Noch offen ist, wie viel der Bund beitragen soll. Dies hänge davon ab, wie viel Wachstum dem Verkehr innerhalb der Bundesausgaben zugestanden werde, sagte Leuthard. Nach ihren Vorstellungen sollte sich das Ausgabenwachstum am Wirtschaftswachstum orientieren.

Gegen VCS-Initiative

Die Vorlage zum Bahninfrastrukturfonds will der Bundesrat im Frühling in die Vernehmlassung schicken. Das letzte Wort wird das Stimmvolk haben: Der Bundesrat plant die Vorlage als direkten Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Für den öffentlichen Verkehr» des VCS.

Die Initiative empfiehlt er zur Ablehnung. Die vorgeschlagene Umverteilung der Mineralölsteuer-Erträge vom Strassen- in den Schienenverkehr würde das Finanzierungsproblem lediglich verlagern, argumentiert er.

(bru/sda)

Erstellt: 20.01.2011, 16:39 Uhr

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816 Kommentare

Markus Meury

25.01.2011, 16:25 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Falsche Anreize?? Ein grosser Teil der Pendler pendelt nicht freiwillig, sondern weil sie keinen näheren Job finden! Die Arbeitslosenkasse bestraft ja diejenigen, die nicht eineinhalb Stunden pro Weg auf sich nehmen wollen! Wir werden zu Flexibilität gezwungen und dann bestraft für diesen "Luxus"... Ein Ohrfeige fürs Volk! Und wie soll man hinziehen bei fehlenden Wohnungen? Antworten


urs schoffner

24.01.2011, 19:53 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Das Problem sind nicht die Pendler, sondern die stegige Zuwanderung. Ist klar, dass die Infrastruktur da nicht mehr ausreicht. Aber warum sollen nun die Pendler für die Politiker bezahlen? Warum verzichtet der Bundesrat auf einen Einwanderungsstop? Weil die ganze Wirtschaft nur auf Wachstum ausgelegt ist. Bestehende Kunden zählen nichts, nur Neue. Aber die Schweiz wächst nicht mit... Antworten



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