Wird das malerische Puschlav für Jahre zu einer riesigen Baustelle?
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 19.10.2010 29 Kommentare
Das Projekt Lago Bianco – Grafik vergrössern
4,35 statt 17 Meter hohe Staumauer
Ein erstes Projekt der Repower – damals Rätia Energie – für die Neukonzessionierung ihrer Kraftwerke sah vor, die Staumauern des Lago Bianco um 17 Meter zu erhöhen. Das Projekt war bereits bewilligt, als Greina-Stiftung, WWF und Pro Natura dagegen Rekurs einlegten. Dieser wurde abgelehnt, worauf die Umweltverbände ans Bundesgericht gelangten.
Ende 2008 kam es zu Gesprächen zwischen Repower und den Verbänden. Das Verfahren vor Bundesgericht wurde sistiert. Im Juni 2009 einigte man sich auf ein Pumpspeicherkraftwerk, die Staumauern müssen noch um 4,35 Meter erhöht werden.
«Das Projekt ist um ein Vielfaches umweltverträglicher als das ursprüngliche», sagt Gallus Cadonau, Geschäftsführer der Greina-Stiftung. Für Anita Mazzetta vom WWF Graubünden ist die Einigung mit Repower ein «Teilerfolg». Das neue Projekt bringe zwar enorme Landschaftseingriffe, aber auch eine Aufwertung der Gewässer. Bezüglich der Pumpspeicherkraftwerke bleibt der WWF kritisch: «Das wird so bleiben, solange Wasser mit billigem Kohle- und Atomstrom hochgepumpt wird und die gewonnene, teure Spitzenenergie als sauberer Wasserstrom verkauft wird.» Jürg Buri von der Energiestiftung bedauert, dass sich «die Naturschützer für einen befreiten Fluss kaufen liessen».
Repower stiftet Solarpreis
Repower hat der Solaragentur, die von Greina-Geschäftsführer Cadonau geleitet wird, unterdessen einen Solarpreis im Wert von 300'000 Franken über drei Jahre gestiftet. Repower will damit «die Innovation im energieintensiven Gebäudebereich fördern und aufzeigen, dass sich Speicher- und Pumpspeicher-Kraftwerke mit Solar- und Windkraftwerken (...) ausgezeichnet ergänzen».
Für Cadonau ist der Preis «eine Anerkennung dafür, dass wir als Mediatoren mit Vehemenz für eine Lösung eingestanden sind». Für Mazzetta vom WWF ist die Verbindung zwischen Solarenergie und Pumpspeicherwerken, die Repower damit macht, «unstatthaft». Das diene einzig der Imagepolitur: Repower sei an Europas grösstem Steinkohlekraftwerksprojekt in Norddeutschland beteiligt und in einem ähnlichen Projekt in Süditalien engagiert.
Für Werner Steinmann, Sprecher von Repower, ist der Zusammenhang zwischen dem Projekt Lago Bianco und den erneuerbaren Energien gegeben. «Wir gehen davon aus, dass das Angebot an Windenergie stark zunimmt. In ein paar Jahren wird es entsprechende Speichermöglichkeiten brauchen.»
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Am 31. Oktober entscheiden die Stimmbürger der Gemeinde Poschiavo über die Pläne des Energiekonzerns Repower (ehemals Rätia Energie). Das Unternehmen will ein 1,5 Milliarden Franken teures Pumpspeicherkraftwerk bauen. Die Anlage soll mit 1000 Megawatt gleich viel Strom liefern wie das Kernkraftwerk Gösgen. Zwischen dem Lago di Poschiavo im Tal und dem Lago Bianco auf dem Berninapass würde ein 21 Kilometer langer Stollen erstellt.
Umweltschützer hatten das Projekt lange bekämpft, haben sich 2009 aber mit Repower auf ein redimensioniertes Projekt geeinigt. Die Eingriffe in die Natur, die das Projekt mit sich bringt, und die Auswirkungen auf die Landwirtschaft und den Tourismus im Tal geben viel zu reden – der Ausgang der Abstimmung zur 80 Jahre gültigen Konzessionserteilung an Repower ist alles andere als klar.
«Rares Land wird vernichtet»
Reto Raselli, Biobauer und grösster Kräuterbauer der Schweiz, geht mit dem Projekt hart ins Gericht. Es spreche sehr wenig für das Projekt, aber die Konsequenzen seien enorm. «Zwar spricht Repower heute von einer Bauzeit von sechs Jahren, von 2013 bis 2019, doch am Ende wird unser Tal zehn Jahre lang eine Baustelle sein – mit vielen Deponien und vielen Lastwagen auf den Strassen.» Die Umweltschützer hätten zwar eine Redimensionierung des ursprünglichen Projekts erreicht, aber dass nun der Fluss Poschiavino renaturiert werden soll, sei «reiner Wahnsinn». Vor 200 Jahren hätten seine Vorfahren den Fluss mit Pickel und Stemmeisen kanalisiert, jetzt werde er wieder befreit und damit rares Landwirtschaftsland vernichtet.
«Für ein paar Frösche und Schmetterlinge, denen es heute bereits gut geht im Puschlav, gehen wir Menschen drauf», sagt Biobäuerin Claudia Lazzarini. Repower müsse für allfällige Imageschäden und Ertragsausfälle aufkommen, fordert sie. Unter anderem für den Realersatz von Kulturland, das verloren geht, habe Repower zwar 2 Millionen Franken gesprochen. «Doch wie soll abschüssiger Wald zu Kulturland werden? Wenn man das rentabel bewirtschaften könnte, hätten wir das schon lange getan.» Für Lazzarini zerstört das Projekt Ökotourismus und Biolandwirtschaft, die man über Jahre aufgebaut habe.
Im Tourismusbüro will man dem Projekt nicht im Weg stehen, war man doch von Anfang an in die Planung involviert. «Ist der Poschiavino einmal befreit, ist das touristisch attraktiv», sagt Direktorin Ilona Ott. Die Bauzeit werde für Berggänger und Naturliebhaber Einschränkungen mit sich bringen, dafür kämen vielleicht Ingenieure in die Region, ähnlich wie bei Alptransit.
Millionen für die Gemeinde
Gemeindepräsident Tino Zanetti erinnerte an einer Orientierung vor allem an die knapp 8 Millionen Franken pro Jahr, die bei einem Ja 80 Jahre lang der Gemeindekasse zufliessen. Das sei weit wichtiger als die einmalige Konzessionsgebühr von 5,1 Millionen Franken.
Im Vergleich zum Investitionsvolumen von 1,5 Milliarden Franken findet Bio-Bauer Raselli diese Summen «lächerlich». Zudem habe die Gemeinde das gar nicht nötig, man habe bereits einen tiefen Steuerfuss und könne sich die nötige Infrastruktur schon heute leisten. Das allerdings auch dank Repower, die ihren Sitz im Tal hat. «In Bergtälern wie dem Puschlav ist die Stromwirtschaft potent», sagt Jürg Buri, der Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung, «als gewichtige Arbeitgeberin und Steuerzahlerin hat sie die Leute im Griff.»
«Lago Bianco ein Skandal»
Buri stellt das Mega-Projekt in einen grösseren Zusammenhang. Es habe niemand etwas gegen Pumpspeicherung für erneuerbare Energie. «Aber Repower fährt im Ausland eine aggressive Strategie mit Kohlekraftwerken – deshalb ist Lago Bianco ein Skandal.» Den billigen Überschussstrom für den Pumpspeicher, vor allem aus Atom- und Kohlekraftwerken, hole Repower im Ausland. Ökonomisch mache diese Veredelung für den börsenkotierten Konzern durchaus Sinn, aber umweltfreundlich und effizient sei es nicht. «Pumpspeicher machen aus Bandstrom Spitzenstrom und vernichten dabei ein Viertel der Energie.» Die Pumpspeicher seien deshalb auch Teil der Atom-Strategie der Stromwirtschaft: Ohne die geplanten 5000 Megawatt Pumpspeicher im Land würden auch keine neuen Atomkraftwerke gebaut. «Sonst hocken die Produzenten in der Nacht auf zu viel Strom.»
Interessant: Repower besitzt zwar drei eigene Wasserkraftwerke, verkauft den Bündnern in ihrem Versorgungsgebiet jedoch zu 98,5 Prozent Billigstrom aus «nicht überprüfbaren Quellen» aus dem Ausland. Das Unternehmen gehört zu 46 Prozent dem Kanton Graubünden, zu 24,6 Prozent dem Energiekonzern Alpiq (ALPH 155.8 -0.26%) sowie zu 21,4 Prozent der Axpo-Tochter und Energiehändlerin EGL. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.10.2010, 12:13 Uhr
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29 Kommentare
Das Pumpspeicherkraftwerke nicht 100% Wirkungsgrad haben bestreitet niemand. Würden stattdessen thermische Kraftwerke dauern hoch und runtergefahren um sich dem Verbrauch anzupassen (was nur bedingt möglich ist), währe die Stromerzeugung insgesamt noch viel weniger effizient. Wer bei diesem Thema mit der Effizienz gegen PSWs argumentiert, hat sich noch nicht ernsthaft mit der Thematik beschäftig. Antworten
Jürg Burri von der Schweizerischen Energie-Stiftung hatte wohl in Physik einen Fensterplatz. Egal wie Strom produziert wird, es wird immer nur soviel erzeugt wie verbraucht wird. Speicherkraftwerke erhöhen den Anteil der Kohle- und Kernkraftwerke nicht sondern reduzieren diesen da der Spitzenverbrauch durch Wasser abgedeckt wird. Ansonsten müssten ja die thermischen Kraftwerke noch mehr leisten. Antworten






