Schweiz

Ziviles Satellitennavigationssystem mit Schweizer Beteiligung

Aktualisiert am 21.06.2010

Die Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU-Kommission zur Schweizer Beteiligung an den EU-Satellitennavigationsprogrammen Galileo und Egnos sind startklar.

Die Schweiz verspricht sich durch Beteiligung Aufträge: EU-Satellitenprogramm.

Die Schweiz verspricht sich durch Beteiligung Aufträge: EU-Satellitenprogramm.
Bild: Keystone

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EU-Prestigeprojekt

Das Satellitennavigationssystem Galileo gilt als Prestigeprojekt der Europäischen Union, seit diese das System von der Europäischen Weltraumorganisation ESA übernommen hat. Allerdings kämpft die EU-Kommission mit Verspätungen und Kostenüberschreitungen.

Seit dem 25. Juli 2008 ist die EU-Kommission für die Leitung der Programme EGNOS und Galileo zuständig. Die ESA hat ihrerseits mit ihrem Knowhow auf technischer Ebene für die beiden Programme die Systemführerschaft inne.

Ursprünglich bestand das Ziel, bis 2013 ein europäisches Satellitennavigationssystem mit fünf verschiedenen Diensten aufzubauen. Nun zeichnet sich ab, dass frühestens 2014/2015 die ersten 18 Galileo-Satelliten im All sein werden. Das Vorläufersystem EGNOS, das die Positionsgenauigkeit der GPS-Daten für Europa verbessert, ist seit Oktober 2009 in Betrieb.

Letztlich soll das System 30 Satelliten umfassen. EU-Diplomaten gehen davon aus, dass das komplette Galileo-System bis 2017 Realität werden könnte. Ein Hauptgrund für die Verzögerung ist, dass die Europäer von den Russen Raketen und Mannschaft einkaufen müssen.

Denn nur die russischen Sojus-Raketen können im Moment die Satelliten ins All bringen. Diese sollen ab dem europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana starten. Russland baut dort auf Grund eines Abkommens mit Arianespace eine Sojus- Startplattform.

Die europäische Trägerrakete Ariane-5 wäre zwar erste Wahl, ist aber für nur zwei Satelliten pro Start zu gross. Deshalb müsste sie zuerst umgebaut werden, bevor sie für den Transport der Satelliten wirtschaftlich sinnvoll genutzt werden könnte. Der Entscheid über einen solchen Umbau soll laut EU-Kreisen in Brüssel in den nächsten zwei Jahren fallen.

Bereits bis im Herbst will die EU-Kommission ein Kosten-Audit zu Galileo vorlegen. Verschiedentlich wurden in Medienberichten Kostenüberschreitungen ins Spiel gebracht. Der zuständige EU- Kommissar Antonio Tajani räumte im Januar ebenfalls «Probleme bei den Kosten» ein.

Bis zu 1,5 Mrd. Euro könnten zu den bisher geplanten und verfügbaren 3,4 Mrd. hinzukommen. Das wird aber erst gegen Ende Jahr klar, sobald die Vergabe aller 6 Beschaffungspakete und das Audit durch die Kommission erfolgt sind.

Die fünf Hauptsignale von Galileo

Das Navigationssystem Galileo basiert auf 30 Satelliten und soll die europäische Antwort auf das US-amerikanische GPS sein. Die fünf Hauptsignale von Galileo sind sowohl für den Alltags- und Berufsverkehr, als auch für Feuerwehr, Sanität oder Rettung interessant.


Nachfolgend ein Kurzbeschrieb der fünf Signale:

Open service: Der «offene Dienst» ist vergleichbar mit dem heutigen GPS-Signal. Er wird dereinst von entsprechenden kombinierten Geräten wie heute GPS empfangbar sein und von jedem und jeder benutzt werden können.

Safety of life: Dieser Dienst ist vor allem für den Schiff- und Flugverkehr konzipiert. Schiffe und Flugzeuge erhalten einen speziellen Empfänger. Dieser zeigt im Gegensatz zum «offenen Dienst» den Benutzern auch an, wie zuverlässig das Signal ist.

Commercial service: Dieser Dienst bietet im Vergleich zum «offenen Dienst» eine höhere Genauigkeit und wird im Vermessungs- und Bauwesen oder auch in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Er wird kostenpflichtig sein, Details dazu sind noch nicht bekannt.

Public regulated service: Dieser staatlichen Nutzern vorbehaltene Dienst ist störresistent und verschlüsselt. Er garantiert ständige Verfügbarkeit. Benutzt werden könnte er unter anderem von Polizei, Grenzwacht, aber auch Sanität, Feuerwehr oder Zivilschutz.

Search and rescue: Sendet jemand, der in den Bergen verunfallt, dieses Notsignal, registriert Galileo die genaue Position. Als «weltweite Premiere» bezeichnet Urs Frei, stellvertretender Bereichsleiter Raumfahrt beim Eidg. Departement des Innern (EDI), die Rückmeldung, die Galileo der Person in Not sendet. Damit weiss diese, dass ihr Signal empfangen worden ist.

Stichworte

Am Donnerstag werden die EU-Verkehrsminister Grünes Licht für das Verhandlungsmandat geben. Das Mandat ging ohne Diskussion durch die vorbereitenden Arbeitsgruppen, wie EU-Rats- und Diplomatenkreisen gegenüber der Nachrichtenagentur SDA in Brüssel bestätigten. Deshalb befindet es sich nun als so genannter A-Punkt auf der Agenda des Ministerrats. Diese Punkte werden im Normalfall beim Rat nur noch abgesegnet.

Der Bundesrat hatte bereits im März 2009 das Schweizer Verhandlungsmandat beschlossen - unter anderem mit dem Ziel, einen weitgehenden Zugang zu den Dienstleistungen des Systems zu erhalten. Die Schweiz will ihre Beteiligung an den beiden Programmen auch unter der neuen EU-Verantwortung fortsetzen.

Bisher war die Schweiz als Mitglied der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) an den Projekten beteiligt. Vor allem wirtschafts-, aussen- und sicherheitspolitische Interessen werden als Gründe für die Verhandlungen von Schweizer Seite angeführt.

Interesse der Industrie

«Die Schweizer Industrie ist interessiert daran, bei den Ausschreibungen für Galileo teilnehmen zu können», erklärt Daniel Klingele, Sprecher der Schweizer Mission bei der EU in Brüssel. Kontakte zwischen der EU und der Schweizer Industrie würden bestehen. Ob Schweizer Unternehmen später uneingeschränkt mitbieten können, wird Gegenstand der Verhandlungen sein.

Mit Galileo will die EU ein modernes, auf 30 Satelliten beruhendes, System aufbauen, das unter ziviler Kontrolle steht. Dies im Gegensatz zum vom US-Militär kontrollierten GPS, das in Krisen- oder Kriegszeiten auch schon seitens der USA abgeschaltet wurde.

Mögliche Anwendungsbereiche von Galileo sind primär der Flug-, Schifffahrts-, Schienen- und Strassenverkehr. «Aber auch die Netzwerksynchronisierung im Energiesektor, der Bereich E-Commerce der Versicherungs- und Bankenbranche sowie die Rettungs- und Katastrophendienste könnten von Galileo profitieren», erklärt Klingele.

Langer Weg von der ESA zur EU

Für die Umsetzung der EU-Pläne wurde 2004 ein Rahmenabkommen zwischen der EU und der ESA unterzeichnet. Für das globale Navigationssystem Galileo wurden die ersten Projektphasen noch unter Verantwortung der ESA durchgeführt. Seit Juli 2008 ist die EU für die beiden Programme EGNOS und Galileo zuständig, ein Grossteil der Arbeiten wird von der ESA ausgeführt.

«Die EU hat erkannt, wie wichtig der Weltraum ist», erklärt dazu Urs Frei, stellvertretender Leiter Raumfahrt beim Eidgenössischen Departement des Inneren (EDI). Mit der Verankerung der Raumfahrtpolitik im Vertrag von Lissabon findet der Weltraum offiziell auch erstmals Einzug in einen EU-Vertrag.

Die Schweiz ihrerseits hat seit Oktober 2008 eine eigene Weltraumpolitik, die nur in internationaler Zusammenarbeit erfolreich sein kann. Deshalb muss sich die Schweiz laut Frei überlegen, wie sie sich positionieren will. «Es liegt auf der Hand, dass sich die Schweiz bei den Europäern weiter engagiert», so Frei, statt bei Russland oder den USA.

Optimale Bedingungen schaffen

In den ersten Verhandlungsrunden wird zu klären sein, was in ein bilaterales Abkommen aufgenommen werden soll und welche Bereiche schon anderweitig geregelt sind. Vorbildcharakter für die Verhandlungen könnte ein bilaterales Abkommen haben, das die EU mit Norwegen abgeschlossen hat.

Der Bundesrat will mit dem Abkommen optimale Bedingungen für die schweizerische Raumfahrts- und Dienstleistungsindustrie bei der Auftragsvergabe schaffen. Zudem wird ein Einsitz- und Mitspracherecht in den massgeblichen EU-Gremien angepeilt. (mt/sda)

Erstellt: 21.06.2010, 15:33 Uhr

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