Zu lang, zu banal, zu humorfrei
Anleitung zu einer guten Rede
Eine Ansprache zur Bundesfeier ist keine leichte Sache. Man sollte sie sich aber auch nicht unnötig erschweren.
Von Markus Dütschler
Lästerer behaupten, Journalisten hätten am Vormittag von einer Sache keine Ahnung und am Nachmittag seien sie Experten. So falsch ist das nicht. Jeden Tag kommen neue Themen auf uns zu, und die Universalgelehrten sind seit Albrecht von Haller selten geworden.
Auch Feiertagsredner machen schnell Karriere. So wurde der Schreibende angefragt, ob er in Oberuzwil, seinem sankt-gallischen Herkunftsort, eine 1.-August-Rede halten würde. Beim Pausenkaffee in der Redaktion genügte der Hinweis, er habe ein «Jöbbli» in der Ostschweiz gefasst, schon bekam er ein zweites: als «Experte» für 1.-August-Reden. Als Fachkraft stimmt er dem Kollegen Lettau zu: Das Erhabene und das Lächerliche liegen nahe beisammen. Falsche Metaphern können Lacher erzeugen, wo heiliger Ernst walten sollte. Die Verengung des Heimatbegriffs auf sein «Käffli» ist bieder, Plattitüden lauern überall.
Weinerlichkeit und Pathos
Die «Bund»-Kollegen, die auf der gegenüberliegenden Seite zwei Reden verfasst haben, vermeiden Sauglattismus. Sie meinen es ernst. Dennoch möchte man Kollege Ott sagen, dass eine Bundesfeier kein Anlass ist, um Verfehlungen und Versäumnisse des Vaterlandes zu beklagen. Es ist kein guter Zeitpunkt für eine Busspredigt. Niemand breitet an Grossättis Wiegenfest die Schattenseiten des Jubilars aus, sondern hebt das Positive hervor, um in einem Nebensatz womöglich anzutönen, dass der Gefeierte auch schwierige Seiten hat.
Es zeigt sich, dass kritische Redner mit eher linkem Standort Mühe mit 1.-August-Reden haben. Sie leiden am Staat, wünschen sich eine andere Gesellschaft und sind unzufrieden. Wären sie glücklicher, wenn alles nach ihrem Gusto verändert wäre? Man darf es bezweifeln. Die Rede von Kollegin Benovici enthält ein gewisses Pathos. Sie ruft Bürgerinnen und Bürger auf, nicht nur Rechte zu konsumieren, sondern auch die Pflichten zu erfüllen. Das ist sicher richtig, doch sollten die Zuhörer kein schlechtes Gewissen bekommen. Oft kommen gerade jene an Bundesfeiern, die sich schon stark engagieren. Zulässig ist es sicher, Perspektiven aufzuzeigen, damit das Publikum nicht in satter Selbstgefälligkeit verharrt. Der «Experte» kennt also die Fallen. Dennoch ist er morgen nicht davor gefeit, die Fehler zu begehen, vor denen er warnt: Selbermachen ist immer am schwierigsten.
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Die landestypische Literaturgattung der 1.-August-Reden kennt zwei Besonderheiten: die Vielzahl der Autorinnen und Autoren – und die Milde des Publikums. Es klatscht stets anständig. Haue gibts selten. Höflich werden Fleiss und Mühe gewürdigt, die der Rede vorangegangen sein mussten. Und es scheint, als sei die Schwierigkeit, eine empathische, feurige Rede auf die Nation zu halten, ohne dabei der Parodie bezichtigt zu werden, eine allgemein anerkannte Landesspezialität: Auch jene, die im Alltag den Mund gerne voll nehmen, stehen an der Bundesfeier ebenso gern abseits des Rednerpultes.
Flucht ins Unverbindliche
Klippen gibt es in der Tat viele. Die Vorgabe ist allein schon deshalb schwierig, weil das pathetisch Feierliche und das Komische so nahe beieinander wohnen. Das zwingt Rednerinnen und Redner zur Vorsicht – und so häufen sich unweigerlich die kunstvollen, sich im Kreis drehenden Unverbindlichkeiten, die Allgemeinplätze: «Heimat ist da, wo ich mich daheim fühle.» Starke Worte. Widerspruch zwecklos. Das Publikum nickt zustimmend und denkt: «Rieche ich da nicht schon die Bratwurst? Und wärs nicht Zeit fürs Feuerwerk?»
Durch den Sumpf in die Wüste
Direkt neben dem Unverbindlichen und dem Allgemeinplatz liegen übrigens der Irrgarten der Klischees («Die Schweiz ist mehr als Berge, Schokolade und Uhren»), die Wüste der Allerweltszitate von Gotthelf bis Kennedy («Fragt nicht, was euer Land für euch tun wird. Fragt, was ihr für euer Land tun könnt») und der Sumpf der Symbolik (Kreuz als christliches Bekenntnis, Kreuz als Kompass, Kreuz als Wegkreuzung). Ist schliesslich dieser gefährliche Sumpf durchwatet, drohen noch die Humorfalle («Kennen Sie den Unterschied zwischen Patrioten und Idioten?»), der Urwald der Plattitüden (Miesmacher ignorieren, Mut zeigen, vorwärtsgehen) und der gewaltige Tsunami der beschwörenden Appelle («Nehmen wir die Herausforderung an!»). Die fromme Seele ahnt: Mit einer 1.-August-Rede kann man noch leichter scheitern als beim Auswendigsingen der vierten Strophe der Nationalhymne – jener Strophe also, in der sich Gewitternacht und Grauen so schön auf kindliches Vertrauen reimen.
Worüber soll man reden?
In den Anfängen der Bundesfeier wars einfacher: Aus einigen Mythen galt es, ein staatserhaltendes Wirgefühl zu zimmern. Doch seit rund einem halben Jahrhundert wird von den Rednern selbstredend erwartet, dass sie sich zum Selbstverständnis der Schweiz äussern und sich eine kritische Selbstprüfung erlauben. Friedrich Dürrenmatt forderte es so: «Mich interessiert nicht die Schweiz der Vergangenheit. Die macht mich nur gähnen. Mich interessiert die Schweiz der Zukunft.» Wenn aber heute und morgen 3000 Rednerinnen und Redner die Schweiz der Zukunft entwerfen: Kann da überhaupt ein verbindender gemeinsamer Nenner entstehen? Darf man da mehr erwarten als eine von ganz Kurzfristigem geprägte Befindlichkeitsrhetorik?
Tja, das mit der Geschichte
Wer sich nicht auf zu dünnes Eis begeben will, lässt möglicherweise das Aktuelle links – oder rechts – liegen und erinnert sich halt doch an die Historie. Gründermythos, Tell, Rütlischwur, Bundesbrief. Aber auch die Geschichte ist eine unzuverlässige Bezugsgrösse geworden. So beteuerte vor Wochenfrist eine flotte, rechtsbürgerliche Jungpartei, «der erste August ist (...) seit Jahrhunderten das Datum, an dem die Schweizerinnen und Schweizer sich auf die Grundwerte des Landes besinnen. Mit dem damit verbundenen Rütlischwur wird des Willens zur Freiheit und zur Selbstbestimmung gedacht. » Es ist direkt etwas unangenehm, die Junge SVP darauf hinweisen zu müssen, dass auch sie sich historisch gesehen irrt: Den 1. August gibts erst seit 1899 als regelmässige Bundesfeier (siehe Beitrag links). Und der Rütlischwur fand nicht am 1. August 1291 statt, sondern wohl am 7. November 1307 – in jenem Jahr also, das auch in den Sockel des Altdorfer Tell-Denkmals gemeisselt wurde.
Die These vom neuen Stolz
Derzeit frohlocken historisch Uninteressierte, es gebe nun den neuen und geschichtsfreien Nationalstolz. Sie verweisen auf die etwas üppigere Beflaggung während fussballerischer Grossereignisse. Nun ja, aber wenn dies als Gradmesser dienen soll, ist dieser Nationalstolz ein anfälliges Pflänzchen. Gewinnt die fussballerische Elf, dann gewinnen wir – und der helvetische Stammtisch brüstet sich damit, wie hervorragend wir aus der multikulturellen Jugend des Landes eine sportliche Elite zimmern. Verliert das Team, haben nicht wir, sondern sie, die Deppen, verloren – und die Fussballgläubigen wechseln ihre Beflaggung auf Brasilianisch, Spanisch, Holländisch.
Redner am Rande
Wer sich die Lektüre einiger Dutzend gehaltener Reden gönnt (oder antut), kommt zum Schluss: In der bunten Willensnation so zu reden, dass halbwegs alle mitgemeint sind, ist schwierig. Geredet wird zwar oft holzschnittartig einfach – aber oft mit komplizierter innerer Verrenkung. Was der Einzelne wirklich von diesem Land denkt, ist ähnlich vertraulich wie die Höhe des Zahltags: eine intime Sache und nichts, was an die grosse Glocke gehängt wird. Und so setzt man das Auditorium halt den Gefahren des Klischeesumpfs, der Humorfalle, des Plattitüdenurwalds aus. Man würde ja vielleicht die Schweiz schon innig loben wollen, wenn man nur wüsste, dass man damit nicht missverstanden würde! Das Feld ist nämlich eng gesteckt: Wer sagt, er sei sehr stolz, Schweizer – respektive Schweizerin – zu sein, erntet plötzlich Schulterklopfen aus einer Ecke, in der er sich gar nicht beheimatet fühlt. Wer etwas demütiger sagt, er sei dankbar, in der Schweiz zu leben, riskiert die Bemerkung, er sei genau genommen undankbar, denn wäre er wirklich dankbar, dann wäre er eben stolz. Die Verortung von Bundestagsrednern folgt dem Muster: Loben Rechte, unterstellt man ihnen Blut-und-Boden-Patriotismus. Loben Linke, haut man ihnen ihre unpatriotische, internationalistische Gesinnung um die Ohren.
Liebe Bollodingerinnen!
Und so ist es nur ein klitzekleines Schrittchen zum rhetorischen Totalkompromiss: Man ist dem Festfrieden zuliebe halt einfach «froh, in diesem reichen, friedlichen Land zu leben». Und weil schon die Anrede eine schwierige Sache ist, richtet sich die Rede nicht an die Nation, nicht an alle, sondern an das unverdächtig kleine Heimpublikum: «Liebe Bollodingerinnen und Bollodinger, fragt nicht, was euer Bollodingen für euch tun wird. Fragt, was ihr für euer Bollodingen tun könnt. Nehmen wir die Herausforderung an!»
Von Helvetia zur Sünde Superbia
Und wers doch schafft, einen einigermassen kunstvollen rhetorischen Bogen von Mythen und Geschichten über christliche Werte in der multikulturellen Gegenwart bis hin zum Stolz – dem neuen Nationalstolz – zu schlagen, der riskiert bei der Bratwurst die kecke Gegenfrage. Apropos Stolz und christliche Werte: Ist Superbia – der Stolz – in der christlichen Wertewelt nicht ausgerechnet die allererste der sieben Todsünden? Aus echten Zwickmühlen gibt es eben wirklich kein Entrinnen. (Der Bund)
Erstellt: 31.07.2010, 19:55 Uhr
































