Zu religiös für J+S-Fördergelder

Weil bei ihnen eine «religiöse Mission» im Zentrum steht, verbannt der Bund über 200 evangelische Gruppen aus dem J+S-Programm.

Zahlreiche Jugendverbände dürfen künftig keine Lager unter dem J+S-Label mehr durchführen: Schweizertreffen der Jungschar EMK in Walliswil BE im August 2016. Foto: www.str16.ch

Zahlreiche Jugendverbände dürfen künftig keine Lager unter dem J+S-Label mehr durchführen: Schweizertreffen der Jungschar EMK in Walliswil BE im August 2016. Foto: www.str16.ch

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Gewöhnlich sind es Bauern oder Gewerkschafter, die auf dem Bundesplatz demonstrieren. Doch dieses Mal ziehen Kinder und Jugendliche vors Bundeshaus. Mindestens tausend Teilnehmer und Leiter christlicher Jungscharen wollen dagegen protestieren, dass der Bund sie aus dem Förderungsprogramm Jugend und Sport (J+S) wirft. Die betroffenen Organisationen hätten bei der Stadt Bern ein Gesuch für eine Kundgebung am 24. Juni oder 1. Juli 2017 eingereicht, sagt Andi Bachmann-Roth von der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA), einem Netzwerk von Christen in evangelischen Landes- und Freikirchen.

Die Kundgebung ist eine von zahlreichen Aktionen, mit denen sich mehrere Jugendverbände gegen den Bund wehren. Der Auslöser: Am 21. März hat das Bundesamt für Sport (Baspo) neun christlichen Verbänden eröffnet, dass sie ab 2018 keine J+S-Leiter mehr ausbilden dürften. Gleichzeitig bekamen 223 lokale Jungschargruppen die Ankündigung, dass sie bei J+S nicht mehr erwünscht sind. Künftig sollen sie keine Lager mehr unter dem J+S-Label durchführen dürfen; sie bekommen vom Bund kein Geld und Material mehr. Betroffen sind laut Bachmann-Roth über 8000 Lagerteilnehmer und 1200 Leiter pro Jahr.

Intervention bei Parmelin

Der Ausschluss sorgt in den Verbänden für Empörung. In nur drei Wochen haben 26'196 Personen eine Petition unterschrieben, die den Sportminister Guy Parmelin (SVP) dazu auffordert, den Entscheid rückgängig zu machen. «Die betroffenen Jugendverbände stellen sich gegen eine einseitige Disqualifizierung ihrer christlichen Überzeugungen», heisst es im Petitionstext. Indirekt sei auch die Religionsfreiheit verletzt, macht Bachmann-Roth geltend.

Mindestens ein Verband will den Rechtsweg beschreiten, sofern der Bund die angekündigte, definitive Ausschlussverfügung tatsächlich abschickt. «Wir gehen davon aus, dass wir dann den Ausschluss vor dem Bundesverwaltungsgericht anfechten», sagt Nicole Becher, Präsidentin der Jungschar der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK).

Auch politischer Widerstand regt sich: Heute Mittwoch sprechen zwei Nationalräte, Marianne Streiff (EVP) und Philipp Hadorn (SP), bei Bundesrat Parmelin vor. «J + S will nicht bestimmte Organisationen fördern, sondern die sportliche Aktivität», sagt Streiff. Es sei daher «nicht nachvollziehbar», dass eine Sportaktivität nicht förderungswürdig sein solle, nur weil sie von einer christlichen Organisation angeboten werde.

Cevi, Jungwacht und Blauring ausgenommen

Das Baspo begründet den Ausschluss damit, dass bei den neun Jugendverbänden «nicht eine offene Jugendarbeit im Zentrum ihrer Tätigkeit steht». Primär gehe es ihnen um die «Glaubensvermittlung, also um religiöse Mission». Dabei zieht das Baspo mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) gleich. Dieses subventioniert viele Jugendor­ga­nisationen, hat die evangelischen Gruppen aber schon 2014 ausgeschlossen. Mehrere von ihnen gingen damals vor Bundesverwaltungsgericht, dieses stützte aber den BSV-Entscheid. Das Baspo macht nun geltend, es müsse die Organisationen gleich behandeln wie das BSV, «im Sinne einer kohärenten Jugendförderungspolitik», sagt Baspo-Sprecher Christoph Lauener.

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Betroffen vom Ausschluss sind vor allem Jungscharen von Freikirchen wie EMK, Chrischona, Freie Evangelische Gemeinde oder Bewegung Plus. Ausgeschlossen werden aber auch mehrere Dutzend Jungscharen evangelischer Landeskirchen, die dem Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen (BESJ) angeschlossen sind. Weiterhin unterstützt werden aber der Cevi sowie die katholischen Organisationen Jungwacht und Blauring. «Religiös basierte Organisationen sind nicht per se von den Subven­tionen der Jugendsportförderung ausgenommen», sagt Lauener. Der Ausschluss betreffe «nur jene, welche die jungen Menschen nicht gemäss der Zielsetzung von J+S fördern, sondern missionarische Zwecke in den Mittelpunkt stellen».

Einseitig gegen Freikirchen?

Für diese Aussagen haben die betroffenen Organisationen kein Verständnis. «Es kommt bei mir so an, dass das Vor­gehen der beiden Bundesämter einseitig gegen die Freikirchen gerichtet ist», sagt Peter Blaser, der Geschäftsleiter des BESJ. Der BESJ stehe dazu, dass er Glauben vermitteln wolle. Trotzdem würden die Jugendlichen nicht nur religiös, sondern ganzheitlich gefördert, das heisst: sozial, körperlich, kulturell und geistig – genauso wie es das Jugendförderungs­gesetz postuliere. «Zu einer ganzheitlichen Förderung gehört gerade auch die Spiritualität», sagt Blaser. Zudem würden auch andere vom Bund subventionierte Jugendorganisationen Werte vermitteln – sei es etwa die Junge SVP, der WWF oder die Jugendabteilung der Unia.

Es sind nicht primär die finanziellen Einbussen, die die Jungscharen schmerzen. Rund 370'000 Franken J+S-Beiträge haben sie pro Jahr erhalten – weniger als 0,4 Prozent des J+S-Budgets. Mehr weh tue der Verlust des «Qualitätslabels J + S», sagt Bachmann-Roth. Die Verbände werfen den Bundesämtern auch vor, dass sie sich nie die Mühe gemacht hätten, ihre Arbeit vor Ort zu inspizieren. Darum wollten sie die Kundgebung auf dem Bundesplatz als «grossen, fröhlichen Jungscharnachmittag» gestalten, sagt Bachmann-Roth. «So können die Verantwortlichen sehen, was wir wirklich tun.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2017, 06:21 Uhr

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