Schweiz

Zwei Millionen für zwei Zimmer

Von Oliver Meiler, Monaco. Aktualisiert am 30.08.2011 94 Kommentare

In Schweizer Städten wie Zürich und Genf wird vor einer «Monacoisierung» gewarnt: Der Entwicklung zur Luxusdestination mit niedrigem Steuersatz und horrenden Mieten, wo reiche Zuzüger die Einheimischen verdrängen.

Wo auch kleine Wohnungen ohne Meersicht ein Vermögen kosten: Monaco.

Wo auch kleine Wohnungen ohne Meersicht ein Vermögen kosten: Monaco.
Bild: Keystone

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Das kränkliche Gekläffe des Schosshündchens ist lauter als der Motor. Es sitzt auf dem Beifahrersitz des Sportcabriolets, eines erstaunlich leisen Hybridmodells, das um die Place du Casino kreist. Zum dritten Mal schon in wenigen Minuten, langsam, als gäbe es etwas zu zeigen. Ist es die Sonnenbrille der Dame am Steuer? Sind es ihre zu hohen Wangenknochen? Oder ist es dieses Auto, ein wahrer Gewissensberuhiger? Der Kellner im Café de Paris lächelt: «Mein Job verbietet mir jeden Kommentar», sagt er, «die Dame ist Kundin.» Wie alle. Und nur Statistin in einem grösseren Spektakel, diesem Corso im Carré d’Or, dem teuersten Flecken Boden in Europa, mitten in Monte Carlo, dem berühmtesten der fünf Quartiere Monacos. An jeder Ecke hängt ein Defibrillator, etwa so, wie anderswo Wasserhydranten stehen. Dahinter zieht sich die Stadt den Berg hinauf wie eine graue Terrassenlandschaft. Man nennt sie «Millefeuilles», Cremeschnitten: trostlose Bauten aus Lagen von Beton und Glas, in denen kleine Wohnungen ein Vermögen kosten. Auch ohne Meersicht.

Zürcher Horrorvisionen

Wenn man in Zürich vor den Gefahren einer «Monacoisierung» warnt, dann meint man dieses Bild, diese Exzesse einer Luxusdestination mit günstigem Steuersatz, wie sie auch Zürich drohen. Oder wie sie Zürich schon kennt. Inklusive Schosshündchen auf dem Beifahrersitz protziger Karossen. «Alpen-Monaco!», hört man allenthalben und das Ausrufezeichen steht wie ein Warnfinger in der Luft. «Luxusmigranten!» So nennt man Zuwanderer mit hohem Einkommen oder grossem Vermögen. Sie kommen nicht über Lampedusa. Sie landen in Kloten, angelockt vom Standort, von Pauschalsteuern, von Chancen. Und sie zahlen «Fantasiepreise» für ihre Wohnungen. Preise, die sich die Zürcher, die Normalverdiener unter ihnen, nicht leisten können. Die sie aus den netten Quartieren der Stadt verdrängen. Und auch von den Küsten des Sees. «Ghettoisierung!», wird im Zürcher Seefeld beklagt. Und Corine Mauch schreibt in ihrem Blog: «Wir wollen keine Monacoisierung unserer Stadt.»

In Monaco erstaunt dieser Vergleich. Zwar bestreitet niemand, dass sich die Stadt in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert hat. Die Cremeschnitten stehen da wie unverrückbare, unübersehbare Mahnmale, hingeklatscht an den Berg. Und natürlich kann man diesen Wandel auch an der Bevölkerungsstatistik ablesen: 7870 sogenannte «Nationaux», Ur-Monegassen also, stehen 35'881 «Résidents», Zuwanderern aus 119 Ländern, gegenüber. Erstaunt ist man deshalb, weil die Analogie gleich mehrfach hinkt. Bereits in elementarster Weise. Monaco ist so klein, 202 Hektaren, dass es fast zweimal in den New Yorker Central Park passen würde. Nur der Vatikan ist kleiner. Das Land hat ein massives, fast unlösbares Platzproblem. Es hat keine Agglomeration. Alles ist da dicht gedrängt. Die Eisenbahn und der Bahnhof sind unter dem Boden versorgt, die Felsen sind ausgehöhlt mit Garagen und Tunnels. Monaco ist so knapp an Platz, dass es dem Meer Land abgewinnt. 17 Prozent des Territoriums sind abgerungen. Und diese extreme Knappheit verteuert die Preise. Kein Vergleich mit Zürich, wo auch Vororte dank guter Anbindung valable Alternativen sind. Hier gibt es nur Zentrum und gar keinen Platz für Parallelwelten. Alles fliesst ineinander. Noch so ein Schlagwort aus Zürich, eines mit Ausrufezeichen: «Parallelwelten!»

In Monaco hat sich der Quadratmeterpreis in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als verdreifacht: von 10'500 auf 35'000 Euro. Eine Zweizimmerwohnung kostet 2 Millionen Euro, im Carré d’Or auch schon mal doppelt so viel, wenn sie ein Penthouse ist. Zur Miete bekommt man auf dem freien Markt kaum mal eine Dreizimmerwohnung unter 3000 Euro im Monat, und die ist dann etwa 100 Quadratmeter gross, liegt auf einer der unteren Etagen, vielleicht hat sie Sicht auf eine Kurve des Circuits der Formel 1, die einmal im Jahr durchrast. Und so hat Monaco beschlossen, die «Nationaux» vor dem freien Markt, dieser Bestie, zu schützen. «Das Wohnungswesen ist das eigentliche Wesen unserer nationalen Identität», sagt Marco Piccinini, der Finanz- und Wirtschaftsminister des Fürstentums, «es macht gewissermassen unsere DNA aus.»

Wohnsozialismus als Maxime

Jeder Ur-Monegasse hat das Recht auf eine erschwingliche, subventionierte Wohnung selbst jene, die so wohlhabend sind, dass sie daneben noch andere Wohnungen besitzen, privat sozusagen. Der Staat sorgt für jeden, er will keinen Einzigen wegziehen sehen, es gibt ja nicht so viele. Niemand soll mehr als 20 Prozent seines Nettolohns fürs Wohnen aufwenden müssen. Und wenn es dennoch mehr sein sollte, dann gleicht der Staat die Differenz mit einer Wohnhilfe aus. In einem ambitiösen Programm hat Monaco in den letzten zehn Jahren Hunderte von Wohnungen erstellt, die allein den «Enfants du Pays», den Landeskindern, wie Piccinini sie nennt, vorbehalten sind. Der Minister ist selber ein Zugezogener: geboren in Rom, seit der Jugend in Monaco, eine Karriere bei Banken und Ferrari, dann Botschafter in Peking und Delhi. «Natürlich gibt es soziale und finanzielle Unterschiede in unserer Gesellschaft, doch wir federn sie ab. Das ist unser Modell.»

Konkret heisst das, dass die reservierten Wohnungen im Amtsblatt und auf der Website der Regierung ausgeschrieben werden. Die Monegassen, von denen die allermeisten als Beamte arbeiten, können sich dann bewerben. Und nur sie. Ein Punktesystem entscheidet über ihre Chancen. Als 25-jähriger, alleinstehender Studienabgänger hat man weniger Punkte als junge Familien mit mehreren Kindern oder als Behinderte. Scheint logisch. Wer einmal übergangen wird, erhält Punkte gutgeschrieben, die bei der dritten oder vierten Bewerbung entscheidend sein könnten. Das Warten sorgt für Frust. Aber der freie Markt hielte ungleich grössere Fruste bereit. Da der Staat nicht die ganze Nachfrage der «Nationaux» mit seinen Wohnanlagen bedienen kann, hat er zusätzlich einen «geschützten Sektor» geschaffen das sind Wohnungen in älteren, privaten Häusern im alten Monaco, deren Preise der Staat für die «Landeskinder» eingefroren hat. Am Boulevard d’Italie zum Beispiel. Die Wohnungen erfüllen zwar nicht alle ästhetischen Wünsche, dafür sind sie konkurrenzlos billig. Das schafft sozialen Frieden. Solche Privilegien wiegen den Neid auf. Als Monegasse vergleicht man sich gerne mit den Nachbarn jenen in Frankreich und Italien. Jeden Tag kommen 40'000 Pendler, arbeiten in Monaco, kehren am Abend zurück nach Nizza und Ventimiglia. Man möchte nicht mit ihnen tauschen. Man bildet sich hier einiges auf die Lebensqualität ein.

Steuern? Zéro!

Als Monegasse hat man ja noch andere Privilegien, Starthilfen für Frischvermählte, Vorzugsrecht bei neuen Jobausschreibungen und vor allem dieses: Man bezahlt in Monaco keine Einkommens- und Vermögenssteuern. Überhaupt keine, zéro. Auch die «Résidents» bezahlen keine. Mit den fiskalischen Anreizen geht Monaco also ein grosses Stück weiter als Zürich oder Zug. Nur die 10'000 Franzosen im Fürstentum zahlen Steuern aber nicht etwa an Monaco, sondern an den französischen Fiskus. Als Steuerparadies sieht sich Monaco dennoch nicht. Pas du tout! Dank Steuerabkommen mit 24 Ländern wurde es auch den lästigen Eintrag auf der grauen Liste der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) los. Doch wer seinen Wohnsitz nach Monaco verlegt, der sucht dort nicht nur Sicherheit und mediterranes Klima das bekommt er anderswo auch und mancherorts erst noch schöner, billiger, weniger verbaut.

Nein, wer hier eine Wohnung kauft und genügend Kapital auf ein Konto legt als Garantie, der kauft sich frei. Tennisspieler etwa, Formel-1-Fahrer, Schauspieler und Unternehmer. Viele von ihnen sind nicht oft da, Monaco ist ja keine Herzenswahl.

Die neue Misere

Das Fürstentum lebt von Mehrwertsteuern, von den Einnahmen des Casinos und von der Taxe für Immobilientransaktionen. Aber das reicht nicht immer aus. Monaco weist derzeit ein Budgetdefizit von einigen Dutzend Millionen Euro jährlich aus. Es ist kein guter Moment im Paradies. Die Finanzkrise setzt ihm besonders zu. Piccinini, der Wirtschaftsminister, wurde erst vor kurzem in ein neues Amt berufen: Er soll sich Gedanken machen, wie das Modell erfolgreicher gemacht werden kann. Möglichst schnell. Zum internationalen Bankenplatz, der mit Hongkong und Singapur rivalisieren könnte, wie man das einmal angestrebt hatte, fehlt sehr viel. Das Casino verzeichnet Gewinneinbrüche. Der Glamour ist längst weitergezogen.

Die Krise schröpft auch die reiche Klientel, jene mit Schosshündchen und Luxusboliden mit Hybridmotoren. Eine Immobilienagentin im Carré d’Or sagt: «Wir waren lange verwöhnt, jetzt ist der Markt eingebrochen.» Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, auch jenen der Agentur nicht. Man redet nicht gerne über die Misere, man möchte sie nicht noch schlechter reden. Im Schaufenster hängen viele Angebote, die keine Käufer finden. Manche der Inserate hängen schon seit einigen Monaten dort. Die reichen Russen und Ukrainer verhandeln härter als die Italiener und Briten früher. Und die Scheichs aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die sich die Preise locker leisten könnten, mögen diese kleinen Wohnungen in den grossen Cremeschnitten nicht. Auch wenn die Türme noch so schöne Namen haben: Jeder zweite trägt einen «Palace» im Namen. Selten sind es Paläste. Und wenn Nebel den felsigen Hang herunterzieht, die Jachten im Hafen umschleicht und den weiten Horizont verhängt, dann ist auch alles mediterrane Flair weg. Grau in Grau. Dann hat Monaco ein bisschen etwas von Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2011, 08:22 Uhr

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94 Kommentare

Markus Jakob

30.08.2011, 09:00 Uhr
Melden 80 Empfehlung

Und am nächsten Wochenende stimmen wir darüber ab, ob die Vermögenssteuer im Kanton Zürich halbiert werden soll. Dies muss abgelehnt werden, denn so kommen noch mehr Reiche nach Zürich, und kaufen alles, und halbwegs zahlbare Mieten werden noch seltener.... Antworten


Pêter Beutler

30.08.2011, 09:19 Uhr
Melden 79 Empfehlung

Solcher Luxus ist immer ein Zeichen von Dekadenz. Aber auch von Menschenverachtung und dummer Arroganz. Es ist eine Blase, die irgendwann platzt. Das zeigt wie krank der Kasinokapitalismus ist. In einer Welt, wo täglich 10-tausende an den Folgen des Hungers sterben, gibt man so viel für ein Zimmer aus, wie in Ländern der Dritten Welt für ein ganzes Dorf. Das wird bald ein Ende haben. Antworten



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