Zwischen den Fronten

Die Schriftstellerin Zoë Jenny kämpft energisch gegen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Sie ist selber betroffen.

«Fremdplatzierungen sind grausam», sagt Zoë Jenny. Foto: Schleyer (Ullstein Bild)

«Fremdplatzierungen sind grausam», sagt Zoë Jenny. Foto: Schleyer (Ullstein Bild)

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Wie ein aus dem Gelände aufgeschreckter Vogel flattert Zoë Jennys Stimme, wenn sie über den Fall Flaach spricht: Da tötete eine Mutter ihre beiden Kinder aus Angst, sie ins Heim geben zu müssen. In Jennys Redefluss baut sich die Wut auf wie ein Wolkenturm vor dem Unwetter. Sie redet sich in Rage: Über die Arroganz der Behörden, die sich ungefragt ins Intimste einmischen, die ­Familie. Diese sei «das Herz der Gesellschaft», sagt Jenny. Viele der Eingriffe der Kesb müssen ihr demnach vorkommen wie eine Operation am offenen Herzen – bei vollem Bewusstsein. «Wo sind wir denn hier, in einer Irrenanstalt? Es reicht jetzt!» Sie ist so aufgebracht, als wären soeben Beamte mit ihrer eigenen Tochter aus der Wohnung spaziert.

Zoë Jenny ist betroffen, denn ihre ­Bücher kreisen genau um diese Themen: existenzielle Einsamkeit, Entfremdung, Tod. Und das, was uns trotzdem am Leben hält: Liebe, Leidenschaft, Bindung. Betroffen ist sie auch, weil sie selber einer unkonventionellen Familie entstammt. Zart und geheimnisvoll war sie als 23-Jährige mit ihrem Debütroman «Das Blütenstaubzimmer» auf den Plan getreten. 1997 war ihr Buch ein tief empfundenes Stück Literatur, das einen Nerv traf. Hier berichtete eine Tochter der turbulenten 70er-Jahre von der Kehrseite all der schönen Lebens- und Liebesutopien. Sie beschrieb das Heranwachsen eines Kindes, zerrissen zwischen den Fronten: Vater, Mutter und eine befremdlichen Gesellschaft; ein Kind, das sich weder hier noch da zu Hause fühlt und nach Halt sucht, den sie in der Kultur, dem Geist, der Menschlichkeit findet, die sich keinen Konventionen unterwirft.

Weltweit erntete sie Aufsehen für die Erzählung, die das Grundgefühl einer ganzen Generation in Worte gefasst hatte. Und ebenso gnadenlos wurde sie danach abserviert. Keine andere Schweizer Autorin ist je so euphorisch hochgeschrieben und danach so brutal vernichtet worden. Vielleicht hat sie das vom Zwang, gefallen zu müssen, befreit.

Gemeinsame Sache mit der SVP

Zoë Jenny blieb in der Schweizer Literatur- und Medienlandschaft ein Enigma. Verletzlich und gefühlvoll, stark und trotzig, exhibitionistisch und verschlossen zugleich. Sie schrieb unbeirrt weiter, zog in der Welt herum, heiratete, bekam ein Kind, liess sich scheiden, fand eine neue Liebe und liess sich wieder in der Schweiz nieder. Das mediale Interesse an ihrer Person blieb gross und sie bediente es mit intimen Erfahrungsberichten über Abtreibung und künstliche Befruchtung, mit Fotostrecken zu ihrer Traumhochzeit in St. Moritz. Nie wurde ganz klar, ob es hier mehr um gesellschaftspolitisches Engagement oder Narzissmus geht.

Immer wieder wurde das Schweigen der Intellektuellen Jenny beklagt. Nun engagierte sie sich im vergangenen Jahr auf ihre Weise. Nach schlechten Erfahrungen mit der neuen Behörde Kesb um das Besuchsrecht ihrer Tochter schaltete sie die Seite «Kindergerechte Justiz» auf. Hunderte verzweifelter Eltern haben sich seither bei ihr gemeldet, um von ihren Erfahrungen zu berichten und sie um Rat zu fragen. Leute, deren Kinder ins Heim gesteckt wurden und die keine Ahnung haben, wieso. Leute, welche die Behördensprache nicht verstehen, sich aber keinen Rechtsbeistand leisten können. Jenny berät, vermittelt, vernetzt. Auch Nathalie K., die am Neujahrstag ihre Kinder tötete, hatte sich dort gemeldet. «Der verzweifelte Ton zieht sich durch viele Einträge», stellt Jenny fest. «Ist das pure Ignoranz der ­Behörden?» Unmenschlich sei dieses System, Zeugnis eines europaweit einzigartigen Behördenwahns, sagt sie.

Das hat sie darin bestärkt, politisch gegen das neue System im Kindes- und Erwachsenenschutz vorzugehen. Sie plant eine Volksinitiative zur Abschaffung der Kesb, in Pirmin Schwander von der SVP hat sie dabei einen Verbündeten gefunden. Das ist ungewöhnlich. Schweizer Künstler hegen selten Sympathien für die Anliegen der SVP, und noch seltener machen sie sich mit deren Sache gemein. Aber Jenny pfeift darauf. Von Kindsbeinen an ist sie zwischen den Fronten gestanden und hat ihren eigenen Weg gesucht.

Jenny wuchs in Basel auf. Die Eltern dachten linksliberal; zu Hause wurde viel über Gesellschaft, Politik, die Schweiz und ihre direkte Demokratie geredet. Die Mutter verliess die Familie – Jenny und ihr Bruder wuchsen beim Vater auf. Wer Matthyas Jenny kennt, kann es sich leibhaftig vorstellen: Er ist ein gebildeter, welterfahrener Mann, ein Macher, der jahrelang die Basler Literaturszene prägte. Heute betreibt er eine kleine Buchhandlung in Basel. Das Familienleben war turbulent, sagt sie. «Es ging chaotisch zu. Da stand nicht immer das Essen um 12 Uhr auf dem Tisch – na und? Es war nicht immer lustig, aber ich hatte ein Recht darauf.» Die Familie entsprach auch in den Achtzigerjahren nicht der Norm, aber es wurde akzeptiert. Und sie war das Milieu, in dem die Schriftstellerin ihre Berufung finden musste. Hätte es damals eine Kesb gegeben, glaubt Jenny, wäre sie wohl ins Heim gekommen. Und mit ihr die halbe Generation der 68er-Kinder.

Sicher ist: Die Gesellschaft ist heute weniger gewillt, Abweichungen von der Norm in Kauf zu nehmen als noch vor 30 Jahren. Je genauer unsere Instrumente zur Vermessung der Gesellschaft werden, desto eifriger pathologisieren wir alles Sperrige. Familien wie die Jennys, Menschen wie Zoë Jenny und ihre Eltern, würden heute noch mehr aus dem Rahmen fallen. Auch damit hat ihr Engagement zu tun, denn sie sieht sich selber als Spezialfall. «Ich bin mit niemandem einverstanden am Schluss. Dazu bin ich zu kompliziert.»

Mit ihrem Kampf gegen die Kesb erntet Jenny nicht nur Beifall. Schliesslich rührt ihr eigener Konflikt mit der Behörde aus einem Streit mit dem Vater ihrer Tochter, der in Bali ein Tierheim für streunende Hunde führt. Jenny wehrte sich dagegen, dass die Tochter beim Vater im Hotel übernachten darf, wenn er sie in der Schweiz besucht. Jenny sieht sich im Recht und wirft der Behörde vor, sich vom Vater instrumentalisieren zu lassen. Für viele Väter, die ihre eigenen Kinder nach einer Scheidung nicht sehen dürfen, ist eine solche Haltung unverständlich.

«Wer definiert instabil?»

Jenny ist das egal. Mit ihren klaren blauen Augen und dem professionellen Lächeln war sie immer schon eine perfekte Projektionsfläche für alles Mögliche: Neid, Missgunst, Häme. Sie hat schon zu viel erlebt, um sich damit aufzuhalten. Hier geht es um die Sache, dafür setzt sie sich ein. Und nervt sich im nächsten Augenblick darüber, dass die Journalisten auf ihre Person fixiert sind, ihre Geschichte erzählen wollen, anstatt die Sachlage zu analysieren. War Flaach nicht Weckruf genug? Sie redet sich in Rage, wird wütend und herrisch: «Ihr Journalisten, macht doch mal euren Job richtig. Ich bin nicht wichtig, ich bin vollkommen uninteressant», sagt sie. «Wichtig sind diese Kinder. Fremdplatzierungen sind grausam und brutal.» Und was, wenn Kinder tatsächlich gefährdet sind, vernachlässigt werden? «Nathalie K. hat überhaupt nichts getan, das die Fremdplatzierung ihrer Kinder gerechtfertigt hätte!» Es gab Gefährdungsmeldungen. «Wegen instabiler Familienverhältnisse? Muss man Fahrenden ihre Kinder wegnehmen, geschiedenen Eltern, überforderten Müttern? Wer definiert instabile Familienverhältnisse?»

Als denkender Mensch sei sie selbstverständlich ein politischer Mensch. Das ist alles eins, sagt sie ungeduldig. Ihre Einstellung sei liberal, sie wünsche sich möglichst viel Eigenverantwortung für den Einzelnen, vom Parteiprogramm her fühlt sie sich am ehesten der FDP zugehörig. Allerdings hat sie auch keine Berührungsängste. «Ich beschäftige mich nicht mit Parteien, sondern mit Menschen.» Sie schliesst sich mit denen zusammen, die sie überzeugen und ihre Anliegen teilen, denn um eine Initiative zu lancieren, braucht es Geld und Unterstützung. Nicht, dass ihr das besonders Spass macht, aber sie fühlt sich durch die vielen Mails, die sie über ihre Website erreichen, auch verantwortlich.

«Es ist mir vollkommen egal, wer das in die Hände nimmt. Es geht darum, dass man demokratisch entscheiden muss, welche Behörden das Land will.» sagt sie. Die Kesb wurden vom Parlament eingeführt, nicht aufgrund eines Volksentscheids. «Die direkte Demokratie ist etwas Schönes von diesem Land.» Am Schluss habe die Schweiz die Behörden, die sie verdiene.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2015, 23:24 Uhr

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