Als Dürrenmatt Blocher inspirierte

Vor einem Vierteljahrhundert hielt Friedrich Dürrenmatt der Schweizer «Classe politique» in seiner Gefängnisrede den Zerrspiegel vor. Ein Zuhörer nahm sein Gleichnis wörtlich.

Dürrenmatt während seiner Rede zur Ehrung des tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel (1. Reihe, 3. v. l.) 1990 am GDI in Rüschlikon.

Dürrenmatt während seiner Rede zur Ehrung des tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel (1. Reihe, 3. v. l.) 1990 am GDI in Rüschlikon. Bild: Walter Bieri /Keystone

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Friedrich Dürrenmatt war in Rage über den wenige Monate zuvor bekannt gewordenen Fichenskandal: Der Schweizer Staatsschutz führte im vergangenen Jahrhundert über 900 000 Personen und Institutionen auf Registerkarten und nannte diese Karteikarten - liebevoll und für heutige Ohren etwas antiquiert - «Fichen». Dahinter standen Millionen von Akten, zeitweilig war die Schweiz in Sachen Staatsschutz eine Mini-DDR. Informelle und formelle Mitarbeiter beobachteten Nachbarn, durchwühlten Abfallsäcke, sammelten Flugblätter und unterwanderten Arbeitsgruppen.

Die Schweiz hat diesen Skandal nur halbherzig aufgearbeitet. Zwar wurde das Ausmass der Bespitzelung bekannt, die Betroffenen erhielten Einsicht, vieles aber war zuvor eingeschwärzt worden. Einige Amtsträger wurden abgesetzt oder versetzt, unter ihnen der Chef der Bundespolizei und auch der Chef einer geheimen Untergrundarmee. Die obersten politischen Verantwortlichen aber wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Viele von ihnen sassen im November 1990 im Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon unter den Ehrengästen im Publikum, gekommen in harmonischer Absicht und Festfreude, um den Freiheitskämpfer Havel zu feiern. Nun waren sie mit einer unbequemen Rede Dürrenmatts konfrontiert, der ihnen den Zerrspiegel vorhielt. Er sprach nicht von den Horrorgefängnissen und der politischen Verfolgung im ehemaligen Ostblock, darüber hatte er anlässlich der sowjetischen Invasion in Prag 1968 an den Theatern in Basel und Zürich gesprochen. 22 Jahre später sprach er vom Luxusgefängnis Schweiz, das wir uns selber gebaut hätten und seither beaufsichtigen. Die Gefangenen seien darin ihre eigenen Wärter und zugleich frei. Unfreies ausländisches Personal war für den Putzdienst besorgt und polierte die Gitterstäbe. Diese Gitterstäbe schützten in zwei Richtungen, nach aussen und innen ? und damit auch vor dem Chaos in der Welt.

Dürrenmatt war kein Ideologe und kein Linker. Man konnte seine Ausführungen folglich nicht im Links-rechts-Schema verorten. Er war Schriftsteller und Maler und drückte sich als Maler im expressionistischen Stil seiner Jugend aus. Er sah die von zwei Kriegen rundum unversehrte Schweiz nicht als umsichtige, wehrhafte Insel, sondern glücklich verschont aufgrund ihrer für die Kriegsmächte lebenswichtigen Verkehrswege. Widerstand, der nicht geprüft wurde, beweise nichts, meinte er. Die Abschottung hätte zu einer eigenen Form unfreien Denkens und Handelns geführt. Dürrenmatt sprach nicht über die Wehrpflicht, sondern über die Wärterpflicht, die in diesem Gefängnis bestand, in dem die Gefangenen zugleich die Wärter waren.

Gefängnisbild als Groteske

Das war expressionistisch überzeichnet mit hartem Strich und schrillen Farben, denn schon die damalige Schweiz war stolz auf ihre Freiheitsrechte, die anwesenden Zuhörer von Dürrenmatts Winterrede ganz besonders. Nicht alle mit gutem Grund: Der Zürcher Bildungsdirektor Alfred Gilgen etwa, der kurz davon stand, als Regierungspräsident ehrenvoll bestätigt zu werden, hatte in seinem Amt dafür gesorgt, dass die inhaltliche Freiheit in Lehre und Forschung im Kanton Zürich enge Grenzen hatte. Als Entlassungsgrund reichte in seiner Zeit schon, wenn eine Lehrerin mit ihrer Klasse ein Buch des Nonkonformisten Walter Matthias Diggelmann las – auch dieser übrigens ein Expressionist, der schrille Konturen liebte.

Dürrenmatt deklarierte sein Bild der Schweiz als Gefängnis ausdrücklich als Groteske. Er hielt diese Form für am besten geeignet, um die Komplexität und Unübersichtlichkeit von Moderne und speziell Postmoderne zu zeichnen und nicht in ein zu einfaches ideologisches Links-rechts-Schema zu verfallen. So war auch sein Bild der Fichen als Aktenberge zum topografischen Schutz des Gefängnisses Schweiz grotesk. Laut Dürrenmatt hatte sich dieses Aktengebirge quasi naturgesetzlich selber angelegt. 25 Jahre später bezeichnete der für die Hochphase der Fichen verantwortliche Bundespolizeichef dieses Naturphänomen als bürokratische Notwendigkeit: Die Fichen seien ein «internes Arbeitsinstrument» gewesen und hätten «Geschäftskontrollcharakter» gehabt.

Dürrenmatt war nicht nur ein Meister der Groteske, sondern als ehemaliger Student der Philosophie auch ein Meister der Dialektik. Demnach beinhaltet ein Phänomen stets auch seinen Widerspruch und schlägt im höchsten Punkt seiner Verwirklichung oft ins Gegenteil um: Radikal angestrebte Freiheit in Unfreiheit (was die freie Schweiz zum Gefängnis zu machen droht), die Suche nach einem neuen («guten», «perfekten», «unsterblichen», «fehlerlosen») Menschen oder guten Schweizer bringt in der Regel seine schlechten Seiten hervor, die technologische Beherrschung der Naturkräfte deren Entfesselung. Die höchste Rationalität des Menschen kann zur höchsten Irrationalität führen. Im Wettrennen in der Alters- und Genforschung werden Alter und Tod inzwischen für überwindbar gehalten. Ziel ist etwa ein vor dem Tod einfrierbarer und später auftaubarer Mensch oder ein junger Erwachsener, der ohne Alterung über mehrere Jahrhunderte zeitlos bleibt. Allesamt Wiedergänger von Dürrenmatts «Meteor».

Dürrenmatts Bild, das er schuf, erwies sich als prophetisch.

Die Zuhörerschaft am Gottlieb-Duttweiler-Institut reagierte ihrerseits dialektisch auf Dürrenmatts Winterrede: Viele Gesichter lachten und versteiften sich zugleich, die Anwesenden vergnügten und ärgerten sich in einem. Es war, als ob man ihnen einen konkaven Spiegel mit Verzerrungseffekt vorhalten würde ? das kränkt, befreit allerdings auch von Eitelkeit. Am Ende dominierte bei den Amtsträgern Ablehnung – vielleicht auch, um sich das dürrenmattsche Bild vom Leib zu halten. Einzelne hielten die Ausführungen dieses, wie sein Alterswerk «Stoffe» zeigt, grossen Intellektuellen für «primitiv», andere ihn selber kurz vor seinem 70. Geburtstag für «senil» und damit einer vertieften Auseinandersetzung nicht wert.

In einer vorderen Reihe, als Zweiter von rechts, sass Christoph Blocher, damals in der Mitte seiner Karriere, 50-jährig. Er war in der gesellschaftlichen Elite angekommen, besass eine vom Staat mittels Subventionen aufgebaute Chemiefabrik in den Bergen mit Ausläufern im Unterland und bis nach China. Er hatte als Testpilot die Shareholder-Value-Theorie seiner Gruppe geprobt. Der Test war erfolgreich verlaufen, der Wert der Firma hatte sich nach dem Erwerb in kurzer Zeit vervierzehnfacht. Daneben war ihm Zeit geblieben für Spekulationen auf den Finanzmärkten, als Verwaltungsrat der Bankgesellschaft, Oberst der Luftschutztruppen, Nationalrat, kantonaler Parteipräsident und für eine Familie mit vier Kindern, denen sich mehrheitlich seine Ehefrau widmete. Er war auch der Testpilot für einen neuartigen Mix aus privat gelebter Traditionalität und im Geschäft gelebter Globalisierung. So sollte auch seine traditionelle, von der Globalisierung bedrohte Bauern- und Gewerbepartei neu ausgerichtet und anstelle der durch Fichenskandal und Verfilzung mit der kriselnden Wirtschaft geschwächten FDP zur neuen patriotischen Speerspitze des Bürgertums werden. Wenige Jahre zuvor hatte er neben die Partei eine grosse bürgerliche, an der Tradition orientierte NGO namens Auns gestellt, die als nationalistische Sammelbewegung der Zivilgesellschaft auch die rechten Ränder integrieren sollte.

Dieser Zuhörer amüsierte sich. Er erinnert sich heute noch mit Freude an den letzten Satz dieser Rede. Dürrenmatt endete mit einem Auszug aus Platons «Politeia», als Odysseus das letzte Los bleibt, um auf die Erde zurückzukehren. Odysseus’ Seele, müde nach all den Abenteuern und Irrfahrten, wünscht sich Beschaulichkeit und Ruhe und wählt das Los, Schweizer zu sein. Dürrenmatts Kritik an der Schweizer Abschottung hat Blocher als «Nebensatz» in Erinnerung. Ein Nebensatz, der ihn freilich inspirierte, dieses Luxusgefängnis auszubauen.

Dürrenmatts Bild war eine Groteske, der Spiegel, den er den Zuhörern in seiner Winterrede vorhielt, ein Zerrspiegel. Aber das Bild, das er schuf, hat sich aus heutiger Sicht auch dank der politischen Begabung dieses Zuhörers als prophetisch erwiesen – eine Gabe, die diesen Schriftsteller auch als Theatermacher zu einem der ganz Grossen im 20. Jahrhundert macht: Seine «Physiker» haben inzwischen 50 Jahre weitergeforscht und suchen im Grossen und Kleinen nach schwarzen Löchern, dunkler Materie und den Dimensionen vier, fünf, sechs und sieben. Sie schiessen Protonen mit Lichtgeschwindigkeit auf Bleikerne in einem Tunnel, nahezu so lang wie zwei Gotthardröhren zusammen – ein Held, wer darob nicht verrückt wird.

Dürrenmatts alte Dame besucht heute in Gestalt eines jungen Investors das Bündner Bergdorf Vals. Der einst von seinen Schulkameraden gehänselte Bauunternehmer Remo Stoffel ist im Unterland zu Geld gekommen und hat seinem Bergdorf zur touristischen und kommerziellen Belebung 300 Millionen Franken zum Bau des höchsten Turms in den europäischen Alpen versprochen, dazu ein Park in der Flusslandschaft und ein Helikopterlandeplatz. Im Unterschied zu Dürrenmatts alter Dame verlangt dieser Rückkehrer keine Rache für frühere Kränkungen, die nachträgliche gesellschaftliche Anerkennung reicht ihm.

Dürrenmatts Prophetie und die Aktualität seiner Grotesken haben ihn heute weltweit zu einem der meistgespielten Dramatiker gemacht. Sein Werk wurde inzwischen in 50 Sprachen übersetzt, und der Prophet wird sogar im eigenen Land vermehrt gehört: Das Zürcher Schauspielhaus liess in den vergangenen Jahren die zwei grossen Dürrenmatt-Klassiker auf der Bühne auferstehen, überzeichnete sie in ihrer Groteske zusätzlich, momentan etwa in der Inszenierung des Ungarn Viktor Bodó. Offenbar scheint Dürrenmatts Thema 25 Jahre nach Ende des Ostblocks auch dort aktuell.

Einer nahm die Rede wörtlich und die Mahnung als Rezept.

Es ist folglich zu vermuten, auch Dürrenmatts Bild der Schweiz als selbst gewähltes und in Unabhängigkeit selbst verwaltetes Gefängnis sei aktuell. Umso mehr, als sich besagter Zuhörer von Dürrenmatts Rede aufgemacht hat, die Gitterstäbe, die – wie erwähnt – in beide Richtungen schützen und abschotten, stärker zu befestigen. Zwar ist es ihm nicht gelungen, den UNO-Beitritt der Schweiz zu verhindern – gut so, denn die UNO ist bei aller Unvollkommenheit einer der wenigen historisch halbwegs erfolgreichen Versuche, in der Pulverfabrik Welt das Rauchen zu beschränken. Es ist ihm nicht gelungen, die Gleichstellung der Geschlechter in der Ehe zu verhindern. Gut so, denn das neue Eherecht hat die Schweiz in einem wichtigen Punkt modernisiert. Und es ist ? Stand heute ? noch nicht gelungen, zu verhindern, dass die Schweiz – mitten in Europa gelegen – einen einigermassen vernünftigen bilateralen Weg im Verhältnis zur EU gefunden hat.

Aber Blocher hat sich von Dürrenmatts Bild womöglich unbewusst inspirieren lassen und ist mit seiner Partei daran, es zu perfektionieren. Und dies gleich in vielerlei Hinsicht: Man will mit einer Initiative das Bankgeheimnis in der Verfassung verankern und damit den automatischen Informationsausgleich bei Verdacht auf Steuerdelikte verhindern. Dabei spielte die Schweiz in dieser Domäne während 70 Jahren zusammen mit anderen Steueroasen ? ein ähnlich veraltetes Wort wie «Fiche» ? eine höchst unrühmliche Rolle, indem sie die Steuerhoheit anderer demokratischer Staaten mit einem unmoralischen Geschäftsmodell unterlief. Das waren bei weitem nicht nur «Steuerhöllen», und das Ende dieses Geschäftsmodells hat auch, wie wir heute sehen, nicht zum Untergang der Branche geführt. Dürrenmatt hat übrigens in seiner Havel-Rede die Vermutung geäussert, das Gefängnis Schweiz habe noch einen anderen Zweck: den Schutz des Bankgeheimnisses.

Zerfall Europas in seine Regionen

Die Partei des Musterschülers unter den Zuhörern setzt heute mit Masseneinwanderungs-, Ausschaffungs- und Durchsetzungsinitiative die Fortsetzung des bilateralen Weges mit der EU vorsätzlich aufs Spiel. Sie fördert damit das, was Dürrenmatt als drohenden Zerfall Europas in Regionen beschrieb. Dabei hat die EU in den letzten 70 Jahren in der Pulverfabrik Europa das Rauchen nicht nur beschränkt, sondern ganz verboten ? als Massnahme nicht unvernünftig. Sie hat den Krieg, wie sich der französische Aussenminister Robert Schuman als einer der Väter der europäischen Friedensperspektive nach drei Kriegen zwischen Deutschland und Frankreich innert einem Dreivierteljahrhundert ausdrückte, «impossible» («unmöglich») statt nur «impensable» («undenkbar») gemacht.

Weitere Bauvorhaben am dürrenmattschen Gefängnis sind in der Partei unseres Zuhörers schon in Projektierung: Der absolute Vorrang «Landesrecht vor Völkerrecht» etwa ? damit würde der wichtigste Pfeiler des Völkerrechts in der Schweiz wackeln: die Menschenrechte. Sie sind bei allen Schwierigkeiten ihrer Umsetzung eine Art Richtschnur der Völkergemeinschaft geworden. Sie haben auch dank Schweizer Mitwirkung mit dem Kriegstribunal in Den Haag eine wirksame Sanktionsinstanz gefunden. Es zeichnet sich ab, dass die Partei dieses fanatischen Zuhörers irgendwann auch die Grenzen schliessen und/oder nach österreichischem Vorbild Migrationsquoten einführen will. Auch das wäre an der Urne chancenreich, ist aber nur mit dem Ausstieg aus der völkerrechtlichen Verpflichtung des Non-refoulements zu haben: Das Verbot der Rückschaffung gefährdeter Menschen müsste aufgehoben werden.

Dürrenmatt prophezeite als Grossmeister der Dialektik den Umschlag radikal verfolgter Unabhängigkeit in ihr Gegenteil: Diese Form nationaler Unabhängigkeit ist zwar kurzfristig verlockend, aber nur in der dürrenmattschen Fiktion zu haben, wenn Gitterstäbe vor den Problemen der Welt schützen. Die Schweiz ist heute in allen Fragen, die sich nur global lösen lassen, von den Entscheidungen anderer mit abhängig. Alle wichtigen ungelösten Probleme dieser Welt sind nur global anzugehen: die Migration aufgrund von Bedrohung oder Perspektivenlosigkeit, das Wohlstandsgefälle, die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung, der weltweit gefährdete Religionsfriede.

Unser amüsierter Zuhörer hat Dürrenmatt wörtlich genommen und seine Mahnung als Rezept. Das hat damit zu tun, dass diesem Politiker die Ausdrucksmittel des grossen Schriftstellers und Ironikers ?die expressionistische Groteske, die Dialektik ? fremd sind. Dürrenmatt war in seiner letzten öffentlichen Rede von den durch Alter und Krankheit schwindenden Kräften gezeichnet. Er war Diabetiker und hatte schon drei Herzinfarkte erlitten. Drei Wochen später war der grosse Schriftsteller und unbequeme Seher tot.

Wir sollten seine kurz vor dem Tod ausgesprochene Mahnung nicht wörtlich nehmen, aber ernst. Jetzt besonders, wo sich die grösste politische Partei dieses Landes anschickt, seine Groteske zur Realität werden zulassen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.02.2016, 09:40 Uhr)

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