Aus der Hölle von Aleppo nach Muttenz BL

Der US-Angriff löst keine Probleme, sagt Salah. Eine Reportage über die Reise der Familie Hussein von Athen nach Basel.

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«Trump ist nicht unser Befreier», sagt Salah. «Leider.»

Salah Hussein, 29, Familien­vater, eigentlich stolzer Bürger einer Kleinstadt bei Aleppo, ist seit Ende März Flüchtling in einem Auffangzentrum in einem Industriegebiet bei Basel. Er hat den ganzen letzten Freitag nichts mitbekommen von den 59 Tomahawk-Marschflugkörpern, die US-Präsident Donald Trump auf die syrische Luftwaffenbasis al-Shairat abfeuern liess. Zum ersten Mal griffen die USA den syrischen Machthaber Bashar al-Assad direkt an. Den Mann, der Salahs Stadt Aleppo zertrümmern liess, der laut USA Männer, ­Frauen und Kinder mit Nervengift vergaste.

«Wir sind laufend am Handy und in Kontakt mit unserer Heimat», sagt Salah. «Aber wir haben andere Sorgen, nicht Assad und Trumps Raketen.» Seine Schwester Jihan fällt ihm ins Wort. «Gestern hat eine Schwester angerufen. Sie hat geweint. Unsere Mutter hatte einen Schlaganfall, sie ist halbseitig gelähmt. Sie kann kaum noch laufen.» Die Familie hat Angst. Von Basel aus können sie nicht helfen.

«Wir haben andere Sorgen, nicht Assad und Trumps Raketen.»Salah Hussein

Salah und Jihan gehören zu einer speziellen Flüchtlingsgruppe. Am 14. September 2015 beschloss der Bundesrat, 600 besonders verletzliche Vertriebene aus den griechischen Flüchtlingslagern aufzunehmen, vor allem Familien mit Kindern aus Syrien. In den letzten Wochen und Monaten ­kamen die ersten Menschen dank diesem sogenannten Relocation-Programm in die Schweiz. Darunter Salah und seine Familie.

Die SonntagsZeitung hat die Familie von Griechenland aus bis in die Schweiz begleitet. Geflohen ist sie im Dezember 2014, als die Region rund um Aleppo zur Kriegshölle wurde. «Wir waren umzingelt vom Islamischen Staat (IS), und das nahe Aleppo lag unter einem Bombenteppich der Regierungstruppen», erzählt Salah.

Assads Soldaten standen vor der Tür

Wenn Jihan von ihrem Heimatdorf nach Aleppo reisen wollte, musste sie serienweise Checkpoints des IS passieren. «Ich musste mich voll verschleiern», erzählt sie. «Auch mit Handschuhen.» Die Kontrollen waren eine Tortur. «Vor dem Krieg dauerte die Reise nach Aleppo eine Stunde. Mit dem IS waren es am Schluss 14 Stunden.»

Salah lebte im Bereich der Regierungstruppen. Seinen Militärdienst hat er bereits absolviert, als eines Tages Soldaten Assads an seiner Tür klopfen und ihm verkünden, er sei als Reservist eingezogen. Salah hat gerade geheiratet. Seine Frau ist erst 17 und auf ihn angewiesen. Ihr gemeinsames Leben wäre zerstört, zöge er nun auf die Schlachtfelder Syriens.

Salah verkauft also Hab und Gut und flüchtet mit seiner jungen Frau nach Istanbul. Dort kommt seine Tochter zur Welt. Er arbeitet hart auf einer Baustelle. Die Konkurrenz ist gross. 20 000 syrische Flüchtlinge leben in ihrem Istanbuler Quartier. Alle suchen Arbeit, um sich über Wasser zu ­halten.

Entweder nach Europa oder das Aus

Als sein Polier ihm zwei Monate lang keinen Lohn mehr auszahlt, ist seine junge Familie erneut in Gefahr. Dazu ist er nun auch noch verantwortlich für seine jüngere Schwester Jihan, die zu ihnen stösst. «Wir hatten nur noch einen Ausweg», sagt Salah. «Entweder wir schaffen es nach Europa, oder wir stehen vor dem Aus.»

Doch gerade in diesem März 2016 stehen die Verhandlungen der EU mit der Türkei über eine Schliessung der Balkanroute vor dem Abschluss. Verzweifelt versucht die Familie, auf die griechische Insel Chios zu fliehen, bevor das Tor für immer zugeht. Die Flucht ist gefährlich. Keiner von ihnen kann schwimmen. «Wir haben es fünfmal probiert», erzählt Salah. Nach einem der Versuche landen Schwester Jihan und Ehefrau Linda in einem türkischen Gefängnis.

Am 13. März 2016 schafft es Salah mit Frau, Schwester und Baby schliesslich auf griechischen Boden. Sieben Tage später tritt das Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei in Kraft. Die Flücht­linge, die eine Woche nach ihnen ankommen, werden von den Griechen teilweise zurück deportiert.

«Ich habe meine Technik in Griechenland perfektioniert. Ich hoffe, ich kann in der Schweiz als Coiffeuse arbeiten.»Jihan Hussein, Schwester von Salah

Die ersten zehn Tage schlafen sie auf dem Boden einer Kirche. Danach werden sie ins Camp ­Ritsona nördlich von Athen gebracht. Dort harren sie neun Monate aus, sie schlafen zu viert samt Baby in einem Zelt. Im Dezember schliesslich wird ihnen verkündet, dass sie im Rahmen des Relocation-Programms ausgewählt wurden für die Schweiz.

Über Monate erstrecken sich nun die Abklärungen, die Interviews, die Formalitäten mit den Schweizern. Jihan schafft es ­wenigstens, im Camp eine Lehre zu machen beim Roten Kreuz für ihren Traumberuf: Coiffeuse. «Ich habe meine Technik in Griechenland perfektioniert», erzählt sie stolz. «Ich hoffe, ich kann in der Schweiz als Coiffeuse arbeiten.»

Am 30. März besteigen sie das Flugzeug in Griechenland. Morgens um 10.30 Uhr tritt die Familie in Kloten aus dem ­Flugzeug. Salah kommen die ­Tränen. Er steht da, all sein Hab und Gut in einem Koffer in der Hand. In der anderen die Hand seiner Frau, die die kleine Tochter an sich presst.

«Sie nutzen Syrien als Schlachtfeld, mehr nicht. Es wird nicht besser, wenn die USA jetzt eingreifen.»Salah Hussein

Im Bus Richtung Basel teilt ein Mitarbeiter des Staatssekretariats für Migration SEM seine Handy-Internetverbindung mit den Flüchtlingen. Dankbar wählen sich die Familien bei Whatsapp ein, verschicken Bilder und Kurznachrichten an ihre Familien und versuchen, sie telefonisch zu erreichen.

Die Reise endet im Industriegebiet von Muttenz, einem Vorort von Basel. Ein heruntergekommener Flachbau, von Graffiti über­zogen, erwartet die Familie von Salah. Zäune, Stacheldraht und ­Securitas-Wachen sichern das Camp ab. Erneut heisst es warten. Ein Computer des SEM wird die Familie in einigen Monaten definitiv einem Kanton zuteilen.

Derweil eskaliert der Krieg in der Heimat. «Putin, Assad und jetzt Trump», sagt Salah. «Sie nutzen Syrien als Schlachtfeld, mehr nicht. Es wird nicht besser, wenn die USA jetzt eingreifen.»

Diabeteskranke Schwester starb einen schrecklichen Tod

Das Einzige, was Salah noch heute Angst macht, ist der IS. «Es sind Bestien», sagt er. Das Schlimmste wäre für ihn, wenn sie diesen Krieg gewinnen sollten. Doch auch nach dem Eingriff der USA am Freitag denken Salah und seine Schwester nur an ihre Familie. Die beiden haben bereits ihre Schwester verloren. «Viele sterben in den Bomben», sagt ­Jihan. «Aber Stromausfall und ­kaputte Krankenhäuser sind viel schlimmer.»

Ihre Schwester litt unter Diabetes. Als der Strom endgültig ­zusammenbrach, konnte sie ihr ­Insulin nicht mehr kühlen. Im Krankenhaus konnte man ihr nicht einmal mehr Sauerstoff geben. Sie starb einen schrecklichen Tod. «Sie war erst 30», sagt Jihan. Sie hatte ein sechsjähriges Mädchen und einen dreijährigen Jungen.

«Ich glaube nicht daran, dass der Krieg mit Waffen gewonnen wird», sagt Salah. «Man muss miteinander reden. Sollte ich nach Genf kommen, werde ich anbieten selbst zu den Gesprächen zu gehen, um den Parteien zu erklären, dass wir Frieden brauchen.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2017, 23:09 Uhr

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