Hintergrund

Beat Richner mag nicht auf die Spende von Giacometti warten

Der Bündner Architekt vermachte einen Teil seines Vermögens der Stiftung des Kinderarztes. Richner kritisiert nun den Nachlassverwalter und das Auktionshaus Christie’s.

Muss zunächst auf das Geld warten: Beat Richner 2001 im Kinderspital Jayavarman VII, einer seiner Kliniken in Kambodscha.

Muss zunächst auf das Geld warten: Beat Richner 2001 im Kinderspital Jayavarman VII, einer seiner Kliniken in Kambodscha. Bild: Keystone

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Im März dieses Jahres starb mit Bruno Giacometti das letzte Mitglied der bekannten Künstlerfamilie aus dem Bergell. Sein Nachlass ist beachtlich: Dazu gehören Skizzen, Gemälde, Skulpturen und weitere Gegenstände seiner Brüder Alberto und Diego sowie seines Vaters Giovanni Giacometti. Deren Werke vermachte Bruno Giacometti dem Kunsthaus Zürich. Das Mobiliar hingegen – darunter zahlreiche Gegenstände mit «Kunstcharakter», wie es im Testament heisst – liess er zugunsten der Stiftung des Kinderarztes Beat Richner versteigern. Die Stiftung betreibt in Kambodscha mehrere Kinderspitäler. Auf die Idee mit Richners Stiftung brachte Giacometti eine kambodschanische Pflegerin, die ihn während seiner letzten Lebensjahre betreut hatte.

Die Versteigerung des Mobiliars durch Christie’s in Zürich übertraf alle Erwartungen: Es resultierte ein Erlös von 3,2 Millionen Franken. Das Auktionshaus hatte lediglich mit einer Million gerechnet. Für einen Koffer von Alberto Giacometti erzielte Christie’s beispielsweise 110'000 Franken.

Falschen Erlös publiziert

Die Stiftung erhält das Geld allerdings noch nicht, denn der Betrag wird von Gesetzes wegen auf ein Nachlasskonto überwiesen, wo er bis zum Ablauf der Einspruchsfrist im Sommer 2013 gesperrt ist. Beat Richner wandte sich deshalb am letzten Wochenende mit einem Zeitungsinserat an die Öffentlichkeit. Unter dem Titel «Der leere Koffer» drückte er seine Enttäuschung darüber aus, dass seine Stiftung den Auktionserlös noch nicht erhalten hat. Giacomettis Koffer, schrieb Richner, bleibe für die Kinderspitäler also vorerst noch leer.

Richner kritisierte auch das Auktionshaus, das zuerst fälschlicherweise einen Erlös von 5 Millionen Franken bekannt gegeben hat. Die gleichentags erfolgte Richtigstellung wurde von den Medien kaum mehr beachtet.

«Befremdliche» Vorwürfe

Die Folge sei ein deutlicher Spendenrückgang, sagt Richner. Der Spendenfluss zwischen dem 1. und dem 20. November sei verglichen mit den beiden Vorjahren auf ein Viertel gesunken. Viele hätten ihm geschrieben, der Geldfluss an die Stiftung sei dieses Jahr wohl genügend. Auch die Ankündigung des Bundes, seinen Beitrag ab 2013 von 3 auf 4Millionen zu erhöhen, schätzt Richner als spendenhemmend ein.

Beim Auktionshaus Christie’s und dem verantwortlichen Rechtsanwalt Marc-Antoine Kämpfen kommt die Kritik schlecht an. Kämpfen reagierte am letzten Wochenende umgehend mit einem Communiqué, in dem er die Vorwürfe als «befremdlich, wenn nicht unverschämt» bezeichnete. Als Willensvollstrecker habe er sich an das Gesetz zu halten, das eine Teilung des Nachlasses erst dann vorsehe, wenn die Anerkennung des Testaments vorliege. Er habe übrigens mehrere Mails mit dem Inhalt «Geld her, aber subito» von Richner erhalten. «Kein Wort des Dankes. So wars nicht erwartet», schreibt Kämpfen.

Richner: «Ich war fassungslos»

Richners Kritik sei «nicht ganz fair», sagt auch Hans-Peter Keller, verantwortlich für Schweizer Kunstauktionen bei Christie’s. Das Auktionshaus habe sich gegenüber der Stiftung sehr grosszügig gezeigt und auf Unkostenabzüge wie Verkäuferkommission oder Marketingkosten verzichtet. Dass anstelle der erwarteten Million ein «Hammerpreis» erzielt wurde, sei auch dem guten Marketing von Christie’s zu verdanken. «Wir haben viel gemacht», sagt Keller. Die Reaktion von Richner treffe ihn.

Richner rechtfertigt sich auf Anfrage des TA: «Ich war fassungslos, als ich am 6. November erfahren habe, dass die nach unten korrigierte Summe nicht der Stiftung einbezahlt wird, sondern auf ein Nachlasskonto.» Er habe Christie’s gebeten, dies zu kommunizieren. «Sie taten das nicht, deshalb habe ich kommuniziert.»

Überraschungen im Testament

Tatsächlich kann es sein, dass die Stiftung das Geld noch länger nicht erhält. Rechtsanwalt Kämpfen spricht zwar von positiven Signalen, die er von den Nachkommen Giacomettis erhalten habe. Dass der Erbfall bis Sommer 2013 abgeschlossen ist, kann er aber nicht versichern. Gegen das Haupttestament, das die Kinderspitäler und das Kunsthaus begünstigt, erwartet Kämpfen keine Einwände. Gegen weitere von Bruno Giacometti verfügte Schenkungen könnten sie sich aber durchaus wehren, glaubt er. Um welche Begünstigten es sich dabei handelt, will er nicht sagen. «Nur so viel: Bruno Giacometti hat mit Geschenken zu Lebzeiten und Testamentsänderungen wohl einigen Leuten ein Schnippchen geschlagen», sagt der Anwalt.

Die Hinterbliebenen, drei Enkelkinder der jung verstorbenen Giacometti-Schwester Ottilia, leben in Genf und in Frankreich. «Meine Klienten brauchen noch etwas Zeit, um die Sache zu prüfen, sich zu treffen und gemeinsam zu entscheiden», sagt deren Rechtsanwalt Philippe Meier. Voraussichtlich kämen sie im Februar 2013 zusammen.

Die zwischen 45 und 50 Jahre alten Geschwister sind zwar die einzigen gesetzlichen Erben von Bruno Giacometti, sie haben aber kein Anrecht auf einen Pflichtteil. Dieser steht nur überlebenden Ehegatten, Kindern und Eltern zu. Deshalb müssten sie, falls sie das Testament oder Teile davon anfechten wollen, Zweifel an Giacomettis Zurechnungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Testamentserstellung oder andere Mängel an den Verfügungen begründen. Damit bliebe die Summe auf dem Nachlasskonto so lange blockiert, bis ein rechtsgültiger Richterspruch vorliegt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2012, 17:46 Uhr

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