Begehrte Hilfsjobs

IV-Rentner, Sozialhilfebezüger und Asylbewerber brauchen Arbeitsplätze, von denen es immer weniger gibt. Die Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens sehen ihre Initiative als Lösung.

Ein IV-Bezüger arbeitet in einem Basler Stadthotel in der Wäscherei. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ein IV-Bezüger arbeitet in einem Basler Stadthotel in der Wäscherei. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Invalidenversicherung (IV) und die Sozialhilfe sind auch Arbeitsvermittler. Sie sichern die Menschen zwar materiell ab, versuchen aber ebenso, die Betroffenen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Aber diese Arbeitssuche wird für die IV und die Sozialhilfe zunehmend schwieriger, weil der Arbeitsmarkt immer weniger Jobs für Niedrigqualifizierte anbietet. Nicht zuletzt deshalb musste die IV kürzlich eine ernüchternde Bilanz zur IV-Revision 6a zur Kenntnis nehmen. Die Zielsetzung der IV-Reform, 17'000 Rentenbezüger wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen, wird demnach deutlich verfehlt.

Oft sucht die IV Arbeitsplätze, für die niedrige Qualifikationen erforderlich sind. Das Angebot an solchen Stellen sei jedoch deutlich geringer als die Nachfrage durch IV, Sozialhilfe und die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), sagt Daniel Widmer, Direktor der IV-Stelle Bern. Zudem gebe es aufgrund der technologischen Entwicklung immer weniger Arbeitsplätze, an denen beispielsweise die Überwachung von ­Arbeitsprozessen durch Menschen erforderlich sei. Solche Arbeitsplätze werden häufig durch die IV vermittelt.

Zwar hat sich die IV zur Eingliederungsversicherung entwickelt. So verweist Widmer darauf, dass seine Stelle bei fast der Hälfte aller Eingliederungsversuche erfolgreich sei. Allerdings gelingt die Arbeitsvermittlung meist dann, wenn die Betroffenen noch keine IV-Rente beziehen, also nicht schon jahrelang ohne Arbeit sind. Die Integration von Rentenbezügern sei hingegen deutlich schwieriger, weil die Arbeitgeber oft Bedenken hätten, insbesondere bei psychischen Erkrankungen, sagt Widmer.

Grenze liegt bei 50 Jahren

Die Konkurrenz um Arbeitsplätze mit geringen Qualifikationsanforderungen sei gross, sagt auch Felix Wolffers, Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). Vor allem für ältere Sozialhilfeempfänger werde es immer schwieriger, zurück in den Arbeitsmarkt zu finden. Als er vor sieben Jahren die Leitung des Stadtberner Sozialamtes übernommen habe, hätten Bezüger bis 57 Jahre noch als arbeitsmarktfähig gegolten, heute liege die Grenze häufig schon bei 50 Jahren, sagt Wolffers. Die Bereitschaft vieler Betriebe, Langzeitarbeitslose aus der Sozialhilfe anzustellen, sei gering. Kämen zur fehlenden beruflichen Qualifikation noch gesundheitliche Probleme, sei es fast unmöglich, eine Stelle zu finden, sagt Wolffers. Eine erfolgreiche Stellenvermittlung sei dann oft nur noch möglich, wenn mit dem ­Arbeitgeber ein reduzierter Lohn vereinbart werde, welcher der Leistungsschwäche der Betroffenen entspreche.

Bei der Vermittlung von Personen mit Leistungseinschränkungen stehe die ­Sozialhilfe aber vielfach in Konkurrenz zur IV, was die Vermittlungschancen verringere. Für die IV hätten sich die Erfolgschancen in den letzten Jahren hingegen verbessert, weil die Arbeitgeber sensibilisiert seien, sagt Widmer. Die IV habe einen wesentlichen Vorteil gegenüber der Sozialhilfe oder den RAV. Sie könne in einer Anfangsphase die Lohnkosten übernehmen, was das Risiko für den Arbeitgeber minimiere.

Konkurrenz Asylbewerber

Sowohl IV wie Sozialhilfe müssen aber damit rechnen, dass sich die Konkurrenz um Jobs in den nächsten Jahren massiv verschärft, weil mehrere Zehntausend Arbeitssuchende aus dem Asylbereich dazukommen. Falls bei diesen Menschen die Arbeitsintegration nicht gelinge, seien sie langfristig auf Sozialhilfe angewiesen, warnt Wolffers. Allein von 2010 bis 2014 hätten im Asylbereich fast 42'000 Menschen ein Bleiberecht in der Schweiz erhalten. Von den Asylbewerbern des letzten Jahres werden mindestens nochmals rund 20'000 definitiv oder vorerst in der Schweiz bleiben und somit arbeiten dürfen. Viele dieser anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen verfügen über keine Berufsausbildung und stehen deshalb in Konkurrenz zu wenig qualifizierten Arbeitslosen beim RAV, IV-Klienten und Sozialhilfeempfängern. Von Letzteren haben laut Wolffers rund 60 Prozent keine abgeschlossene Berufsbildung. «Wir müssen deshalb die Leute aus dem Asylbereich unbedingt qualifizieren, am besten durch eine Berufslehre, damit nicht auch sie noch auf Jobs für Niedrigqualifizierte angewiesen sind.» Nur so könnten die Flüchtlinge wirtschaftlich selbstständig werden und zudem einen Beitrag zur Behebung des Fachkräftemangels leisten.

Arbeitsmarktforscher George Sheldon sieht für Niedrigqualifizierte immer schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Jobs würden wegrationalisiert oder ins Ausland verlagert. Dies sei der Grund, warum unter den Arbeitslosen der Anteil Geringqualifizierter seit Jahren zunehme. Die neuen Technologien erforderten eine gute Ausbildung. «Es geht nichts über Bildung», sagt Carlo Knöpfel, Professor für Sozialpolitik und Sozialarbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Wenn Sozialhilfe, IV und Asylbetreuung alle ihre Leute ins Segment für Niedrigqualifizierte vermittelten, sei das ein Nullsummenspiel. Asylbewerber, die zuerst als Hilfskräfte eingesetzt würden, müssten so rasch wie möglich weiter qualifiziert werden. «Jeder sollte sich überlegen, ob seine Putzfrau nicht qualifiziertere Arbeiten ausführen könnte.» Arbeiten für Wenigqualifizierte würden zudem immer mehr von den Konsumenten selbst ausgeführt, sei es beim Einkaufen, im öffentlichen Verkehr oder Gastrobereich.

Grundeinkommen als Lösung?

Für die Initianten des bedingungslosen Grundeinkommens wird die Veränderung der Arbeitswelt und der Verlust von Arbeitsplätzen ein wichtiges Argument im Abstimmungskampf sein. Bei einem Ja am kommenden 5. Juni erhielten Menschen ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt ein existenzsicherndes Einkommen, sagt Mitinitiant Daniel Häni. Dieses Einkommen sei nicht an Bedingungen geknüpft, wie etwa an Eingliederungsprogrammen teilnehmen zu müssen, die kaum Aussicht auf eine Stelle böten. Häni verweist auf Aussagen von WEF-Gründer Klaus Schwab. Selbst dieser fordere ein garantiertes Mindesteinkommen – allerdings wegen der vierten industriellen Revolution, die vor allem auch Jobs für qualifizierte Arbeitskräfte massenweise überflüssig mache.

Für Sheldon ist das bedingungslose Grundeinkommen keine Lösung für die zunehmende Schwierigkeit eines Teils der Bevölkerung, Arbeit zu finden. «Diese Therapie ist schlimmer als die Krankheit.» Es sei besser, bedarfsgerecht soziale Unterstützung zu leisten, als mit der Giesskanne allen Geld zu verteilen. Alle Untersuchungen zeigten, dass die Arbeitsmotivation unter einer bedingungslosen Geldzahlung leide. Sheldon erklärt dies am Beispiel des Lottomillionärs. Die meisten Befragten sagen zwar, dass sie auch nach einem Lottogewinn weiterarbeiten würden. «Aber wenn dann immer wieder dieser mühsame Montag kommt, mag man irgendwann doch nicht mehr arbeiten gehen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.02.2016, 20:47 Uhr)

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Erwerbslosigkeit

Unqualifizierte stärker betroffen

Dass es zu wenig Stellen mit niedrigem Anforderungsprofil gibt, zeigt auch die Statistik. Die Erwerbslosenquote der Niedrigqualifizierten ist in der Schweiz mit rund 10 Prozent doppelt so hoch wie über alle Qualifikationsniveaus hinweg. Insgesamt liegt die Erwerbslosenquote im Schnitt bei knapp 5 Prozent. Im dritten Quartal 2015, bei der letzten Erhebung, betrug sie 4,9 Prozent. Die Erwerbslosenquote erfasst im Unterschied zur Arbeitslosenquote nicht nur bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) registrierte Arbeitssuchende, sondern auch Ausgesteuerte, etwa arbeitssuchende Sozialhilfeempfänger. Die Arbeits­losenquote beträgt zurzeit 3,8 Prozent. (br)

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