Britin stirbt in der Schweiz aus Angst, eine Greisin zu werden

Eine Pensionärin reiste für ihren Freitod nach Basel. Sie starb mithilfe eines Vereins, der schon früher durch kontroverse Fälle auffiel.

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Ihre Geschichte wirbelt durch England und Amerika und befeuert die Debatte über Sterbehilfe. Gill Pharaoh, 75, aus London, reiste in die Schweiz, um zu sterben. Pikant: Sie sei gesund gewesen, hatte keine Krankheit, die ihr Leben bedrohte. So schreibt es die britische «Sunday Times». Pharaoh selbst veröffentlichte kurz vor ihrem Tod Beiträge, in denen sie sich als relativ gesunde Frau beschreibt, die ein gutes Leben gehabt habe, nun aber an einigen Altersgebresten leide. Sie könne nicht mehr wie früher durch London flanieren, ihren Garten kaum mehr selbst bewirtschaften oder ihre Freunde bekochen. Sie sei nicht depressiv, aber sie wolle dem natürlichen Zerfall ihres Körpers nicht mehr zusehen, wolle kein Pflegefall werden. Sie beschreibt, wie gross ihre Angst ist, einen schweren Schlaganfall zu haben – wie ihre Freundin, die danach nur noch dahinvegetiert sei. Als ehemalige Pflegerin mit Spezialgebiet Palliative Care kannte sich Pharaoh mit sterbenden Menschen aus, die intensiv gepflegt werden müssen. Das wollte sie sich ersparen. Sie wandte sich deshalb vor einiger Zeit an den Verein Lifecircle und kam im Juli zum Sterben nach Basel.

Ihr Tod hat über ihre Heimat hinaus eine Debatte entfacht, weil sie offenbar relativ gesund gewesen war und aus Angst starb, eine pflegebedürftige Greisin zu werden. Nach ihrem Freitod sagte ihr Partner in britischen Medien: Wäre Sterbehilfe in England erlaubt, würde sie noch leben. Sie hätte später friedlich zu Hause sterben können.

Erika Preisig, Gründerin der Sterbehilfeorganisation Lifecircle, irritiert Pharaohs Begründung für den Sterbewunsch. «Ich begleite niemand, der gesund ist», sagt sie. Preisig hat die Sterbewillige in London besucht, hat sich über Stunden ein Bild von ihr gemacht. Die Baslerin ist Hausärztin und führt eine Praxis in Basel-Land. Sie arbeitete für Ludwig Minellis Dignitas, bevor sie 2011 ihre eigene Organisation startete mit einer Sterbewohnung in Basel. Für ihre Hilfe zahlen Klienten 10'000 Franken.

Italiener täuschte Syphilis vor

Lifecircle und die Schwesternstiftung Eternal Spirit gerieten mehrfach in die Schlagzeilen. Anfang Jahr empörte sich England darüber, dass sie eine Cousine und einen Cousin gleichzeitig sterben liessen. Die beiden hatten ihr Leben lang zusammen gewohnt und wollten vereint sterben. Preisig sagt: «Sie waren krank.» 2013 begleitete sie einen Italiener, der sich gefälschte Arztzeugnisse beschafft hatte. Das realisierte Preisig erst nach seinem Tod. Sie bezeugten, er habe Syphilis im Endstadium. Mit Lifecircle durfte er sterben, mit Dignitas nicht. Das Aufsehen um diese Fälle erklärt sich Preisig mit den konservativen Ländern England und Italien. Von sich sagt sie, sie sei zum Sterben liberal eingestellt.

Exit will Gill Pharaohs Sterben nicht kommentieren. Geschäftsleiter Bernhard Sutter sagt jedoch, er könne sich kaum vorstellen, dass Ärzte einer gesunden Frau das todbringende Mittel Natrium-Pentobarbital verschreiben würden. Seine Organisation will sich zwar dafür einsetzen, alten Menschen das Sterben zu erleichtern. Allerdings müssten Hochbetagte auch dann nachweisen, dass sie ernsthaft erkrankt sind.

Das Sterbemittel muss von Ärzten verschrieben werden. Sie richten sich nach den Leitlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Darin steht, dass eine sterbewillige Person so krank sein muss, dass das Lebensende nahe ist. Ob diese Krankheiten chronischer, psychischer oder physischer Art sind, wird nicht explizit beschrieben. In Basel geht nach jedem Freitod ein Staatsanwalt vor Ort – auch bei Gill Pharaoh. Die Behörde untersucht, ob die Tote das Sterbemedikament selbst eingenommen hat und ob die Sterbehilfe aus «selbstsüchtigen Motiven» geschehen ist, also ob sich Lifecircle am Tod bereichert hat. Laut Peter Gill, Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, habe man an diesem Fall nichts Aussergewöhnliches bemerkt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.08.2015, 22:41 Uhr)

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Gill Pharaoh


Ehemalige Krankenpflegerin.

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