«Kantonalismus wird als Identitätssuche zelebriert»

Befeuert der Fall Moutier Wechselgelüste bei anderen Gemeinden? Wie wichtig ist Heimat noch? Dazu Historiker Hans-Ulrich Jost.

Adieu, Kanton Bern: Das Stimmvolk von Moutier hat sich für einen Anschluss an den Kanton Jura entschieden.

Adieu, Kanton Bern: Das Stimmvolk von Moutier hat sich für einen Anschluss an den Kanton Jura entschieden. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Gemeinde Moutier wendet sich vom Kanton Bern ab und schliesst sich dem Jura an. Hat Sie das Verdikt der Stimmberechtigten überrascht?
51,7 Prozent der Stimmenden haben den Wechsel gutgeheissen, die Differenz betrug nur 137 Stimmen. Ich habe einen knappen Ausgang der Abstimmung erwartet; insofern hat mich das Resultat nicht überrascht. Erfreulich ist, dass dieser ganze Prozess demokratisch und relativ ruhig über die Bühne gegangen ist.

Inwieweit können Sie die Separatisten verstehen?
Es ist nichts als logisch, dass im Berner Jura jener Teil der Bevölkerung, der sich dem Jura zugehörig fühlt, den Anschluss an den Jura wünscht. Dieses Gefühl ist nicht zuletzt die Folge davon, dass sich der Kanton Bern lange Zeit ungeschickt verhalten hat.

Sie spielen auf den Wiener Kongress 1815 an – jene Konferenz der politischen Mächte Europas, auf der die Grundlage für eine souveräne, föderalistische und neutrale Schweiz geschaffen wurde.
Ja. Die Eidgenossen waren damals zerstritten, die Stimmung angespannt. Der Wiener Kongress machte deshalb einen Kompromiss: Er sprach das Gebiet des heutigen Jura dem Kanton Bern zu, dies als Ersatz für die Waadt und den Aargau, welche die Berner verloren hatten. Ohne diese Lösung hätte es einen Bürgerkrieg gegeben. Bern machte nun den Fehler, sich den Jura ohne Rücksicht auf die dort lebende Minderheit kulturell und politisch einverleiben zu wollen. Das Resultat ist bekannt: der Jura-Konflikt, der schliesslich dazu führte, dass das Schweizer Stimmvolk 1978 Ja zur Schaffung eines Kantons Jura sagte.

Umfrage

Würden Sie aus Heimatgefühlen einen Kantonswechsel Ihrer Gemeinde befürworten?




Wird der Entscheid Moutiers anderswo in der Schweiz Wechselgelüste befeuern?
Ich glaube nicht, dass er Signalwirkung hat. Das Volksverdikt wird überbewertet, Nationalismus, in diesem Fall der Kantonalismus, wird als Identitätssuche zelebriert. Die Medien spielen dabei eine entscheidende Rolle: Sie blasen den Entscheid zu einer grossen Sache auf.

Doch darum ging es doch am Sonntag: um Wurzeln, Identität und Sprache.
Ja. Doch die Idee einer sogenannt historischen ethnisch-nationalen Einheit ist konfliktbeladen. Ich halte es zwar für legitim, sich einen Ort zu suchen, wo man sich heimisch fühlt. Doch das darf nicht dazu führen, andere auszuschliessen. Genau dieses Risiko besteht aber, und es wird befeuert von Medien, die ständig darüber berichten: Wir gegen die anderen.

Das Phänomen ist keine mediale Erfindung. Der Nationalismus ist weltweit auf dem Vormarsch.
Ja. Nur: Nüchtern betrachtet, ist in Moutier gestern nichts Weltbewegendes passiert. Die Kantonsgrenzen sind heute schon verflüssigt. Wer kennt heute noch ihren Verlauf genau? Wer bemerkt auf einer Reise, wenn er den einen Kanton verlassen hat und schon im anderen unterwegs ist? Bedeutung haben die Kantonsgrenzen zwar immer noch, aber wegen politisch-sachlicher Fragen, etwa der Steuern.

Bildstrecke – Moutier wird jurassisch

Wird Moutiers Entscheid nun anderswo Wechselgelüste befeuern?
Nein. Ich sehe keine Signalwirkung. Zwar lässt sich nicht ausschliessen, dass es wieder einmal zu einem Kantonswechsel einer Gemeinde kommt. Doch Treiber dürften dann Sachzwänge sein, etwa wenn sich Gemeinden von einem Anschluss an einen anderen Kanton finanzielle Vorteile versprechen.

Im Aargau will die Gemeinde Fisibach zum Kanton Zürich wechseln. Doch die Aargauer Regierung ist dagegen. Der zuständige Regierungsrat Urs Hofmann (SP) sagt, grundsätzlich seien die Kantonsgrenzen unveränderlich.
Diese Aussage entstammt aus der historischen Mottenkiste. Grenzen haben sich im Lauf der Geschichte immer wieder gewandelt. Wir müssen uns überlegen, ob die heutigen Kantonsgrenzen in jedem Fall Sinn machen. Die italienisch sprechenden Täler im Kanton Graubünden etwa zählen mehr Einwohner als das Appenzell. Anders als die Appenzeller haben diese Menschen aber keine politische Vertretung in Bern. Dieses Beispiel zeigt: Wir müssen neue Verwaltungsformen finden, um alle Minderheiten politisch zu integrieren. Das kann auch bedeuten, die Kantonsgrenzen zu ändern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 16:11 Uhr

Artikel zum Thema

Diese Gemeinden wollen auch den Kanton wechseln

Bern oder Jura? Aargau oder Zürich? Wer Moutier nacheifert und wie es ums Schicksal solcher Vorhaben steht. Mehr...

«Der Kanton Bern hat Fehler gemacht»

Moutier ist künftig nicht mehr bernisch. Die ideologischen Widersprüche in der Region bleiben, sagt der Historiker Clément Crevoisier. Mehr...

Hans-Ulrich Jost

Der Schweizer Historiker (76) ist emeritierter Professor der Universität Lausanne. Die Jura-Frage hat er in seinem Aufsatz «Das Schweizer Imbroglio» im Buch «Der Wiener Kongress. Die Erfindung Europas» (2014) behandelt.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Feuer frei für Feuerwerk: Wenn die Griechen auf Hydra die Seeschlacht gegen die Türken vom 29. August 1824 nachspielen, versinkt die türkische Flotte mit viel Schall und Rauch im Meer (24. Juni 2017).
(Bild: Alkis Konstantinidis) Mehr...