Das Schweigen gebrochen

Ein neuer Film zeigt, warum viele Holocaust-Überlebende in der Schweiz dank einer kleinen Organisation erstmals über ihre Vergangenheit redeten.

Gabor Hirsch, Gründer der Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust, wurde nach Auschwitz deportiert. Foto: Urs Jaudas

Gabor Hirsch, Gründer der Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust, wurde nach Auschwitz deportiert. Foto: Urs Jaudas

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Am Anfang standen verpasste Gespräche. Gabor Hirsch hatte nie mit seinem Cousin über die gemeinsame Zeit im Konzentrationslager gesprochen. Nicht über die Ängste, die er während der wiederholten Selektionen für die Gaskammern ausgestanden hatte, nicht über den quälenden Hunger oder die grauenhaften Zustände in den Baracken, in denen bis zu 1200 Personen zusammengepfercht worden waren.

Hirsch war Ende Juni 1944 als 14-Jähriger aus Ungarn nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden, zusammen mit seiner Mutter und sechs weiteren Verwandten. Nur er und sein um ein Jahr älterer Cousin überlebten. Auch mit seinem Onkel, der schon früher nach Auschwitz gebracht worden war, und dem Vater, der den Holocaust im militärischen Arbeitsdienst in Ungarn überlebt hatte, sprach Hirsch nicht über die Vergangenheit. Seine drei Angehörigen waren längst verstorben, als der heute 87-Jährige zu bereuen begann, dass er ihnen nie Fragen gestellt hatte.

So wie ihm erging es vielen Holocaust-Überlebenden in der Schweiz, wohin Hirsch 1956 nach dem ungarischen Volksaufstand geflohen war. «Wir waren isoliert», sagt er beim Treffen in seinem Haus im Zürcher Dorf Esslingen. «Niemand – nicht einmal die jüdischen Gemeinden – wusste, wer alles in den Konzentrationslagern gewesen war. Wir wurden totgeschwiegen.» 1995 gründete er deshalb die Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust. Die erste organisierte Gruppe in der Schweiz, in der sich Überlebende austauschen konnten. ­50 Jahre nach dem Ende des Krieges.

Er wog nur noch 27 Kilogramm

1990 entschloss sich Hirsch, nach Auschwitz zurückzukehren. Auf der Fahrt erzählte er das erste Mal ausführlich davon, was er dort erlebt hatte. Die Fahrt hatte in ihm etwas ausgelöst. Es folgten weitere. Hirsch wollte mehr wissen. Im Archiv den medizinischen Bericht sehen, in dem stand, dass er nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 nur noch 27 Kilogramm gewogen hatte.

Hirsch erfuhr, dass ein Überlebender, der gleichzeitig mit ihm im Lager gewesen war, inzwischen in Genf wohnte. Zurück in der Schweiz, rief er ihn an. Gemeinsam hatten sie die Idee für die Kontaktstelle. Alle Verfolgten des Nationalsozialismus sollten Teil der Gruppe werden können. Egal ob sie in Ghettos, Lagern, in Verstecken oder in der Emigration überlebt hatten.

Das Redebedürfnis war gross. 24 Überlebende erschienen zum ersten Treffen im Oktober 1995 nach Zürich. Mund-zu-Mund-Propaganda hatte sie zusammengebracht. Es wurden schnell mehr, auch zur Überraschung der Initianten. Religiöse und liberale Juden, Überlebende mit Wurzeln in Osteuropa, Deutschland oder Österreich reisten aus allen Landesteilen der Schweiz an. Rund 400 Personen standen zu den Spitzenzeiten auf der Verteilerliste der Kontaktstelle.

«Noch vor 30 Jahren war es nicht möglich zu sagen, ich war in Auschwitz. Das wollte niemand hören».

«Heute interessiert sich jeder für das, was damals passiert ist», sagt der Holocaust-Überlebende Eduard Kornfeld im Dokumentarfilm über die Kontaktstelle, der am Sonntag in Zürich Premiere feiert. «Noch vor 30 Jahren war es nicht möglich zu sagen, ich war in Auschwitz. Das wollte niemand hören. Man wurde wie ein Aussätziger behandelt.» Ganz anders die Atmosphäre an den Treffen der Gruppe: «Wir verstanden einander, mussten nichts erklären», sagt im Film Christa Markovits, die von ihren Eltern mit falschen Papieren in Budapest versteckt worden war. «Ich wollte die Stimmung an den Treffen, die Reflexionen der Überlebenden und ihren Kampf gegen das Vergessen auffangen», sagt Regisseur Peter Scheiner.

Und dies, so lange es überhaupt noch möglich war: Das Fenster, in dem Zeitzeugen noch selber erzählen können, schliesst sich. «Auch bei unseren Treffen sind wir jedes Jahr weniger», sagt Gabor Hirsch. Von rund 450 Holocaust-Überlebenden in der Schweiz ging die Jewish Claims Conference 2015 aus. Wobei die Dunkelziffer hoch sein dürfte.

Kurz nach der Gründung der Kontaktstelle spitzte sich die Debatte um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zu. Auslöser waren die Forderungen an die Banken wegen der nachrichtenlosen Vermögen. Gelder, die Holocaust-Opfer in der Schweiz versteckt hatten. Die Kontaktstelle wollte an der Debatte teilnehmen und erreichen, dass man sie als Gesprächspartner wahrnimmt. Deshalb liess sie sich als Verein registrieren.

Bern dankt erst zum Schluss

Doch die Überlebenden wurden enttäuscht. «Sie sprachen über uns, aber ohne uns», sagt Gabor Hirsch. Sein Antrag um Aufnahme in den Beirat des Spezialfonds, den der Bundesrat 1997 für Holocaust-Überlebende eingerichtet hatte, wurde abgelehnt. «Der Beirat hatte viele Mitglieder, vor allem aus Amerika oder Israel. Uns Überlebende in der Schweiz wollte man nicht», so Hirsch. «Die Schweiz hatte wohl Angst vor uns. Davor, dass wir Ansprüche stellen oder die antisemitische Stimmung im Land noch mehr anheizen würden.»

Erst die Auflösung des Vereins im Jahr 2011 wurde vom Bund mit einer grossen Feier zelebriert. Dabei war sie ein symbolischer Akt. Die Gruppe trifft sich bis heute regelmässig. Sie wollte nur ihr offizielles Ende selber bestimmen und nicht dem Tod überlassen.

Ihr Hauptziel, den Austausch zwischen Überlebenden zu ermöglichen und sie aus ihrer Isolation zu befreien, hat die Kontaktstelle erreicht. Genauso wichtig war ihren Mitgliedern aber von Anfang an die Öffentlichkeitsarbeit. Die Weitergabe ihrer Erinnerungen sollte der heutigen und künftigen Generationen aufzeigen, wohin Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus führen können. «Trotzdem sind in vielen Ländern rechte Parteien auf dem Vormarsch», sagt Hirsch. «Wahrscheinlich haben wir keine gute Arbeit geleistet.»

Premiere des Films «Ende der Erinnerung?» über die Kontaktstelle ist am Sonntag um 11.30 Uhr im Zürcher Kino Stüssihof. Weitere Vorführungen finden nur hier vom 2. bis 8. Februar statt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2017, 22:05 Uhr

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