Der höchste Muslim der Schweiz gibt Erdogan die Ehre

Der Einfluss des türkischen Präsidenten auf die hiesigen Muslime ist grösser, als deren Funktionäre zugeben.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (M., mit grüner Krawatte) posiert mit islamischen Geistlichen und Top-Funktionären. Foto: Ahmet Bolat (Anadolu Agency, AFP)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (M., mit grüner Krawatte) posiert mit islamischen Geistlichen und Top-Funktionären. Foto: Ahmet Bolat (Anadolu Agency, AFP)

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Das Bild soll Eindruck machen. Es zeigt Recep Tayyip Erdogan, umgeben von 120 hochrangigen Geistlichen und islamischen Top-Funktionären aus 33 Ländern. Unmittelbar neben ihm steht ­Mehmet Görmez, Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet. In der dritten Reihe rechts hinter dem türkischen ­Präsidenten: Montassar BenMrad. Seit knapp zwei Jahren steht er der Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids) vor, dem grössten Muslimverband des Landes. Ausserdem ist er Vizepräsident des Schweizerischen Rates der Religionen. Hier kommen Spitzenvertreter der Religionsgemeinschaften zusammen und beraten unter anderem auch den Bundesrat. Der gebürtige Tunesier BenMrad sieht sich als «Brückenbauer»: Ihm liege vor allem der ­religiöse Frieden und die öffentliche ­Anerkennung der Muslime am Herzen.

Das hinderte BenMrad nicht, im ­letzten Oktober am neunten «Eurasisch-islamischen Rat» in Istanbul teilzu­nehmen. Das Treffen wurde von der ­Religionsbehörde Diyanet organisiert. Vor den internationalen Gästen redete sich Erdogan gegen die Gülen-Bewegung in Rage, die er für den Putschversuch im Sommer 2016 verantwortlich macht. Das Gruppenbild mit ihm ist auf der ­Regierungs-Website zu finden, versehen mit der Schlusserklärung des Gipfels. Sie ist an erster Stelle gegen die Gülen-Bewegung gerichtet. Die Delegierten entschieden, dass diese nicht länger als religiöse Gemeinschaft anerkannt werden kann. Inzwischen habe sie sich zu einem schmutzigen Netzwerk entwickelt, missbrauche den Islam als Instrument der Ausbeutung, habe dessen moralische Werte verraten und verbreite ihre versteckten politischen Ziele über eigene Schulen, heisst es in der Erklärung.

Gülen wird darin mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verglichen: Beide seien sie Quellen des Bösen. Beide seien sie schuld daran, dass der Islam heute mit Terrorismus verbunden werde. Bei aller Verschiedenheit hätten sie die ­gleichen Ziele, nämlich die Einheit und Solidarität unter den Muslimen zu ­zerstören. Der wichtigste Schritt, um dem Einhalt zu gebieten, sei es, die ­jungen Generationen mit gesundem religiösem Wissen zu erziehen. Darum beschlossen die Delegierten gemeinsame Anstrengungen, unter anderem eine Kommunikationsplattform unter dem Dach der türkischen Religionsbehörde.

Spitzenleute sollen neutral sein

Gottfried Locher, der reformierte Prä­sident des Schweizerischen Rates der Religionen, ist alarmiert über die Teilnahme seines Vizes am Gipfel in Istanbul. Der Rat der Religionen sei politisch neutral – das gelte auch für internationale Politik und somit auch für die Türkei. «Wir müssen verhindern, dass Religion für politische Zwecke missbraucht wird. Die Spannungen in der Türkei schwappen nun in die Schweiz über», sagt Locher. «Ich erwarte, dass die Spitzenvertreter der muslimischen Verbände politisch strikt neutral bleiben.» Für Locher ist auch klar, dass die Gülen-Bewegung nicht in einen Topf geworfen werden darf mit Terroristen. Eine der drei Expertinnen im Rat der Religionen gehört zum Kader der Gülen-Bewegung in der Schweiz. Sie ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

BenMrad gibt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet an, er sei als Vertreter der Fids nach Istanbul gereist. Jedoch nur als einfacher Teil­nehmer und nicht als Delegierter. Das Programm des Treffens, wie er es ursprünglich erhalten habe, sei dem Kampf gegen den Terrorismus gewidmet gewesen. Erst im Verlauf des Treffens sei dann verstärkt der Kampf gegen die Gülen­-Bewegung zum Thema geworden. Über die Erklärung sei nicht abgestimmt worden. Seiner Meinung nach bewegten sich der IS und die Gülen-Bewegung nicht auf der gleichen Ebene. Es gehe zu weit, Letztere als Terroristenorganisation zu bezeichnen. Deren Rolle beim Putsch im Vorjahr sei für ihn schwierig zu beurteilen, sagt BenMrad. Was die internationale Politik anbelange, wolle er neutral bleiben und sich darum nicht zu Erdogan und dessen Referendum äussern.

«Wir müssen verhindern, dass Religion für politische Zwecke missbraucht wird. Die Spannungen in der Türkei schwappen in die Schweiz über»Gottfried Locher, Reformierter Prä­sident des Schweizerischen Rates der Religionen

Die Muslimverbände in der Schweiz wollen den Auftritt BenMrads an der Erdogan-Propagandaveranstaltung nicht kommentieren. Ebenso wenig die Vorgänge in der Türkei und die Abstimmung über die Verfassungsreform, die die Türken im In- und Ausland spaltet. «Wir sind ein religiöser Verband, der zu politischen Vorgängen keine Stellung bezieht», sagt etwa Mustafa Yildiz von der Türkisch-Islamischen Stiftung für die Schweiz (Tiss oder Diyanet Schweiz).

Allerdings wurden bei Tiss zwei kürzlich erfolgte Abgänge von Angestellten mit ihrer angeblichen Nähe zur Gülen-Bewegung in Verbindung gebracht. Yildiz dementiert: Die Frauen gehörten nicht zur Gülen-Bewegung und seien aus wirtschaftlichen Gründen entlassen worden. Eine von ihnen, Dilek Ucak-Ekinci, Mitglied des Zürcher Ausländerbeirats, gibt an, ihr habe «die Ausrichtung» von Tiss nicht mehr gefallen. Was genau sie darunter versteht, wollte Ucak-Ekinci nicht näher ausführen.

Fasziniert von Erdogan

Gemäss Philippe Dätwyler, Experte für den interreligiösen Dialog der reformierten Kirche Zürich, sind viele Muslime in der Schweiz fasziniert vom türkischen Präsidenten. Viele sähen in ihm eine starke Führungsfigur. Am offensichtlichsten ist dies bei den rund 50 Diyanet-Moscheen der Schweiz mit ihren 36 von der Türkei bezahlten Imamen.

Dätwyler geht davon aus, dass sogar die Mehrheit der 300 Moscheevereine in der Schweiz Sympathien für Erdogan und dessen Verfassungsreform hat. Auch den konservativen albanischen Moscheen wird eine grosse Nähe zur Türkei und deren Präsidenten nach­gesagt. Imam Rehan Neziri, Sprecher der Union albanischer Imame in der Schweiz, erklärt indessen, als religiöser und schweizerischer Verband betreibe man keine Politik.

Der zweite albanische Dachverband, der Albanisch-Islamische Verband Schweiz, gilt dagegen als eher liberal. Unter Vorsitz des bekannten Imams Mustafa Memeti aus Bern ist der Verband vor zwei Jahren aus der Fids ausgetreten. Genau zu dem Zeitpunkt, als BenMrad dort den Vorsitz übernommen hatte und in den Rat der Religionen gewählt wurde. Memeti sagt, ihn störe, dass BenMrad weder ein Theologe noch ein Geistlicher sei, sondern ein Manager. Muslimverbände wie die Fids verfolgten vor allem politische Interessen. Sie seien darum kaum fähig, auf die drängenden Fragen der Muslime in der Schweiz ­Antworten zu geben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2017, 19:23 Uhr

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