Der Versteher Afrikas

Er war Missionar, Journalist und Entwicklungsforscher: Ein Nachruf auf Al Imfeld.

Vom Missionar zum emsigen Vermittler: Al Imfeld. Foto: Dominique Meienberg

Vom Missionar zum emsigen Vermittler: Al Imfeld. Foto: Dominique Meienberg

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Was Rassismus und Ausgrenzung bedeuten, hatte Al Imfeld am eigenen Leibe erfahren: mitten in der Schweiz, im luzernischen Napf-Gebiet, wo er 1935 zur Welt kam. Dort schaute man auf seinen Vater, den «Älpler» aus dem Obwaldnerischen, herab, und auch «wir Kinder», erinnert er sich, «wurden in der Schule an den Rand gestellt».

Es waren 13 Kinder, und Alois Johann (zum Al wurde er später in den USA) war der Älteste. Weil er gescheit war, bekam er die klassische Aufstiegschance für Arme: die Priesterlaufbahn. Er trat in die Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee ein und bereitete an der Gregoriana in Rom seine Doktorarbeit vor. Wegen unorthodoxer Ansichten wurde er relegiert und in die USA geschickt. Dort konnte er die Promotion abschliessen – aber bei einem evangelischen Theologen.

New York in den 60er-Jahren: Das waren Zeiten der Unruhe und des Aufbruchs. Der junge Geistliche erweiterte seinen Horizont, studierte Soziologie und Journalismus und ging für die «Washington Post» nach Vietnam. Zurück in den USA, schloss er sich der schwarzen Bürgerrechtsbewegung an und arbeitete mit Martin Luther King zusammen.

Der Kolonialismuskritiker

Bei aller Begeisterung für die charismatische Gestalt Kings fiel ihm auf, wie wenig der sich für Afrika interessierte. Das war bei Imfeld anders. Schon kurz nach der Matur war er nach Lambarene gefahren – mit dem Fahrrad nach Marseille, dann als Küchenhilfe auf einem Frachter – zu seinem grossen Idol Albert Schweitzer. Das Idol entzauberte sich schnell selbst, als es dem Besucher erklärte, die «Neger» seien wie Kinder.

Als seine Missionsgesellschaft Imfeld 1967 nach Rhodesien schickte, merkte er bald, wie eng Mission und Kolonialismus zusammenhingen: in der paternalistischen Auffassung vom «geistigen Vakuum» der Afrikaner, das man mit christlicher Religion und westlichem Wissen zu füllen hatte. Imfeld dagegen ging auf die Suche nach dem Eigenen des Kontinents. Und wurde fündig: in Literatur und Agrikultur, zwei Feldern, die er sein Leben lang beackern sollte, unter anderem im von ihm mitgegründeten «Informationszentrum Dritte Welt» und der Buchreihe «Dialog Afrika».

Zukunft für afrikanische Städte

Der Literatur widmete er sich als Vermittler und Herausgeber. 2015 erschien als Höhepunkt «Afrika im Gedicht», eine monumentale Sammlung von 570 Texten aus 40 Ländern, in Original und Übersetzung. Gedichte und Erzählungen schrieb er auch selbst, ohne hohe literarische Ansprüche, eher in der Tradition des Geschichtenerzählers, wobei er eine überraschende Nähe von Napf und Afrika entdeckte (davon zeugt auch die CD «De Al Imfeld verzöut»).

Imfelds These, dass Afrika eine eigene Agrarkultur besitzt, mit Verfahren und Traditionen, die durch die Kolonisierung verschüttet wurden, hat er in zahlreichen Publikationen und Vorträgen verbreitet. Sein neues Buch «Agrocity», in dem er eine Zukunft für afrikanische Städte entwarf, soll dieser Tage erscheinen. Al Imfeld kann es nicht mehr erleben. Der Mann, der sich gegen die «rassistische» Ausgrenzungspolitik der EU engagierte und der in Zürich, wo er im Kreis 5 wohnte, eine Anlaufstelle für gestrandete Afrikaner war, ist am Dienstag 82-jährig im Unispital gestorben. Für seine Arbeit hat er etliche Preise erhalten, zuletzt 2014 den Pro-Litteris-Preis für sein Gesamtwerk.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 19:30 Uhr

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