Der Zug kommt!

Der Thurgauer Zugbauer Stadler Rail präsentierte erstmals seinen neuen Hochgeschwindigkeitszug der Öffentlichkeit. Für einmal blickte die Welt nach Bussnang.

Grosszügiges Bistro, kleine Fenster: Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktor Stefan Eiselin hat den neuen Giruno inspiziert. (Video: Lea Koch)

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Wenn die wichtigste Strasse im Ort Hauptstrasse heisst, weiss man, dass man in der Provinz ist. 2300 Seelen zählt die Thurgauer Gemeinde Bussnang. Die Restaurants heissen Rössli und Ochsen, Feldschiessen, Kreismusiktag und Bundesfeier sind die Höhepunkte des Jahres. Für einmal war dieser idyllisch oberhalb von Weinfelden gelegene Flecken Schweiz am Donnerstag aber der Nabel der Welt – oder zumindest der Bahnwelt. Der neueste Hochgeschwindigkeitszug der Welt feierte in Bussnang Premiere.

Entwickelt hat das 202 Meter lange und 380 Tonnen schwere Ungetüm Stadler Rail. Patron Peter Spuhler liess sich den Anlass etwas kosten, immerhin feierte Stadler Rail nicht nur den neuen Zug, sondern auch das 75-Jahr-Jubiläum. Gäste aus der Eisenbahnbranche, aus der Politik und aus den Medien lud Spuhler nach Bussnang, wo die Firma mit weltweit 7000 Angestellten ihren Sitz hat. Für die Sause mit Reden, Häppchen und Musik reisten auch SBB-Chef Andreas Meyer und Bundespräsidentin Doris Leuthard in den Osten der Schweiz an.

«Der Zug ist schon verdammt schön»

Für den Bahnbauer ist der EC250 der erste Hochgeschwindigkeitszug in der Firmengeschichte. Vor drei Jahren haben die SBB als Erstkundin 29 Stück bestellt. Inzwischen hat sich der digitale Projektentwurf zu einem richtigen Zug gewandelt. Der EC250 bietet 405 Passagieren Platz. In vier Erstklasswagen werden 117 Reisende sitzen können, in den sechs Zweitklasswagen 288. Auch einen Speisewagen mit Bedienung und Bar weist der «Schweizer TGV» auf, den die SBB Giruno (sprich: Tschiruno) getauft haben.

Bereits im vergangenen Herbst hatte Stadler Rail den Zug einem Fachpublikum präsentiert. Am Donnerstag rollte er nun hochoffiziell aus der Werkshalle in die Öffentlichkeit. Peter Spuhler strahlte ununterbrochen aus Freude darüber, dass er sein neuestes und schnellstes Produkt endlich zeigen konnte. Mit einem Bus liess er die Journalisten auf ein Feld ausserhalb des Dorfes chauffieren. Der Bauer hatte es vorher extra gemäht.

Dann ging es los: Kameras aufstellen, Objektive ausrichten – Bahnjournalisten kämpften um die beste Perspektive. Die Spannung stieg. Immerhin sollte Giruno erstmals in Fahrt zu sehen sein. Dann der Aufschrei: «Der Zug kommt!» Die Elf-Wagen-Komposition, die dereinst bis zu 250 Kilometer pro Stunde schnell fahren wird, tuckerte mit 20 Sachen die leichte Steigung vom Bahnhof Bussnang in Richtung Oppikon hinauf. «Er fährt ja wirklich», flachste SBB-Lenker Meyer zu Spuhler. Der schwärmte: «Der Zug ist schon verdammt schön.» Beide knipsen mit ihrem Handy Bilder vom schnittigen rot-weissen eisernen Pferd, das im Schritttempo durch die grüne Frühlingslandschaft fuhr.

Premiere: Ein Pissoir

Für die Nicht-Ferrosexuellen zeigt sich die Qualität eines Zuges indes nicht von aussen, sondern dann, wenn man sich einmal niederlässt. Spuhler verlud den Tross deshalb bald wieder in den Bus, um ihn zum Bahnhof Märwil zu bugsieren, wo Giruno wartete. Stadler hatte alles exakt auf die Minute geplant. «Generalstabsmässig, wie im Militär», sagte Spuhler. Das musste auch so sein. Denn schliesslich verkehren auf der Strecke auch ganz normale Züge – Flirts aus dem Hause Stadler selbstverständlich.

Spuhler weiss, dass er mit seinen Technikern und Ingenieuren ein gutes Produkt entwickelt hat. Schliesslich hatten Testpassagiere es zuvor auf Herz und Nieren geprüft. Die Passagiere auf der ersten Fahrt zeigten sich denn auch einigermassen beeindruckt. «Kein übermässiger Luxus, aber hohe Qualität, wie man es sich von den SBB gewohnt ist», meinte einer. Die einen freuten sich an den ebenerdigen Einstiegen, die anderen an den gediegenen Erstklassabteilen, wiederum andere an den gut zugänglichen Veloabstellplätzen. Einige staunten auch über die grösste Premiere im Giruno: Ein Pissoir für die Männer.

SBB-Chef Meyer freute sich vor allem am freundlichen Familienwagen, in dem Zeichnungen von Schweizer Spezialitäten, Sehenswürdigkeiten und Personen wie Fondue oder Roger Federer für aufgehellte Stimmung sorgen sollen. Nur eines machte ihm noch Sorgen: «Hoffentlich nimmt uns der Bundesrat nicht übel, dass er vor dem Bundeshaus als sieben Zwerge gemalt wurde.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 17:09 Uhr

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