Krisentreffen wegen Schweizer Strom-Engpass

Alles nur Propaganda? Klar ist: Bern beruft den sogenannten Bundesstab ein. Strom sparen wäre angesagt, sollten die Temperaturen lange unter null bleiben.

Für den Stromimport wäre die Schweiz zu wenig gut gerüstet: Starkstromleitungen bei Mollis GL. Foto: Urs Jaudas

Für den Stromimport wäre die Schweiz zu wenig gut gerüstet: Starkstromleitungen bei Mollis GL. Foto: Urs Jaudas

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Am letzten Mittwoch ist es passiert. Ein Defekt im Zürcher Elektrizitätswerk hat 21'000 Stromanschlüsse in der Stadt für mehrere Stunden lahmgelegt. Ein Ausfall mit Strahlkraft: Ohne Strom kommt das moderne Leben zum Erliegen. Ein Szenario, das beunruhigt – und das aufs Neue Realität werden könnte, wenn auch aus anderen Gründen als in Zürich.


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Swissgrid erwartet für diesen Winter eine «angespannte Situation». Das teilte die nationale Netzgesellschaft kürzlich mit; als Ursache dafür nennt sie unter anderem das Atomkraftwerk Beznau. Dessen Blöcke 1 und 2 sind seit Monaten aus Sicherheitsgründen vom Netz. Durch den Ausfall der Atommeiler fehlt laut Swissgrid ein grosser Teil an Bandenergie – jener Energie also, die den Grundbedarf an Strom abdeckt, nach dem ganztags eine Nachfrage besteht.

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Die Angst vor einem Stromblackout geht nicht zum ersten Mal um. Vor knapp zehn Jahren haben die Stromwirtschaft und die bürgerlichen Parteien das Wort «Stromlücke» reaktiviert – ein Begriff aus den 70er-Jahren: Sollte der Stromverbrauch wie prognostiziert steigen und die bestehenden Atomkraftwerke ab 2020 sukzessive abgestellt werden, so mahnten sie, lasse sich die Versorgung zu tragbaren Preisen nicht sicher – ausser durch den Bau zwei neuer Atomkraftwerke.

Ausstiegsinitiative als Motiv?

Damals kanzelten rot-grüne Politiker die Warnung als Propaganda ab. Heute klingt es ähnlich: «Swissgrid betreibt reine Stimmungsmache», sagt Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen. Im Sommer seien zeitweise alle fünf Atomkraftwerke stillgestanden, «trotzdem brachen die Stromversorgung und die Übertragungsnetze in der Schweiz nicht zusammen». Es sei sogar Wasserstrom ins Ausland exportiert worden.

Rytz sieht die Motivation für die Warnung vielmehr in der Atomausstiegsinitiative der Grünen, die voraussichtlich im November 2016 an die Urne kommt. Die Initiative fordert eine Beschränkung der Laufzeit für Atomkraftwerke auf 45 Jahre. Leibstadt als jüngstes Atomkraftwerk müsste somit spätestens 2029 vom Netz. Beznau 1, mit 46 Betriebsjahren der dienstälteste Meiler der Schweiz (und der Welt), hätte ein Jahr nach Annahme des Volksbegehrens ausgedient.

Swissgrid weist den Vorwurf von sich: «Wir mischen uns nicht in die politische Debatte ein», sagt Sprecherin Jeanine Glarner. Swissgrid sei für den sicheren Netzbetrieb der Schweiz zuständig, unabhängig davon, mit welcher Technologie die Energie für die Stromversorgung erzeugt werde.

Swissgrid versichert, es liege eine zeitgleiche Verkettung besonderer Umstände vor, die Energiereserven seien «knapp». Beznau sei nicht der einzige Grund dafür. Der anhaltenden Trockenheit wegen führten die Flüsse laut Swissgrid derzeit deutlich weniger Wasser als im langjährigen Durchschnitt. Dadurch sinke die Stromproduktion aus Laufwasserkraft. Auch seien die Speicherseen unterdurchschnittlich gefüllt.

Eine Abkehr von der Atomenergie hält Swissgrid für technisch möglich – allerdings nur schrittweise. «Ein sofortiger Ausstieg würde die Schweizer Stromversorgung vor erhebliche Herausforderungen stellen», warnt Swissgrid, ohne dies präzis zu begründen. Keine Antwort gibt es von Swissgrid auf die Frage, inwieweit die Initiative der Grünen ein zu hohes Tempo anschlüge und damit zum Risiko für die Versorgungssicherheit der Schweiz werden könnte.

Krisenstab tagt diese Woche

Die Warnung von Swissgrid hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Das Bundesamt für Energie (BFE) hat für diese Woche den sogenannten Bundesstab einberufen. Mit von der Partie sind verschiedene Bundesämter. Zum Einsatz kommt das Ad-hoc-Gremium jeweils in Krisenlagen, welche die Bevölkerung tangieren. Seine Aufgabe: alle Mass­nahmen des Bundes koordinieren. Das BFE spricht von einer ernst zu nehmenden Situation. Blieben die Temperaturen in den kommenden Wochen längere Zeit unter dem Gefrierpunkt, steige der Stromverbrauch stark an, bei gleichzeitig sinkender Stromproduktion aus einheimischer Wasserkraft. «Dies könnte zu grossflächigen Stromausfällen führen.» Panikmache sieht das BFE darin nicht: «Wir bereiten uns nur seriös auf den Worst Case vor.» Dass dieser Fall eintreten wird, hält das BFE freilich für wenig wahrscheinlich.

Alarmiert ist auch das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Die Experten im Departement von Johann Schneider-Ammann (FDP) haben die Strombranche aufgefordert, regelmässig über die Lage zu informieren. Sollte sich in den kommenden Wochen ein Engpass abzeichnen, wird der Bund der Bevölkerung und Wirtschaft empfehlen, Strom zu sparen, sagt Ueli Haudenschild vom BWL.

Wirkt diese Aufforderung nicht, kann der Bundesrat, gestützt auf das Landesversorgungsgesetz, Verbote erlassen. Denkbar wäre laut Haudenschild etwa, dass Schaufenster nachts nicht mehr beleuchtet sein dürften oder Rolltreppen tagsüber abgeschaltet werden müssten. «Im Fokus wären zuerst all jene Anwendungen, die für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft nicht zwingend notwendig sind.» Haudenschild betont indes, es handle sich um theoretische Überlegungen. Zumindest vorerst. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.12.2015, 06:31 Uhr)

Genügend Strom – aber Lücken im Netz

Die Schweizer Atomkraftwerke produzieren rund 40 Prozent des inländischen Stroms. Am 17. und 18. August 2015 waren alle fünf Meiler ausser Betrieb; die Stromversorgung hat gleichwohl funktioniert. Heute sind nur noch die beiden Meiler in Beznau vom Netz. Trotzdem warnt die nationale Netzgesellschaft Swissgrid vor einer Stromlücke. Wieso?

Swissgrid begründet folgendermassen: Der Strombedarf im Winter ist grösser als im Sommer. Es gibt aber genügend Strom in Europa. Falls er in der Schweiz ausgeht, kann man ihn importieren – theoretisch zumindest. Doch hier beginnen die Schwierigkeiten. Das Schweizer Stromnetz besteht aus einem nationalen Übertragungsnetz, das aus den zwei miteinander gekoppelten Spannungsebenen 380 Kilovolt (kV) und 220 kV besteht, sowie einem Verteilnetz für die regionale und lokale Stromlieferung. Auf dem Weg zum Konsumenten wird die elektrische Spannung des Übertragungsnetzes stufenweise von 380 kV respektive 220 kV auf 230 Volt für die Haushalte und das Gewerbe reduziert. Die Krux dabei: ­Beznau 1 und 2 speisen den Strom ins 220-kV-Netz. Doch wie skizziert, stehen die beiden Werke derzeit still. Die Folge: Es muss mehr Strom aus Speicherkraftwerken eingespeist werden. Dies würde jedoch Speicherseen schneller als üblich entleeren. Die zweite Variante: Es wird mehr Strom auf dem 380-kV-Netz auf die niedrigeren Spannungsebenen transformiert. Voraussetzung dafür sind Trafostationen im Übertragungsnetz. Doch davon gibt es laut Swissgrid zu wenig: 26 bräuchte es, 20 sind es landesweit. Auf dem Übertragungsnetz stockten Netzbauprojekte zum Teil seit Jahrzehnten, weil die Bewilligungsverfahren langwierig und juristisch aufwendig seien, heisst es bei Swissgrid. So könnten etwa die Transformatoren in Chippis VS, Mörel VS und Mühleberg BE erst realisiert werden, wenn auch die entsprechenden 380-kV-Leitungen stünden.

Die Schweizerische Energie-Stiftung moniert, der Ausbau diene vor allem dem internationalen Stromhandel und dem Anschluss von Pumpspeicher-Kraftwerken. Sinnvoller sei es, die regionalen und lokalen Verteilnetze zu verbessern, da diese für die Integration von dezentralen Kraftwerken nötig seien. Das negiert Swissgrid nicht. Doch das lokale Verteilnetz nütze nur bedingt, wenn der Ausbau im Übertragungsnetz nicht vorankomme.

Stefan Häne

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