Die Jammer-Väter

Ein Kind zu haben und gleichzeitig Karriere zu machen, ist nicht ganz einfach. Das merken jetzt auch die Männer. Nach nur vierzig Jahren.

Schon hart: Vater gerät mit Kind ins Rudern. Foto: heymarchetti (Flickr)

Schon hart: Vater gerät mit Kind ins Rudern. Foto: heymarchetti (Flickr)

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Das Leben an und für sich ist hart. Besonders für Männer. Eigentlich nur für Männer. Merken jetzt: die Männer. Ein Mann könne nur einmal sterben, hat Hemingway einmal geschrieben. Jammern, das geht öfter.

Besonders auffällig in dieser Hinsicht sind in letzter Zeit die «Jungväter», eine Kategorie, die es auch erst gibt, seit die Männer die jahrzehntelang gepflegte Angestellten-Beziehung mit ihren Frauen – «Schatz! Wo bleibt mein Martini?» – aufgeben mussten.

«Vergiss es!»

Nun, so scheint es, merken diese Väter (sie sind meistens zwischen 30 und 40 Jahre alt), dass es nicht immer einfach ist, all die Ansprüche an sich selber, daheim und im Beruf, zur vollsten Zufriedenheit zu erfüllen. Es ist ein schmerzlicher Prozess, und er wird, was nicht sehr männlich ist, in aller Öffentlichkeit erlitten. Am vergangenen Sonntag beispielsweise durften in der Sendung «Input» von SRF 3 fünf junge Väter von ihrem harten Los berichten. Ungestört die Plattensammlung sortieren? Oder endlich wieder mal auf eine Töfftour? «Vergiss es!» Da mache man Karriere im Geschäft (natürlich) und zu Hause sei es dann trotzdem anstrengend. «Ich spüre Druck von der Gesellschaft, dass von mir erwartet wird, dass ich mich im Beruf wie auch zu Hause voll einsetze», sagte einer der bedauernswerten Väter unter Tränen.

Gut, die Tränen sind erfunden, durften aber mitgedacht werden: Was für eine Jammerei! Nicht viel weniger larmoyant drückte es ein Kolumnist der «NZZ am Sonntag» gleichentags in seiner Zeitung aus. Die Mütter würden viel von den Vätern erwarten, «wenn es aber drauf ankommt, trauen sie ihnen wenig zu». Dabei nehmen sie nicht einmal wahr, wie viel der Mann im Haushalt leiste. «Anders als viele Frauen denken, bezahlen sich die Rechnungen am Ende des Monats nicht von selbst – es braucht jemanden, der das erledigt.»

Wohl wahr. Und das – neben der Fahrt zum samstäglichen Fussballturnier des Sohns, dieser väterlichen Kernaufgabe, die in keiner Jammerei über die übermenschliche Anstrengung von jungen Männern fehlen darf – sei eben nicht nichts.

Die Hölle

Nein, es sei «die Hölle», wie es gleich zwei Väter kürzlich in einem gemeinsamen Text in der «Zeit» genannt haben. Auch sie gehen zum Fussball mit ihren Söhnen, schauen aber nicht richtig hin, sind «Hülle». «Dann liegt da das Smartphone, und sein rotes Lämpchen blinkt unaufhörlich, also greift man danach und liest und fängt an zu tippen. Und hört gar nicht mehr, wie der Sohn fragt, ob man das Tor gesehen habe, das er vorhin geschossen habe.»

Im Film würden jetzt die Streicher einsetzen. Im Text geht es mit einer dramatischen Selbsterkenntnis weiter: «Sind wir bloss Weicheier, Heulsusen? Überfordert von den eigenen Ambitionen?»

Wir meinen: ja. Dagegen hält die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm, die in einer neuen Studie den übersteigerten Ansprüchen an die Väter nachgeht. «Väter haben das Anrecht, nicht weiterhin vorwiegend in defizitären Kategorien wahrgenommen zu werden», schreibt Stamm in der Einleitung zur Studie, die am Freitag in der NZZ besprochen wurde. «Erreichen kann man Männer nur, wenn man sie nicht dauernd mit Vorwürfen eindeckt.» Was schon andeutet, wo das eigentliche Problem liegt: bei der Frau natürlich. Zu lange sei die Mutterschaft «glorifiziert» worden. An der Frau sei es, ihr «Revierverhalten» aufzugeben und damit aufzuhören, die eigenen Qualitätsansprüche auf den Vater zu übertragen. Gelinge es der Gesellschaft, von der starken Mutter-Kind-Fixierung Abstand zu nehmen, sei dies die Ausgangslage für eine gute Vaterschaft, heisst es in der NZZ.

Die Gesellschaft ist schuld (natürlich)

Oje Mann. Du hast es wirklich nicht einfach. Alle sind schuld: Die Mails vom Chef aufs Smartphone, die Turnierplanung des lokalen Fussballvereins, die Frau, die Gesellschaft (!). Nur du nicht.

Von den fünf Männern in der Talkrunde von SRF arbeitete genau einer nicht hundert Prozent. In der Studie von Stamm sind in 13 Prozent der befragten Familien Vater und Mutter teilzeitbeschäftigt – in den anderen Fällen arbeitet der Vater voll. Natürlich ist nicht der Beschäftigungsgrad alleine dafür entscheidend, ob man eine gute Beziehung zu seinem Kind aufbauen kann. Aber solange noch über 80 Prozent der Väter (und ihre Firmen!) meinen, sie könnten nur Karriere mit einem Vollzeitpensum machen, bleibt es logischerweise schwierig, die Ansprüche an sich selber zu erfüllen.

Hier findet der eigentliche Gesellschaftswandel statt: Irgendwann wird es normal für Männer und Frauen sein (sein müssen!), eine Karriere im Beruf auch im Teilzeitpensum zu schaffen. Und das ist das Positive an der jungväterlichen Jammerei: Ein gesellschaftlicher Wandel läuft manchmal schneller, manchmal langsamer ab. Wenn das Problem für einmal die Männer betrifft: eher schneller. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.02.2016, 13:30 Uhr)

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