«Die Kirche muss das Bild der Ehe polieren»

Erzbischof Thomas Gullickson ist neuer päpstlicher Nuntius. Er ist gegen die Kommunion für Wiederverheiratete und spielt bei der Suche des Huonder-Nachfolgers eine wichtige Rolle.

Er müsse alles etwas realer machen, sagt Thomas Gullickson in der vatikanischen Botschaft in Bern. Foto: Ruben Wyttenbach (13photo)

Er müsse alles etwas realer machen, sagt Thomas Gullickson in der vatikanischen Botschaft in Bern. Foto: Ruben Wyttenbach (13photo)

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Exzellenz, seit Oktober sind Sie in Bern. Eine Kontrasterfahrung zur Ukraine?
An meinem ersten Sonntag in der Schweiz unternahm ich eine Wallfahrt nach Sachseln zu Bruder Klaus. Die Berge, das Grün: wunderschön! Ich hatte den Eindruck einer ganz anderen, friedlichen und ruhigen Welt. In der Ukraine zu reisen, ist nicht leicht. Hier aber sind die Entfernungen so kurz. In nur einer Stunde bin ich in Vevey, wo meine Schwester wohnt.

Was tut der päpstliche Gesandte im Unterschied zu den anderen Botschaftern?
Ich bin vor allem mit der Kirche beschäftigt, nicht so sehr mit Staat und Regierung. Heute sind die Botschafter mit wirtschaftlichen Dingen befasst. Wenn der australische Botschafter mit Kohle handelt, nennt man das harte Diplomatie, wenn der argentinische Tangounterricht gibt, Softdiplomatie. Uns Nuntien aber kann man kaum einordnen. Die Regierungen wissen nicht recht, was sie mit uns anfangen sollen. Von Amtes wegen bin ich der Doyen des diplomatischen Korps. Ich muss es vertreten, wenn es um gemeinsame Anliegen geht.

Und für den Heiligen Stuhl die Kirche Schweiz überwachen?
Ich muss die kirchlichen Beziehungen pflegen. Es gibt Dinge, die über die Kompetenz von Ortsbischöfen hinaus- gehen. Wenn man etwa eines der leer stehenden Klöster verkaufen will. In solchen Dossiers unterstütze ich die Bischöfe beim Heiligen Stuhl. Ich bin Anwalt der Kirche in der Schweiz und in Liechtenstein, aber auch Anwalt Roms gegenüber der Ortskirche. Ich muss alles etwas realer machen.

Wie realer?
Dank der digitalen Welt ist der Heilige Vater mehr virtuell als real. Man kennt ihn nur aus den Medien. Ich selber hatte, bis ich 22 war, die Stimme eines Papstes nie gehört. Heute ist er über TV und Twitter allgegenwärtig, aber das Verhältnis bleibt eher virtuell. Ich muss für die Menschen vor Ort Ansprechpartner des Papstes sein, als reale Person.

Sie sind aber ein bekannter Blogger. Ist das Ihre verlängerte Kanzel?
Es hat bei mir zufällig angefangen nach der Bischofsweihe. Sobald man Bischof ist, ist auf einmal alles, was man sagt, interessant. Familie und Freunde wünschen, dass man ihnen die Predigten schickt. So habe ich meinen Blog «Island Envoy», «Gesandter auf den Inseln», eröffnet. Damals war ich Nuntius auf den karibischen Inseln. In der Ukraine bloggte ich weiter, auch wenn ich aus Sprachgründen nicht viel predigen konnte.

Immerhin sprechen Sie sieben Sprachen.
Je nach Verfassung. An schlechten Tagen gehts nur auf Englisch (lacht). Sonst auch auf Italienisch, Deutsch und Französisch. In der Ukraine ist sehr viel über Social Media gelaufen, auch weil die öffentlichen Medien in den Händen des Regimes waren. Ich verlinkte englische Artikel über den Konflikt. Viele haben sich bei mir bedankt, dass ich mich in den vier dunkelsten Jahren ihrer Geschichte mit ihnen solidarisch zeigte.

Warum heisst Ihr Blog für die Schweiz «Ad montem Myrrhae»?
Das ist ein Vers aus dem Hohelied: «Zum Myrrhenberg und zum Weihrauchhügel will ich gehen.» Ich fand, das würde zu meiner Reise in die Schweiz passen. Ich glaube aber nicht, dass ich hier über Facebook und Twitter mit so vielen jungen Menschen in Kontakt komme wie in der Ukraine. Die Welt ist ganz anders hier.

Auf Ihrem Blog haben Sie während der Familiensynode Beiträge ­verlinkt, welche die Kommunion für Wiederverheiratete und eine ­Öffnung zu den Homosexuellen kritisierten.
Das waren Themen der Synode. Die Medien machten den Synodenvätern das Leben schwer. Vor allem die italienische Presse glaubte, mit Kampagnen gewisse Dinge in die eine oder andere Richtung biegen zu können. Jetzt warten alle auf das ­nachsynodale Schreiben des Papstes.

Ja, wir sind ein bisschen ratlos. Wir wissen nicht, was der Heilige Vater vorhat. Es gibt aber Leute, die glauben es zu wissen. Nur: Was bedeutet etwa Kommunion? Warum haben wir keine Kommunion mit den orthodoxen oder mit den reformatorischen Kirchen? Kein Nicht-orthodoxer würde sich in der orthodoxen Liturgie anmassen, um die Kommunion zu bitten.

Darum können Wiederverheiratete nicht zur Kommunion?
Ja, genau. Ich denke auch an die evangelische Frau, die in der lutherischen Kirche von Rom den Papst fragte, ob sie nicht gemeinsam mit ihrem katholischen Mann zur Kommunion dürfe. Wenn sie das so gerne möchte, warum wird sie selbst nicht katholisch? Mein Vater ist vor der Heirat mit meiner Mutter katholisch geworden. Er schätzte sie so sehr, dass er den Glauben mit ihr teilen wollte. Aus Liebe tun wir vieles.

Und die Homo-Ehe? Die Bischöfe machen sich mit ihrem Nein nur unbeliebt.
Die Kirche wird dazu nie Ja sagen können. Deswegen muss man aber jene nicht hassen, die anderer Meinung sind. Ich denke, dass die Kirche vor allem das Bild der Ehe polieren muss, die heute fehlende Offenheit für Kinder und Familie. Viele wünschen sich, bis 40 mit Autos und Hunden in den Urlaub zu fahren und erst dann zwei schöne und kluge Kinder zu bekommen. Auf einmal aber ist die Tragödie da, Krankheit und Einsamkeit. Als mein Bruder querschnittgelähmt war, verliess ihn seine Frau. Meine Mutter aber sagte: «Ich wollte immer ehrenamtlich arbeiten. Jetzt kommt das Ehrenamt ins Haus.»

Sie haben über Twitter Artikel verbreitet, in denen die deutsche Bischofskonferenz wegen ihrer liberalen Positionen als häretisch bezeichnet wird.
Ich war einst acht Jahre in Deutschland. Zu jener Zeit war gerade die Kontroverse über die Mitwirkung der Kirche bei der Schwangerenkonfliktberatung akut. Die Auseinandersetzungen in der deutschen Bischofskonferenz waren auch damals sehr gross. Das zugrunde liegende Problem aber ist wie in der Schweiz, dass so wenige Leute in die Kirche gehen. Papst Franziskus war grosszügig, als er den deutschen Bischöfen sagte, es seien zehn Prozent. Tatsächlich sind es weniger als acht Prozent. Man muss sich fragen, wieso das so ist. Oft höre ich, die Bischöfe müssten einlösen, was sie den Gläubigen schuldig seien, nämlich einen lebendigen Glauben. Offensichtlich gibt es den nicht mehr.

In einem Ihrer Tweets schlagen Sie vor, Pfarreien ohne Priester einfach zu schliessen.

Ergibt es Sinn, an einer Pfarrei festzuhalten, wenn man dort die heilige Messe nie feiern kann? Entschuldigen Sie, aber die katholische Kirche definiert sich über die Sakramente. In meiner Heimatdiözese Sioux Falls hat man die Pfarreien von 150 auf 80 reduziert. Manche Leute weinen und bitten, ihnen die Kirche zu belassen. Es fehlt einfach das Geld dazu. In der Schweiz hat man freilich immer Steuergeld. Warum aber zuwarten, wenn man eh nie einen Priester bekommen wird?

Darum wollen Sie zurück zur ­«kleinen, lebendigen Kirche von Papst Benedikt», wie Sie gerade getwittert haben?
Es war Kardinal Ratzinger, der vor Jahren von der kleinen Kirche sprach. Damals hat mich dieses Bild erschreckt, jetzt erst verstehe ich es: Wir sind unter acht Prozent. Längst schliessen evangelische Gemeinschaften viele Gemeinden. Man kann keine echte Gemeinschaft mit vier oder sechs Leuten leben. Darum pflege ich zu sagen, auf dem Land wäre es besser, einen Kombi zu kaufen und die vier Grossmütter aus einem Dorf in die nächstgrössere Pfarrei zu fahren, statt sie allein in einer Kirchenbank weinen zu lassen, weil niemand mehr da ist. Ich bin ein praktisch denkender Amerikaner.

Bei uns springen die Laien ein. Doch haben die Bischöfe gerade die ­Laienpredigt untersagt.
Ja, die Bischofskonferenz hat Anfang November einen Brief gegen die Laienpredigt veröffentlicht, von dem sich zwei Bischöfe umgehend distanziert ­haben. So geht es einfach nicht, das können die Gläubigen nicht akzeptieren. Die Bischöfe sollten kollegial zusammenarbeiten, einen Text verabschieden, ihn aber nicht als Konferenz, sondern einzeln veröffentlichen.

Ist ein Bistum Zürich möglich?
Ich schliesse das nicht aus. Noch bin ich Lehrling und werde mich erst im neuen Jahr damit beschäftigen. Wie ich höre, war die Forderung nach einem Bistum Zürich vor einem Jahr akut, jetzt aber spreche man nicht mehr davon.

Es gehört wesentlich zu Ihren ­Aufgaben, Bischofsernennungen vorzubereiten. Stellen Sie die ­Kandidatenlisten zusammen?
Das Kirchenrecht sieht vor, dass der Nuntius die Dossiers der möglichen Kandidaten für Rom vorbereitet. Ich ermittle die Kandidaten, die Listen machen aber die Bischöfe, je nach Bistum unter Mitwirkung des Domkapitels.

Bereits wird über die Nachfolge von Bischof Huonder spekuliert. Wäre es möglich, zuerst einen Administrator einzusetzen, der im Bistum für Ordnung sorgt?
Davon habe ich bis jetzt nichts gehört. Man müsste mit Bischof Vitus reden. Man sollte ihn aber für nichts bestrafen. Ist er in der Lage, bis zu seinem 75. Geburtstag im April 2017 zu bleiben, ist das gut. Ich hoffe, dass es dann nicht lange dauern wird, bis man für seine Nachfolge einen vom Papst genehmigten Dreiervorschlag an das Churer Domkapitel schicken kann. Ich bin dafür verantwortlich, geeignete Kandidaten zu finden und zu prüfen. Die Dossiers werden dann in der Bischofskongregation diskutiert und dem Papst weitergeleitet. Ich hoffe nur, dass niemand hinter den Kulissen zum Heiligen Vater geht und sagt, er habe den richtigen Kandidaten gefunden.

Wäre es möglich, dass ­Huonder seinen Nachfolger selber vorschlägt, etwa Generalvikar ­Martin Grichting?
Normalerweise schickt der abtretende Bischof Vorschläge an den Nuntius. Der muss sie nach Rom weitergeben, aber auch melden, wenn ein Kandidat, mag er noch so nett sein, von den Priestern nicht anerkannt wird. Der Nuntius muss für Objektivität sorgen.

Könnte Huonder seine Nachfolge bereits jetzt regeln, indem er von Rom einen Koadjutor, einen ­Weihbischof mit Nachfolgerecht, erbittet?
Das würde ihm nicht genehmigt, das hat keinen Sinn. Das würde nur provozieren. Der Heilige Stuhl hat aus der Vergangenheit gelernt. Als Bischof Vonderach 1987 einen Koadjutor in der Person von Wolfgang Haas erbat, ist es bekanntlich schiefgelaufen.

Sind Sie auch in die Schweiz ­gekommen, um die von Papst ­Franziskus geplante Versöhnung mit den Piusbrüdern vorzubereiten?
Diese Frage haben mir die Schweizer Bischöfe auch gestellt. Franziskus hat offenbar diesbezüglich etwas vor und will im Jahr der Barmherzigkeit deren Beichten anerkennen. Ich selber aber habe vom Heiligen Stuhl keine Anweisungen bekommen, mich um die Piusbrüder zu kümmern. Und auf eigene Initiative darf ich das nicht tun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2015, 22:32 Uhr

Thomas Gullickson

Konservativer Kommunikator

Seit Oktober ist der 65-jährige US-Amerikaner Thomas Gullickson Herr im schmucken Hause an der Thunstrasse 60. Im Berner Diplomatenviertel residierend, steht der unter anderem Deutsch und Französisch sprechende Gesandte des Papstes dem diplomatischen Korps vor. Von Kiew kommend, wird er fortan die Schweizer Kirchenpolitik bestimmen. Anders als seine wort­kargen Vorgänger in Bern ist Gullickson sehr kommunikativ. Aufgrund seiner Blogs und Tweets hat er den Ruf eines dezidiert konservativen Kirchenmanns. Der Erzbischof stützt die traditionelle Familienmoral, verteidigt die Piusbrüder und blockte gerade den für ihn zu liberalen Alt-Abt Martin Werlen. (mm)

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