Die Mafiosi von nebenan

Die Polizei verhaftete in der Schweiz 15 mutmassliche Mitglieder des Verbrechersyndikats ’Ndrangheta. Die meisten lebten unauffällig im Thurgau – als Autohändler, Banker oder Beamte.

Wie im Film: Geheimes Treffen der ’Ndrangheta im Clubraum des Restaurants Schäfli in Wängi TG. Foto: Keystone

Wie im Film: Geheimes Treffen der ’Ndrangheta im Clubraum des Restaurants Schäfli in Wängi TG. Foto: Keystone

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Sie wohnen in Dörfern wie Eschlikon oder Felben-Wellhausen. Verwurzelt sind sie in Süditalien, manche gehören zur ersten Generation von Einwanderern, manche sind Secondos, hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie arbeiten als Autohändler, Busfahrer, Bankangestellte, Beamte, Treuhänder, Versicherer. Sie sind in Vereinen und an der Gemeindeversammlung anzutreffen.

Und sie sollen Mafiosi sein.

Gestern Dienstag hat die Polizei 15 mutmassliche Angehörige des Verbrechersyndikats ’Ndrangheta verhaftet. 12 Männer wurden im Kanton Thurgau festgenommen, einer im Kanton Zürich, 2 im Wallis. Die Initiative kam von der italienischen Justiz. Die Männer sind jetzt in Haft, nun wird geprüft, ob sie ausgeliefert werden. 14 der Angeschuldigten widersetzen sich der Überstellung, einer ist im Grundsatz damit einverstanden, wie das Bundesamt für Justiz mitteilte. Das Amt wird über die Auslieferung entscheiden, die Angeschuldigten können sich vor Gericht wehren, sollte Bern das Anliegen Italiens gutheissen.

Die mutmasslichen Mafiosi sind schon lange ein Ziel der Fahnder. Der italienische Staatsanwalt Antonio De Bernardo sagte vor einem Jahr im Tessiner Fernsehen, dass die Anfänge der Ermittlungen bis 2012 zurückreichten. Die Schweizer Öffentlichkeit erfuhr im August 2014, dass die ’Ndrangheta im Thurgau einen Ableger hat – auf spektakuläre Art und Weise: Die italienischen Mafiajäger publizierten im Internet ein heimlich gefilmtes Video einer Zusammenkunft.

Erpressung, Kokain, Heroin

Im kaum zweiminütigen Clip, den die Schweizer Fahnder mit versteckter Kamera aufgenommen hatten, sitzen 15 vornehmlich ältere Herren um einen Tisch in einem Clubraum des Restaurants Schäfli in Wängi TG bei Frauenfeld. Der Vorsitzende spricht die Grussformel «Buon vespro, società!», die Mannschaft echot: «Buon vespro!» Nach einem Ausflug in die Geschichte des ­Ablegers (es ist nicht ganz klar, ob er nun seit 35 oder 40 Jahren existiert) geht der Anführer zum Geschäft über: Erpressung, Kokain, Heroin, es gebe genug zu tun. «10 Kilo, 20 Kilo pro Tag. Besorge ich persönlich.»

Die Thurgauer Zelle entpuppte sich als Teil eines grösseren ’Ndrangheta-Ablegers im kalabrischen Dorf Fabrizia. Viele der Mitglieder waren dort geboren, man reiste zwischen der Ostschweiz und Süditalien hin und her. Auch die beiden Männer, die im Wallis verhaftet wurden, stammen aus Fabrizia. In Frauenfeld leitete Antonio N. die Geschäfte. Der heute 65-Jährige, der intern «der Schweizer Berg» genannt wurde, machte den Fehler, noch im August 2014 nach Italien zu reisen, an eine Hochzeit. Dort verhafteten ihn die Carabinieri. In­zwischen ist er erstinstanzlich verurteilt, das Gericht von Reggio Calabria entschied auf 14 Jahre Gefängnis. Fast so hart traf es den ebenfalls im Thurgau ­lebenden Raffaele A., er bekam 12 Jahre.

24 Video- und Tonbeweise

Die übrigen ’Ndranghetisti, die damals um den Tisch im Wängemer Lokal gesessen hatten, blieben auf freiem Fuss. In der italienischen Gemeinschaft in Frauenfeld herrschte seither Verunsicherung – warum passierte nichts? Stimmte es wirklich, dass einige der seit Jahrzehnten in der Schweiz lebenden Landsleute der Mafia angehörten?

Das Problem war, dass die hiesigen Fahnder mehr Beweise benötigt hätten, um Verhaftungen zu rechtfertigen. Zwar weiss die Polizei seit Jahren, dass mutmassliche ’Ndrangheta-Mitglieder hierzulande mit Drogen handeln. Dass bei Mafiafahndungen in Italien immer wieder Waffen aus der Schweiz auftauchen. So steht es im aktuellen Jahresbericht des Bundesamts für Polizei. Und im ­Rahmen der Frauenfelder Mafiaermittlungen lagen am Ende 24 Video- und Tonaufnahmen sowie Hunderte Seiten von Telefonprotokollen vor, wie eine Person sagt, die mit dem Dossier vertraut ist.

Aber das reichte nicht für Verhaftungen, weil Belege für Straftaten fehlten. Dazu kam, dass es zu Beginn zwischen den Schweizer und den italienischen Behörden knirschte: Die Bundesanwaltschaft kritisierte die Veröffentlichung des Videos aus dem Restaurant durch die Carabinieri – so werde die Untersuchung gefährdet. Im Gegenzug wunderte man sich in Italien, weshalb die Schweizer Fahnder nicht selbst zur Verhaftung schritten – schliesslich lief auch hierzulande eine Strafuntersuchung.

Zwei sind inzwischen eingebürgert

Inzwischen sind diese Differenzen ausgeräumt, und beide Seiten betonen die gute Kooperation. Wie das Bundesamt für Justiz schreibt, hat man sich auf eine Strategie festgelegt: Die Schweiz liefert an Italien aus, obwohl aus hiesiger Sicht das eigene Verfahren vorgehen würde. Als Begründung werden «prozessökonomische Gründe» angeführt. Die in der Schweiz verfolgten Delikte seien Teil einer umfassenden italienischen Ermittlung. In Ausnahmefällen lässt das Rechtshilferecht eine solche Lösung zu. Italien bat zwischen Februar  2015 und Januar 2016 um die Auslieferung der Verdächtigen.

Die unbescholtenen Italiener, die im Thurgau wohnen, dürften nun erleichtert sein, die Zeit der Ungewissheit ist vorbei. Nur: Es wurden nicht alle mutmasslichen Mafiosi verhaftet. Zwei von ihnen sind inzwischen eingebürgert, und Schweizer können nicht ausgeliefert werden. Laut Justiz werden die beiden nur einvernommen. Mit anderen Worten: Sie kommen nicht in Haft, sondern bleiben in Freiheit. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.03.2016, 23:58 Uhr)

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