Die Sucht nach Leben

Extremsportler wecken Bewunderung, aber auch Aggression. Dabei wollen sie nicht den Tod, sondern nur ihre Angst bezwingen.

Das Menschenmögliche neu definieren: Ueli Steck beim Training auf dem Jungfraujoch im Berner Oberland. Foto: Daniel Winkler (13 Photo)

Das Menschenmögliche neu definieren: Ueli Steck beim Training auf dem Jungfraujoch im Berner Oberland. Foto: Daniel Winkler (13 Photo)

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Die Nachricht von Ueli Stecks tödlichem Unfall im Himalaja löst weltweit Betroffenheit aus. Journalisten würdigten den Bergsteiger in Artikeln, im Internet wurde Mitgefühl mit den Hinterbliebenen bekundet. Aber nicht nur. Menschen wie Ueli Steck, sogenannte Extremsportler, wecken auch Ablehnung, ja Aggression. Dass sie extreme Risiken eingehen, um ihre Ziele zu erreichen, stösst vielerorts auf Unverständnis. Der Mann sei selber schuld, hiess es, er habe mit dem Leben gespielt und nichts anderes verdient. Schon gar kein Mitleid. Da war Steck noch keine 24 Stunden tot.

Es stellen sich zwei Fragen: Was treibt Extremsportler an? Kritiker monieren, diese Menschen forderten den Tod heraus. Tatsächlich suchen Menschen wie Ueli Steck Risiken – aber nicht weil sie den Tod, sondern das Leben in seiner intensivsten Form finden wollen. Die meisten Menschen würden Situationen, in denen jeder Fehler den Tod bedeuten kann, um jeden Preis vermeiden. Extremsportler aber fühlen sich erst dann richtig lebendig und suchen diese Erfahrung deshalb immer wieder. Wie Reinhold Messner schreibt: «Belastung, Furcht, die Kälte und den Zustand zwischen Leben und Tod zu erleiden, sind derart starke Erfahrungen, dass es uns wieder und wieder nach ihnen verlangt. Wir werden süchtig. Seltsamerweise bemühen wir uns, wieder sicher nach Hause zu kommen, aber daheim wollen wir nichts weiter, als zur Gefahr zurückzukehren.» Nein, solche Menschen suchen nicht Mitleid.

Extremsportler werden vorangetrieben vom Drang, sich selbst herauszufordern. Es mag eine Sucht sein, eine Sehnsucht, die für viele mit einer Art Erleuchtung beginnt, die zu einer Berufung wird. Aber erklärt das die heftige Ablehnung dieses Lebensentwurfs? Zumal der Extremsportler das Risiko selbst trägt und höchstens seiner Familie Rechenschaft schuldet. Das macht es schwer nachvollziehbar, warum ihr Tun als verwerflich verdammt wird. Ja, Extremsportler nehmen Gefahren auf sich, denen sie sich nicht aussetzen müssten. Und es trifft zu, dass nicht alle Menschen ihre Risiken selbst wählen können. Das mag man als ungerecht empfinden. Aber es ist auch nicht ungerechter, als wenn ich gemütlich in meinem Büro sitze, während andere ertrinken.

Ist es Neid? Oder ein Instinkt?

Warum wecken Risikosportler wie Steck solche Aggressionen? Ist es Neid auf jene, die sich gegen eine Familie, ein sicheres Heim und für eine raue, unkalkulierbare Tätigkeit voller Risiken entscheiden? Ist es ein urmenschlicher Instinkt, Menschen, die Übermenschliches erreichen wollen, auf Normalmass zurückzustutzen?

Die Antwort liegt im Motiv, das missverstanden wird. Extremsportler gelten zwar als furchtlose Gesellen, aber das trifft nicht zu. Sie haben Angst wie jeder Mensch, nur haben sie gelernt, diese Angst zu beherrschen und zu überwinden. Indem sie die Situation akribisch analysieren, sich körperlich und mental disziplinieren. Dadurch wird die Angst fassbar, berechenbar, überwindbar. Nie fühlt man sich stärker, als wenn man die eigene Angst überwunden und ein selbst gestecktes Ziel erreicht hat. Auch wenn der Moment der Befriedigung wie bei jeder Sucht flüchtig ist. Aber ihre körperlichen und geistigen Höhenflüge führen zu Erlebnissen von fast spiritueller Dimension. Das weiss jeder, der mal mit einem Extremsportler gesprochen hat. Das macht sie für die zu Hause gebliebenen zur Inspiration. Selbst wenn sie nicht mehr zurückkommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2017, 23:40 Uhr

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