Ein Kind mit Fieber ist für Eltern oft ein Notfall

Notfallstationen und telefonische Beratungsdienste verzeichnen hohe Zuwachsraten. Woran das liegt.

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Seit letztem November betreiben die Kinderkliniken Zürich, Bern, Basel, Luzern, Winterthur und Chur ihre telefonische Notfallberatung gemeinsam. Insgesamt wählten Eltern letztes Jahr 75'000-mal die kostenpflichtige Beratungsnummer eines der sechs Spitäler. Allein im Kinderspital Zürich gingen 2015 über 20 000 Anrufe ein. Häufig handelt es sich bei den Patienten um Kleinkinder, die Fieber haben oder gestürzt sind. Ziel des Beratungstelefons sei es, dass das Kind wenn möglich zu Hause behandelt werde, sagt Georg Staubli, Leiter der Notfallstation des Kinderspitals Zürich. Wie viele Besuche auf der Notfallstation mit der Telefonberatung vermieden werden, lasse sich aber nicht sagen.

Möglicherweise wären die Notfallzahlen ohne Hotline noch höher, als sie ohnehin schon sind. Seit 1995 beobachtet Staubli im Kinderspital Zürich eine kontinuierliche Zunahme der Notfallpatienten um 500 bis 1000 pro Jahr. Letztes Jahr erreichte die Zahl der Notfälle erstmals die Marke von 40'000. Gleichzeitig gehen seit 2005, der Einführung des Beratungstelefons in Zürich, immer mehr Anrufe von Eltern ein. Auch die Kinderkliniken des Berner Inselspitals verzeichneten 2015 mit 22'000 Fällen einen neuen Höchststand an Notfallpatienten. Zudem haben fast 20'000 Eltern auf der Nummer des Berner Kinderspitals telefonisch um medizinischen Rat ersucht.

Stetig wachsendes Angebot

Laut Staubli sind bei den Kindern, die in den Notfall gebracht werden, schwere Erkrankungen selten. «Am Ende des Tages resultieren sehr viele sogenannte Bagatellfälle.» Dennoch zeigt Staubli Verständnis für die Eltern. Bei einem Kleinkind mit 40 Grad Fieber sei es schwierig zu erkennen, ob es sich um eine Grippe oder eine schwere bakterielle Erkrankung handle. Eine einfache Erklärung für die stetig steigende Nachfrage nach telefonischer Beratung und für die Zunahme der Kindernotfälle hat Staubli nicht. Die Meinung, vielen Eltern sei das Wissen zur Behandlung von Bagatellkrankheiten abhanden gekommen, relativiert Staubli. «Ich erlebe auch, dass die Grossmutter Druck macht, damit die Eltern das Kind in den Notfall bringen.» Möglicherweise beeinflusse aber das Angebot die Nachfrage, räumt Staubli ein. Denn neben dem telefonischen Beratungsangebot gibt es in immer mehr Städten eine Kinder-Permanence oder andere ambulante Praxen für Notfälle, bei denen keine Voranmeldung nötig ist.

Wird das Kind krank, wollen die Eltern schnell die entsprechende Diagnose. (Foto: Sabina Bobst)

Die telefonischen Konsultationen auf den Beratungsnummern der sechs Spitäler werden von 7 bis 23 Uhr von kindermedizinisch geschulten Pflegefachleuten in Zürich beantwortet. Nach 23 Uhr müssen dann Ärzte der jeweiligen Spitäler die Elternanfragen beantworten. Im Zürcher Stadtspital Triemli beantworten ­sogar immer Ärzte der Kinderklinik die Anrufe. Andere haben die Beratung ­einem Telmed-Anbieter übertragen. Anrufe auf die Nummer des Kantonsspitals Freiburg gelangen an die Firma Medi24 in Bern, die sonst vor allem telemedi­zinische Beratungen im Auftrag von Krankenkassen durchführt. Medi24-CEO Angelo Eggli ist überzeugt, dass sich dank der Beratung in vielen Fällen der Notfall- und Arztbesuch vermeiden lässt.

Es fehlt an Kinderärzten

Ein wesentlicher Grund für den Boom niederschwelliger 24-Stunden-Angebote ist der Mangel an frei praktizierenden Kinderärzten. Noch rund die Hälfte der Kinder werde von einem Kinderarzt betreut, sagt Rolf Temperli, Vorstandsmitglied von Kinderärzten Schweiz. Die telefonische Beratung empfindet der Kinderarzt im Liebefeld bei Bern nicht als Konkurrenz, sondern als Entlastung. Allerdings erhöhten diese Angebote wiederum die Nachfrage. «Und sie können die meist effizientere und kostengünstige Beratung durch den Kinder- oder Hausarzt, der den Patienten kennt, nicht ersetzen.» Temperli stellt fest, dass sich Eltern heute rascher an den Kinderarzt wenden, wenn ihr Kind krank ist. «Die Eltern wollen schnell eine Antwort.» Dies habe mit Verunsicherung zu tun, die durch die Informationsflut genährt werde. Anders als Staubli glaubt Temperli, dass «oft der Rat der Grossmütter fehlt und bei manchen Eltern die Erfahrung bei der Behandlung kranker Kinder».

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(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.01.2016, 22:49 Uhr)

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