Eine grosse Hypothek für unsere Nachkommen

Man braucht nicht tiefzustapeln: Der heutige Entscheid des Stimmvolks zur zweiten Gotthardröhre stellt für die Schweizer Verkehrspolitik eine Zäsur dar.

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Zwei Jahrzehnte lang galt der von der Alpeninitiative geprägte Imperativ: So viel Transitverkehr wie möglich soll auf die Schiene, mehr Strassen durch die Alpen gibt es nicht. Diese Ära geht mit dem heutigen Tag zu Ende.

Durch den zweiten Gotthardtunnel wird sich die Zahl der Fahrspuren auf der wichtigsten Nord-Süd-Passage verdoppeln. Natürlich war es eine geschickte Volte der Befürworter, als sie die zweite Röhre vor ein paar Jahren in das Sanierungsprojekt für den bestehenden Tunnel integrierten. Das wenig glaubwürdige Versprechen, dass am Ende nur zwei von vier Fahrspuren tatsächlich benützt würden, mag zum Volksentscheid beigetragen haben. Ob es entscheidend war, ist indes fraglich. Sondagen aus den letzten Wochen legen etwas anderes nahe: Mit Alpenschutz ist im Jahr 2016 kein Hauptpreis mehr zu gewinnen. Dagegen passt es zu unserer furcht­samen Epoche, dass die im Abstimmungskampf so sehr beschworene Verkehrs­sicherheit bei den Leuten zieht. Die Unfallgefahr im Gotthard dürfte mit der zweiten Röhre in der Tat etwas sinken. Den Preis für dieses Sicherheitsplus, die Gefährdung der bisherigen Verlagerungspolitik, sind die Menschen im Land offenbar zu zahlen bereit. Auf ihn hingewiesen wurden sie zur Genüge. Die Alpeninitiative hat einen starken Abstimmungskampf geführt – er war augenscheinlich nicht zu gewinnen.

Es ist nach Abstimmungskämpfen üblich, die Sieger an ihre Versprechen zu erinnern. Das würde hier heissen: Bundesrat und Parlament müssten den Einspurbetrieb der beiden Röhren eisern verteidigen. Bloss: In 20, 30 oder 40 Jahren wird sich niemand mehr für den Abstimmungskampf vom Frühjahr 2016 interessieren. Dann gibt es einfach noch zwei brach­liegende Fahrspuren am Gotthard – und viele handfeste Interessen in der Schweiz und in ganz Europa. Mit dem heutigen Entscheid haben wir unseren Nachfahren eine grosse Hypothek aufgebürdet. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.02.2016, 14:34 Uhr)

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