Eine neue Adresse für Kesb-Kritiker

Noch in diesem Jahr startet eine Beratungsstelle für alle, die mit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde nicht einverstanden sind. Sie soll Eskalationen stoppen.

Die Fachbehörde hat vor drei Jahren die kommunalen Laien-Vormundschaftsbehörden abgelöst: Eingangstür zur Kesb Obwalden. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Die Fachbehörde hat vor drei Jahren die kommunalen Laien-Vormundschaftsbehörden abgelöst: Eingangstür zur Kesb Obwalden. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Wer nach einem Entscheid der Kesb (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) nicht mehr weiterweiss, soll sich bald an eine unabhängige, nicht staatliche Anlaufstelle wenden können. Dies haben die Guido-Fluri-Stiftung und die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes) an ihrer Sitzung vom Donnerstag beschlossen.

Die Anlaufstelle, eine Art 24-Stunden-Hotline, soll mit Fachpersonen aus den Bereichen Sozialarbeit, Krisenintervention und Psychologie besetzt sein, die sich im Kindes- und Erwachsenenschutzrecht auskennen und mit den lokalen Verhältnissen betraut sind. So steht es in der am Donnerstag ver­abschiedeten Projektskizze, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt. Die Mitarbeiter der Anlaufstelle sollen den Rat- und Hilfesuchenden zuhören, ihnen die Situation erklären und weiterhelfen – etwa mit der Vermittlung an einen spezialisierten Rechtsanwalt.

Grund für das Engagement ist die anhaltende Kritik an der Fachbehörde, die vor drei Jahren die kommunalen Laien-Vormundschaftsbehörden abgelöst hat. Der Kanton Schwyz stimmt demnächst über eine Initiative ab, welche die Verantwortung für den Kindes- und Erwachsenenschutz wieder den Gemeinden übertragen will. Auf nationaler Ebene arbeitet eine Gruppe um Zoë Jenny und Julia Onken an einer Volksinitiative zur Einschränkung der Kesb.

Ein Büro für persönliche Gespräche

Bei Guido Fluri, Unternehmer und Urheber der Wiedergutmachungs-Initiative, die eine finanzielle Entschädigung für ehemalige Zwangsmassnahmen-­Opfer fordert, haben in jüngster Zeit die Anfragen und Hilfegesuche im Zusammenhang mit Kesb-Entscheiden stark zugenommen, wie er sagt. Die Stiftung sei zu einer informellen Anlaufstelle für Kesb-Fälle geworden – eine Anlaufstelle, die nun institutionalisiert wird. Sie soll noch dieses Jahr ihre Arbeit aufnehmen.

Zwar sei der Rechtsschutz für Kesb-Betroffene heute gut ausgebaut, sagt Fluri. «Doch erstens kennen viele Betroffene ihre rechtlichen Möglichkeiten nicht, und zweitens suchen sie in einer ersten Phase oft keine juristische Unterstützung, sondern ein offenes Ohr.» Dafür gibt es heute auch Ombudsstellen, aber nicht in jedem Kanton und in jeder grösseren Stadt. Zudem gibt es keine auf Kindes- und Erwachsenenschutz spezialisierte Stelle. Die Initianten der Anlaufstelle wollen diese Lücke schliessen.

Die Anlaufstelle soll sich nicht direkt mit der Kesb austauschen, jedoch auf übergeordneter, fallunabhängiger Ebene mit der Kokes. Die Beweggründe der Ratsuchenden, an die Anlaufstelle zu gelangen, sollen erhoben und durch eine universitäre Stelle ausgewertet werden. Noch nicht festgelegt ist die Organisationsform. Denkbar sei eine Stiftung oder ein Verein, schreiben die Initianten. Es werde auch ein Büro geben für persönliche Gespräche. Finanziert werde das Projekt – zumindest in einer ersten Phase – hauptsächlich von der Guido-Fluri-Stiftung.

Die Kommunikation verbessern

Die Pläne stossen mitunter auf Kritik, wie Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigen. Manche Kesb-Vertreter befürchten, dass die Abläufe im ohnehin stark ausgelasteten System verkompliziert werden könnten. Andere warnen vor zu hohen Erwartungen. Wer mit einer Kesb-Verfügung nicht einverstanden sei, wolle in der Regel den Entscheid materiell umkehren, nicht einfach gutes Zureden. Dem widerspricht Guido Fluri: «Der psycho­soziale Aspekt ist sehr wichtig. Wenn die Kommunikation mit der Kesb gestört ist – und dies kommt immer wieder vor – braucht es Betreuung, um Eskalationen zu vermeiden. Den Menschen muss eine Perspektive aufgezeigt werden.»

Laut Diana Wider, Generalsekretärin der Kokes, gehe es nun darum, in der Bevölkerung Akzeptanz und Vertrauen in die Kesb zu schaffen. Die Implementierung des neuen Bundesrechts, das den Kindes- und Erwachsenenschutz per Anfang 2013 zusammengeführt und professionalisiert hat, habe juristisch weit­gehend gut funktioniert. «Jetzt müssen wir einen Schritt weitergehen.»

«Wenn die Kommunikation mit der Kesb gestört ist, braucht es Betreuung.» Guido Flury

Einige kommunikative Massnahmen wurden – als Resultat einer Tagung von Kokes und Guido-Fluri-Stiftung – per 2016 bereits umgesetzt: Jede Zwangsmassnahme soll neu mündlich eröffnet und erklärt werden, so die Empfehlung der Kokes an die Kesb-Stellen. Generell soll der Austausch mit den Betroffenen vermehrt mündlich stattfinden, und zu den Gesprächen sollen nach Bedarf auch Vertrauenspersonen mitgebracht werden.

Ob weitere Massnahmen nötig sind, wird auch die laufende Evaluation des Bundes nach drei Jahren Erfahrung mit der Kesb zeigen. Erste Ergebnisse sollen in den kommenden Wochen veröffentlicht werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2016, 20:38 Uhr

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