«Es braucht jemanden, der zuhört»

Der Unternehmer Guido Fluri eröffnet eine Beratungsstelle für Kesb-Betroffene.

Der Vater der ­Wiedergutmachungsinitiative ist mit Kesb-Fällen früh in Kontakt gekommen: Guido Fluri an der Eröffnung der ersten Nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder, 2013 in Mümliswil SO. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Der Vater der ­Wiedergutmachungsinitiative ist mit Kesb-Fällen früh in Kontakt gekommen: Guido Fluri an der Eröffnung der ersten Nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder, 2013 in Mümliswil SO. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

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«Grüezi. Sie sind mit dem Büro der Anlaufstelle Kescha verbunden.» Seit gestern ist an der Limmatstrasse in Zürich eine Beratungsstelle in Betrieb, an die sich Leute wenden können, die mit Entscheiden der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) nicht einverstanden sind. Die Kesb haben Anfang 2013 die Vormundschaftsämter abgelöst und sorgen seither für viel mediales Aufsehen. Beispielsweise mit dem Fall Flaach (eine Mutter, die ihre Kinder durch Tötung vor dem Heim bewahren wollte) oder jenem aus dem Kanton Solothurn (eine Mutter setzte sich mit den fremdplatzierten Kindern ins Ausland ab).

Guido Fluri, Unternehmer und mittlerweile politischer Impulsgeber, ist mit Kesb-Fällen früh in Kontakt gekommen, wie er gestern an einer Medienkonferenz in Zürich sagte. Als er 2012 die ­Wiedergutmachungsinitiative lancierte, mit der ehemalige Verdingkinder finanziell entschädigt werden sollten, bekam er nicht nur Telefonanrufe von Leuten, die als Kind im Heim oder auf dem Bauernhof misshandelt wurden. Sondern auch von solchen, die sich als Opfer der neuen Behörde Kesb sahen. Fluri, der gestern nach mehrmonatiger Vorbereitungszeit die Anlaufstelle Kescha in Zürich eröffnete, ist überzeugt: «Wenn Leute verzweifelt sind, braucht es jemanden, der ihnen zuhört, sich Zeit nimmt.» Das sei wichtiger als konkrete juristische Schritte.

Psychosoziale Unterstützung

«Das ist das Novum an dieser Anlaufstelle», ergänzte Diana Wider, Generalsekretärin der Kesb-Dachorganisation Kokes: «Es geht in erster Linie um die psychosoziale Unterstützung, nicht um juristische Beratung.» Diana Wider sitzt im Beirat des Vereins, der gestern gegründet wurde. Im Vorstand sitzen neben Guido Fluri auch Christian Lohr, CVP-Nationalrat und Vizepräsident der Pro Infirmis, sowie André Woodtli, Vertreter von Kinderschutz Schweiz und Leiter des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich.

Ein Novum ist sicher auch, dass sich die Kesb-Dachorganisation selber engagiert für ein Beratungsangebot, das sich an unzufriedene Klienten ihrer eigenen Behörde richtet. Grund dafür ist Guido Fluris hartnäckige Lobbyarbeit. Mit dieser hat er bereits erreicht, dass das Parlament die Forderungen der Wiedergutmachungsinitiative auf Gesetzesebene umsetzt und er die Initiative zurückziehen konnte. In Bezug auf die Kesb-Problematik wählte er nicht den konfrontativen Kurs von SVP-Nationalrat Pirmin Schwander, der die Kesb per Volksinitiative entmachten will. Sondern er bezog den Bund und diverse Fachstellen in seine Pläne ein – mit dem Resultat, dass namhafte Verbände das Projekt unterstützen und auch das Bundesamt für Justiz lobende Worte findet. Noch vor wenigen Monaten äusserte sich das Amt skeptisch über den Nutzen eines solchen Angebots.

Weiteres Angebot geplant

Fluri distanzierte sich an der Pressekonferenz von «politischen Kräften», welche die Kesb schwächen wollten. Er meinte Pirmin Schwander und dessen Parteikollegin, SVP-Nationalrätin Barbara Keller-Inhelder. Diese finalisieren derzeit den Text ihrer Volksinitiative, mit der das familiäre Umfeld von Personen, die urteils- oder handlungsunfähig geworden sind, gegenüber den Kesb gestärkt werden soll. Ein zentrales Element der Initiative sei auch die «Beweislastumkehr», wie Keller-Inhelder sagt: «Die Kesb sollen neu beweisen, dass ein Eingriff gerechtfertigt ist.» Sie und Schwander distanzieren sich ebenfalls von Fluris Beratungsstelle – sie sei nicht wirklich unabhängig, wenn die Kokes im Beirat des Vereins vertreten sei.

Pirmin Schwander ist ausserdem enttäuscht, dass Guido Fluri nicht den Kontakt zu ihm gesucht habe, zumal er im März ein ähnliches Angebot in Rapperswil eröffnen wolle, in den Räumen der «Obersee-Nachrichten». Zwar hätte auch Schwander zu Fluri gehen können. Doch er, Schwander, sei zuerst gewesen: «Wir sind in dieser Sache seit 2014 unterwegs. Ich hätte erwartet, dass Guido Fluri auf mich zukommt, sobald er mit seiner Idee bereit ist.» Letztlich, so ist auch Pirmin Schwander der Ansicht, sei jedes Engagement wünschenswert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2017, 09:37 Uhr

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