«Mit der PLO gab es keinen Geheimdeal»

Die Schweiz habe nie einen Pakt mit Terroristen geschlossen, sagt Alt-Staatssekretär Franz Blankart.

Der Blick eines Insiders auf die «Schweizer Terrorjahre»: Franz Blankart (am 13. März 1996 im Nationalratssaal in Bern). Foto: Keystone

Der Blick eines Insiders auf die «Schweizer Terrorjahre»: Franz Blankart (am 13. März 1996 im Nationalratssaal in Bern). Foto: Keystone

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Für Alt-Staatssekretär Franz Blankart steht fest: «Die Schweiz hat Anfang der 70er-Jahre mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) kein ­Geheimabkommen zum Schutz der Schweiz abgeschlossen.» Als persönlicher Mitarbeiter des damaligen Aussenministers ­Pierre Graber hätte er davon wissen müssen. Das sagt Blankart im ­Gespräch mit dem TA. Andere Zeitzeugen teilen diese Einschätzung.

Der ehemalige Spitzendiplomat bezieht sich auf entsprechende Recherchen von NZZ-Chefreporter Marcel Gyr. Dieser vertritt in einem vor wenigen ­Tagen erschienenen Buch mit dem Titel «Schweizer Terrorjahre» die These, Bundesrat Pierre Graber habe während der Entführung einer DC-8 der Swissair im September 1970 den Kontakt zur PLO ­gesucht, deren Aussenbeauftragten Farouk Kaddoumi in Genf getroffen und dabei ein geheimes Stillhalte­abkommen abgeschlossen.

Bundesrat war gegen Deal

Blankart bezweifelt diese Darstellung nur schon deshalb, weil Graber und sein Generalsekretär Pierre Micheli in Bern einen internationalen Krisenstab präsidierten, der mit den Flugzeugentführern via IKRK über ein Ende der Geiselnahme verhandelten. Blankart sagt: «Graber war Tag und Nacht in die Verhandlungen involviert.»

Die Basler Historikerin Aviva Guttmann zweifelt ebenfalls an der Existenz eines Geheimabkommens. Bei Recherchen für ihre Dissertation hat sie eine bislang unbekannte Protokollnotiz zur Bundesratssitzung vom 13. September 1970 gefunden. Guttmann sagt: «Der Bundesrat hat während der Flugzeugentführung zwar einen separaten Deal mit den Palästinensern in Erwägung gezogen, diesen an der besagten Sitzung aber sogleich wieder verworfen.» Graber soll am nächsten Tag im Bundesrat sogar angemahnt haben, die Schweiz müsse den anderen betroffenen Staaten gegenüber solidarisch bleiben.

Auch die frühere Bundesanwältin Carla Del Ponte hat sich zur Sache geäussert. Dem Radio SRF sagte sie, sie habe in den Akten keinen Hinweis auf ein Geheimabkommen mit der PLO gefunden. Del Ponte hatte 1995 die Unterlagen zum Flugzeugabsturz von Würenlingen noch einmal hervorgeholt. Dabei waren im Jahr 1970 47 Menschen ums Leben gekommen, weil im Frachtraum der Maschine eine Bombe explodiert war. Dass für die Tat niemand verurteilt wurde, lag laut Del Ponte aber nicht an einem Geheimabkommen mit der PLO.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.02.2016, 00:00 Uhr)

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Franz Blankart

«Ein solches Abkommen gab es nicht»

Franz Blankart, im Buch «Schweizer Terrorjahre» heisst es, Bundesrat Pierre Graber habe mit der PLO ein Geheimabkommen abgeschlossen. Was wissen Sie darüber?

Ich hatte ein enges Verhältnis zu Bundesrat Graber. Das Buch habe ich gelesen. Hätte mich der Autor vorgängig kontaktiert und auf das Geheimabkommen angesprochen, hätte ich ihm gesagt: Ein solches Abkommen gab es nicht. Ich finde im Buch keinen Beweis dafür. Für mich klingt das erfunden.

Ist es nicht denkbar, dass das ­Abkommen ausserhalb sämtlicher Protokolle zustande kam und nichts Schriftliches besteht?

Auch das nicht. Es kann nicht sein, dass es von etwas so Wichtigem nichts Schriftliches gibt. Und selbst für den Fall, dass nichts protokolliert worden wäre: Ich hätte von einem solchen Abkommen gewusst. Wer Bundesrat Graber einigermassen gekannt hat, weiss, dass er zwar ein Machtmensch war, aber absolut treu und aufrichtig. Er hätte den Bundesrat niemals hintergangen.

Bundesrat Graber soll im September 1970 während der Verhandlungen mit den Flugzeugentführern in Jordanien nach Genf gereist sein, um mit der PLO Gespräche zu führen.

Das ist absurd. Die Schweiz bildete gemeinsam mit den Deutschen, Briten und Amerikanern einen Krisenstab, den Graber als Aussenminister und zusammen mit seinem Generalsekretär Pierre Micheli präsidierte. Graber war in Bern während der Flugzeugentführung Tag und Nacht in die Verhandlungen zur Geiselbefreiung involviert.

Wenn Bundesrat Graber sich nicht mit Palästinensern getroffen hat, so hat dies allenfalls Bundesanwalt Hans Walder getan. Er soll zusammen mit Graber nach Genf gereist sein.

Auch das halte ich für unmöglich. Walder hätte dafür die Erlaubnis von Justizminister Ludwig von Moos gebraucht. Von Moos wäre mit Sicherheit gegen Verhandlungen mit den Palästinensern gewesen. Und die Spielregeln waren klar: Ein Beamter tut, was sein Chef befiehlt.

Wie war zu Beginn der 70er-Jahre das diplomatische Verhältnis der Schweiz zu den Palästinensern?

Die Schweiz hatte kein besonderes Verhältnis zu den Palästinensern. Es war klar: Das Bombenattentat, das zum Absturz einer Swissair-Maschine in Würenlingen führte, hatte nicht der Schweiz gegolten. Ebenso wenig wie die Schüsse in Kloten auf ein Flugzeug der israelischen Fluggesellschaft El Al.

(Interview: Philippe Reichen)

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