Familie Steinegger und der Gotthard

Die freisinnige Elite des Kantons Uri ist mit den Bauprojekten am Gotthard seit Generationen geschäftlich verbunden.

Franz Steinegger ist Präsident der CSC Bauunternehmung AG. Foto: Urs Flueler (Keystone)

Franz Steinegger ist Präsident der CSC Bauunternehmung AG. Foto: Urs Flueler (Keystone)

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Hansruedi Stadler wurde 1994 landesweit als tanzender Urner Landammann bekannt. Der CVP-Politiker hatte im Vorfeld zur Abstimmung der Alpeninitiative versprochen, dass er im Fall der eher unwahrscheinlichen Annahme auf dem Hauptplatz von Altdorf tanzen würde. Mit 52 Prozent Ja-Stimmen wurde die Initiative angenommen, in Uri lag der Ja-Anteil sogar bei fast 88 Prozent.

Mehr als 20 Jahre später gibt es in Uri mittlerweile viele gewichtige Stimmen, die es nicht mehr so ernst meinen mit dem Alpenschutz, und den Ausbau des Gotthard-Strassentunnels befürworten. Ende 2014 schlug ein Brief der FDP Uri an die Geschäftsleitung der Urner Kantonalbank hohe Wellen. Darin kritisierten die Freisinnigen, dass der Bank­ratspräsident «an vorderster Front die Sanierungsröhre» bekämpfe. Gemeint war damit Stadler. Denn der frühere Landammann und Ständerat ist nicht nur Präsident des Bankrates, sondern präsidiert das bürgerliche Komitee «Nein zur zweiten Röhre am Gotthard». Deshalb forderte die Urner FDP «die Reduktion oder die Aufgabe der Beziehungen mit der Urner Kantonalbank.» Initiiert hatte den Brief der Urner FDP-Präsident Matthias Steinegger.

Seit Generationen verbunden

Steinegger ist ein schillernder Name – schweizweit, aber besonders in Uri. Der Landrat und Präsident der kantonalen FDP ist der älteste Sohn von Franz Stein­egger, dem früheren Urner FDP-Nationalrat und Chef der FDP Schweiz. Vater Steinegger war 1994 noch Befürworter der Alpeninitiative. Er liess sich mit Kinderwagen und seinem Söhnchen Benjamin auf der Autobahnbrücke fotografieren – und machte damit Stimmung für den Alpenschutz. Mittlerweile weibelt er mit Verkehrsministerin Doris Leuthard für die zweite Gotthardröhre. Doch warum engagieren sich die Steineggers so stark? In Uri sind die wirtschaftliche Verflechtungen der Familie bekannt. Sie wurden aber im Zusammenhang mit dem Ausbau des Strassentunnels nie gross thematisiert. Dabei ist die Familie Steinegger Teil der freisinnigen Elite, die seit Generationen mit den Bauten am Gotthard verbunden sind.

Ausgangspunkt ist die «Kompanyy» wie die Arnold & Co. AG Sand- und Kieswerke im Volksmund genannt wird. Mitbegründet wurde die Firma zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Johann Arnold und seinem Sohn. 1928 kam mit Franz Arnold-Beeler die dritte Generation ans Ruder. Arnold-Beeler amtierte für die FDP als Gemeindepräsident von Flüelen, Urner Regierungsrat und Nationalrat. Als Baudirektor hiess für ihn wirtschaftliche Entwicklung vor allem der Ausbau der Strassen – so auch der Gotthardstrasse. Auch sein Sohn Franzsepp Arnold arbeitete mit, verstarb aber 1974 unerwartet. Die Witwe heiratete den Flüeler Franz Steinegger.

Wie dieser später in einem Interview sagte, war es der Verstorbene, der ihn Anfang der 70er-Jahre in die Politik geholt hatte. Das Ehepaar Steinegger bekam 1976 Sohn Matthias, der heute Betriebsleiter bei Arnold und FDP-Politiker ist. Drei seiner Halbbrüder sind ebenfalls im Familienunternehmen tätig: als Geschäftsleiter, als Verkaufsleiter sowie als Präsident der Arnold Beteiligungen AG. Einer war zudem Gemeindepräsident von Flüelen, der Zweite ist es aktuell, und der Dritte sass bis 2012 im Landrat – alle für die FDP.

Die «Kompanyy» ist mit ihren Baggern im Reussdelta sowie den Schiffen, die den Sand und Kies über den Vierwaldstättersee transportieren, ein fester Bestandteil Uris. Landesweit für Aufsehen sorgte das Unternehmen mit den Grossbaustellen auf der A4-Umfahrung Flüelen und Gotthard-Basistunnel. Damals wurden mit dem Ausbruchmaterial neue Bade- und Naturschutzinseln im Urnersee geschaffen. Die Gegner der zweiten Röhre munkeln deshalb, dass Arnold mit einem Auftrag «für weitere zehn Jahre saniert» wäre.

«Uralte Verlegenheitsargumente»

Matthias Steinegger sagt dazu: «Im Prinzip würden beide Varianten der Gotthardtunnelsanierung für einen Aufschwung in der Urner Baubranche sorgen.» Als Betonproduzent müsste er eher den Bau eines Provisoriums mit Verladerampen befürworten. «Insofern bin ich ein schlechter Lobbyist», so Stein­egger. Bei Vater Franz stellt sich zudem die Frage, inwiefern seine Rolle als Präsident der im Tunnelbau tätigen CSC Bauunternehmung AG ausschlaggebend für sein Engagement ist. Die Luganeser Firma hat auch am Gotthardbasistunnel mitgebaut. Steinegger bezeichnet die Kritik an ihm «als uralte Verlegenheitsargumente von Leuten aus der Umgebung der Alpeninitiative». Die gleichen Vorwürfe seien schon 1992 von den Referendumsbefürwortern gegen die Neat erhoben worden. «Heute sind sie gegen die Sanierungsröhre und behaupten, den Neat-Tunnel füllen zu wollen.»

Auf der anderen Seite des Gotthards gibt es ebenfalls einen prominenten Befürworter. Der Vater des Tessiner CVP-Ständerats Fillipo Lombardi ist Gründer der Lombardi-Gruppe. Der 1980 eröffnete Strassentunnel beruht auf Plänen des Ingenieurs Giovanni Lombardi. Sohn Lombardi hat zwar keine formellen Bindungen zum Ingenieurbüro seines Vaters, aber er ist als Verwaltungsratspräsident des Bauzulieferers Spaeter Ticino SA nicht ganz unbefangen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.12.2015, 22:50 Uhr)

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Kritik

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