Favre gelingt der Polit-Coup

FDP-Quereinsteiger Frédéric Favre drängt SVP-Staatsrat Oskar Freysinger aus der Walliser Regierung. Als Wahlhelferin hat die CVP gewirkt.

Erst seit eineinhalb Jahren in der FDP: Der neue Walliser Regierungsrat Frédéric Favre. Foto: Olivier Maire (Keystone)

Erst seit eineinhalb Jahren in der FDP: Der neue Walliser Regierungsrat Frédéric Favre. Foto: Olivier Maire (Keystone)

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Es war ein veritabler Wahlkrimi: Der gestrige zweite Wahlgang der Walliser Staatsratswahlen fiel noch knapper aus, als man es im Vorfeld geahnt hatte. Alles erwartete ein Duell zwischen Oskar Freysinger (SVP) und Stéphane Rossini (SP) um den fünften Staatsratssitz. Mit gutem Grund: Rossini hatte im ersten Wahlgang den fünften Platz belegt und den amtierenden Staatsrat Freysinger auf den sechsten Platz verwiesen. Doch kurz nach dem Schliessen der Wahllokale wurde klar: Nicht Rossini, sondern FDP-Kandidat Frédéric Favre würde Freysingers härtester Konkurrent werden. Dies, obschon Favre im ersten Wahlgang noch 10'000 Stimmen hinter Rossini platziert gewesen war.

Alleine im Oberwallis trieb Favre seine Stimmen gestern von 1026 auf 7547 in die Höhe. Eine eindrückliche Performance, zumal die FDP im deutschsprachigen Wallis so gut wie inexistent ist. Das Resultat machte deutlich, dass viele Oberwalliser CVP-Wähler gewillt waren, Favre in den Staatsrat zu katapultieren und zur Abwahl von Freysinger beizutragen.

Zwar hielt sich Freysinger gestern lange Zeit unter den Gewählten, aber Favre blieb ihm dicht auf den Fersen. Und weil am Ende nur noch die Resultate aus der FDP-Hochburg Martigny und der Freysinger-kritischen Beamtenstadt Sitten fehlten, war absehbar, dass Favre den SVP-Staatsrat überholen würde. Um 16 Uhr stand Freysingers Wahlniederlage dann fest. Der Abgewählte liess sich nach seiner Abwahl in Sitten nicht blicken. Selbst seine Partei hatte Mühe, ihn bei sich zu Hause in Savièse zu erreichen und mit ihm zu sprechen. Wie der Oberwalliser SVP-Nationalrat Franz Ruppen sagte, habe sich Freysinger in einem kurzen Telefongespräch «sehr enttäuscht, aber auch befreit gezeigt». Ruppen rechnet damit, dass die Wahlniederlage die politische Karriere von Freysinger beenden wird.

Von historischem Ausmass

Mit Freysingers Abwahl schickte das Walliser Stimmvolk den 57-Jährigen in den vorzeitigen Ruhestand, nachdem es ihn vor vier Jahren noch mit dem besten Resultat aller Kandidaten gewählt hatte.

Es ist eine Wahlschlappe von historischem Ausmass: Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des Wallis wurde ein amtierender Staatsrat abgewählt.

Frédéric Favre ist damit ein veritabler Coup gelungen. Der 37-jährige Personalchef der Migros Wallis ist erst vor eineinhalb Jahren der FDP beigetreten und übernahm in seiner Heimatgemeinde Vétrox das FDP-Präsidium. Letzten Herbst machte dann FDP-Präsident René Constantin dem Neumitglied den Vorschlag, ins Rennen um einen Sitz in der Regierung zu steigen. Wie Constantin sagt, habe ihn am jungen Familienvater dessen Gelassenheit beeindruckt, aber auch dass er als Judokämpfer den schwarzen Gurt trug. Und er war völlig erstaunt, wie Favre auf das Angebot reagierte. «Ja, ich bin interessiert», habe er ihm gesagt, unaufgeregt und unerschrocken – genau so, wie er während der Wahlkampagne auftrat. Als Favre dann zwei Dutzend Personen in seinem Umfeld nach ihrer Meinung gefragt und eine positive Stimmung wahrgenommen hatte, sagte er Constantin definitiv zu. Auch Alt-Bundesrat Pascal Couchepin traf er zu einer Audienz.

Favre profitierte zudem vom Fehler seines FDP-Mitkandidaten Claude Pottier, der vor dem ersten Wahlgang bereits mit einer FDP/SVP-Allianz im zweiten Wahlgang liebäugelte. Favre zog daraufhin locker an Pottier vorbei und gestern sogar in den Staatsrat ein, obwohl er über keinerlei politische Erfahrung verfügt. Er bringe seine Erfahrung aus der Privatwirtschaft mit, sagte Favre. Er habe viel zu geben, aber auch viel zu lernen, versicherte der FDP-Mann und erklärte: «Mich interessiert überhaupt nicht, wer in den letzten 20 Jahren welche politischen Kämpfe ausgefochten hat. Ich vertrete eine Generation, die geradewegs in die Zukunft schaut.»

«Vier verlorene Jahre»

Damit überzeugte Favre auch seinen neuen Regierungskollegen, Nationalrat Roberto Schmidt. Der Oberwalliser Christlichsoziale freute sich nebst seinem Spitzenresultat auch über die Wahl Favres. CVP und FDP lieferten sich seit über 150 Jahren einen Kulturkampf, sagte er. Umso wichtiger sei es, dass die CVP die Botschaft verstanden habe, dass die FDP in die Regierung gehöre. Der Freisinn sei die zweitstärkste politische Kraft im Kanton und habe damit einen legitimen Anspruch auf einen Regierungssitz, so Schmidt. Über die Abwahl von Oskar Freysinger mochte er sich nicht äussern. Der Wahlkampf sei teils unter der Gürtellinie geführt worden, so Schmidt. Für zukünftige Wahlen müsse man Abmachungen treffen, dass sich das nicht wiederhole.

Die SP kämpfte derweil mit zwiespältigen Gefühlen. Ihre Kandidatin Esther Waeber-Kalbermatten schaffte die Wiederwahl locker, Alt-Nationalrat Stéphane Rossini scheiterte hingegen trotz grosser Hoffnungen. Er gab das Ende seiner politischen Karriere bekannt.

Für FDP-Präsident Constantin ist klar: «Die letzten vier Regierungsjahre waren verlorene Jahre.» Doch bei aller Kritik an Oskar Freysinger übertraf dieser in einem Punkt seine Regierungskollegen: Er hielt als Einziger die Budgetvorgaben ein. Freysinger betonte stets, die Probleme in seinem Departement hätten die Steuerzahler keinen Rappen gekostet. Wie die Partei seine Abwahl verkraftet, konnte gestern niemand sagen. Immerhin: Am SVP-Stamm herrschte alles andere als Trauerstimmung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 23:02 Uhr

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