Gotthards Wunderkräfte

Der Heilige Godehard von Hildesheim lieh einem Mythos seinen Namen.

Dem Berg, der seinen Namen trägt, blieb er fern: Godehard von Hildesheim. Foto: PD

Dem Berg, der seinen Namen trägt, blieb er fern: Godehard von Hildesheim. Foto: PD

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Bald fährt man nicht mehr durch den Gotthard in den Süden, man nimmt eine Abkürzung: Neat, «Neue Alpentransversale» im Technokratendeutsch. Oder «Alp Transit» im Marketing-Neusprech. Das Kirchlein von Wassen, die Reduitbunker in Göschenen, die süsse mediterrane Vorahnung bei der Tunnelausfahrt in Airolo – alles, was den Gotthard zu einer Reliquie eidgenössischer Erinnerungskultur macht, gehört ab Eröffnung des Basistunnels diese Woche nicht mehr zum Erlebnisschatz einer Zugfahrt ins Tessin. Alles wird unterfahren, in neuer Rekordzeit.

Zum Gotthard-Mythos mit seinen Halbwahrheiten und Ganzgewissheiten passt, dass der Namensgeber seinen Pass selbst nie überschritten hat. Der Benediktinermönch Godehard war ums Jahr 1000 Bischof im niedersächsischen Hildesheim. Er war tüchtig, volkstümlich und gottesfürchtig. Aber dass er je in das Tessin gereist wäre, ist nicht überliefert. 1131 wurde Godehard von Papst Innozenz II. heilig gesprochen. 1230 weihte der Bischof von Mailand dem Heiligen eine Kapelle auf dem Pass. Seither hat sich der Name eingebürgert für den beschwerlichen Übergang, der immer mit den jeweils modernsten technischen Hilfsmitteln passierbar gemacht wurde.

In den legendenhaften Beschreibungen von Godehards Leben sticht eines besonders heraus: seine Frömmigkeit. Sein Name ist die althochdeutsche Form von «Gott ist stark». Sein Vater bearbeitete als Bauer die Felder einer Benediktinerabtei. Von den Mönchen wurde er als besonders begabt entdeckt und erzogen. Bald konnte er sich «ein Leben in Zerstreuung» nicht mehr vorstellen, wie es im bayerischen Heiligenbrevier «Bavaria Sancta» heisst. Zur Frömmigkeit kam Führungstalent. Als Abt schloss er sich der Reformbewegung an, die das mönchische Leben wieder auf die Ursprünge zurückführte und die Hilfe für die Armen in den Mittelpunkt stellte.

Kaiser Heinrich II. machte Godehard zum Bischof. Auch in Hildesheim blieb er aber resistent gegen weltliche Versuchungen und behielt laut den Quellen «dieselbe Einfachheit und Strenge» bei, die er sich als Mönch gewohnt war. Gleichzeitig trieb er die Erneuerung voran und liess in seiner Diözese über 30 Kirchen bauen.

Nach dem Tod des beliebten Bischofs 1038 entwickelte sich ein Godehard-Kult, der sich über halb Europa ausbreitete. Er soll auf wundersame Weise Menschen von Fieber, Wassersucht und Kerkerfesseln befreit haben, er half in Geldnöten, heilte Blinde, Lahme, Stumme und Besessene. Und er gilt als Schutzpatron der Kaufleute an den grossen Handelsstrassen. Das erklärt, warum dem frommen Bayern auf dem Gotthardpass eine Kapelle geweiht wurde.

Den heutigen Neat-Erbauern und -Eröffnern ist aber eine andere Wunderkraft Godehards sicher wichtiger: Er soll, so heisst es in den Legenden, schon oft bei Schwergeburten und Kinderkrankheiten zuverlässig geholfen haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2016, 19:24 Uhr

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