Grabers geheime Krisenagenda

Für Geheimverhandlungen mit Palästinensern in Genf blieb Aussenminister Pierre Graber im September 1970 praktisch keine Zeit. Das zeigt ein Blick in seine Privatagenda, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt.

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Es existiert bis heute kein einziger schriftlicher Beleg dafür, dass Aussenminister Pierre Graber im September 1970 mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) einen Geheimdeal abgeschlossen hat. Und es gibt auch jetzt keinen Hinweis darauf, da Tagesanzeiger.ch/Newsnet Grabers persönliche Agenda für diese Zeit vorliegt.

Das Dokument, welches die Bibliothek von La Chaux-de-Fonds aufbewahrt und das neu auf der Internetseite der Diplomatischen Dokumente der Schweiz einsehbar ist, zeigt auf, wie dicht gedrängt die Termine in Grabers Agenda während der Entführung einer DC-8 der Swissair nach Jordanien waren. Nach der Geiselnahme am 6. September 1970 arbeitete der Waadtländer zeitweise fast rund um die Uhr.

Die Agenda als PDFSo sah Grabers September 1970 aus.

Tagsüber hat er stundenlange Krisensitzungen mit dem Bundesrat, nachts trifft er sich mit dem internationalen Krisenstab, um mithilfe des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) in der jordanischen Stadt Zerqa die Freilassung der über 400 Geiseln zu erreichen.

Bei so viel Hektik und Krisenbewältigung war es Graber kaum mehr möglich, sich um das traditionelle Botschaftertreffen zu kümmern, das zeitgleich in Bern stattfand. Stattdessen traf er gezielt Botschafter, die der Schweiz helfen konnten: gleich mehrere Male den israelischen und an einem Abend auch Vertreter arabischer Länder, stets mit dem Ziel vor Augen, die Geiselnahme zu beenden.

Einmal kurz in Lausanne

Die Arbeit schien den Waadtländer also permanent in der Bundesstadt zu halten, zumal er selbst Abendtermine, wie ein Diner zu Ehren des französischen Staatssekretärs Jean de Lipkovski und ein Treffen der amtierenden und ehemaligen Bundesräte auf dem Landsitz Lohn, nicht einfach absagen konnte.

Dennoch soll der Aussenminister in diesen Tagen ohne Wissen des Bundesrats nach Genf gereist sein und dort an mehreren Tagen den Palästinenser Farouk Kaddoumi getroffen haben. Das ist die These, die NZZ-Journalist Marcel Gyr in seinem Buch «Schweizer Terrorjahre» vertritt. Kaddoumi, damals Aussenbeauftragter der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), soll dem Schweizer Aussenminister bei diesem Geheimtreffen versichert haben, keine Terroranschläge auf Schweizer Zielobjekte mehr zu verüben. Gleichzeitig habe sich Graber verpflichtet, die notwendigen Bewilligungen für ein PLO-Büro in Genf zu erteilen. Geheimdienstschef André Amstein und Bundesanwalt Hans Walder sollen Graber nach Genf begleitet haben.

«Ich sehe darin keine Spuren für Geheimverhandlungen in Genf.»Franz Blankart, Alt-Staatssekretär

Traf Graber Kaddoumi tatsächlich in Genf, wird dieser Termin kaum in seiner Agenda stehen. Denn wäre ein Deal dieser Art bekannt geworden, hätte der Waadtländer sofort zurücktreten müssen. Graber hätte den Bundesrat wie auch den internationalen Krisenstab desavouiert.

Grabers ehemalige Mitarbeiter, darunter Alt-Staatsekretär Franz Blankart, lehnen Gyrs These darum ab. Blankart sagt: «Graber war zu karrierebewusst, aber auch zu loyal gegenüber dem Gesamtbundesrat.» In der Westschweiz hält sich Graber während der Flugzeugentführung nur am Morgen des 14. September auf. Er reist für einen Besuch der Landwirtschaftsmesse Comptoir Suisse nach Lausanne. Weil er davor und danach eine Bundesratssitzung hat, war ein Aufenthalt in Genf unmöglich.

Ein Wochenende mit Lücken

Eine grössere Lücke gibt es indes am Wochenende des 19. und 20. September. Bereits am Freitag, 18. September, hätte er nach Strassburg reisen müssen, um im Europarat einen Bericht zu präsentieren. Stattdessen traf er sich nach einer Bundesratssitzung mit Swissair-Piloten und Botschaftern der Länder Frankreich, Spanien und Italien. Gemäss TA-Recherchen übernahm Wirtschaftsminister Ernst Brugger den Auftritt vor dem Europarat. Auffällig ist, dass Graber bereits am 8. September ein Vorbereitungstreffen für den Europarat absagte und sein Fehlen damit von langer Hand geplant hat.

Grabers Einträge am Wochenende vom 19. und 20. September sind kaum lesbar. Sicher besuchte er am Samstagmorgen seinen Coiffeur und hatte einen weiteren Termin am Mittag. Reiste er am Samstagnachmittag allenfalls nach Genf? Es wäre seine einzige Möglichkeit für einen längeren Aufenthalt ausserhalb von Bern während der Krisenzeit, sofern er alle Termine eingetragen hat, Denn auch am Sonntag, am Eidgenössischen Bettag, sind ausser einem Eintrag keine weitere Termine bekannt. Vielleicht nutzte er das Wochenende aber auch zur Erholung.

Am 26. September fliegen die letzten, in Zerqa befreiten Schweizer Geiseln bereits nach Hause. Die Schweiz atmet auf. Grabers Agenda lichtet sich. Für Franz Blankart, der die Agenda genau studiert hat, ist klar: «Ich sehe darin keine Spuren für Geheimverhandlungen in Genf.» Er habe sowieso immer wissen müssen, wo sich sein Chef aufhalte, um ihn sofort zu erreichen und ins Bundeshaus zu beordern. «In Genf war er nie», so Blankart. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.02.2016, 18:01 Uhr)

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