Hildebrand-Affäre: Blocher und Köppel in Dauerkontakt

Über 100 Telefon- und SMS-Kontakte in neun Tagen: Der Alt-Bundesrat und der «Weltwoche»-Chef pflegten einen regen Austausch.

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Als «Briefträger» stellt sich Christoph Blocher im Fall Hildebrand dar. Seine Rolle habe sich darauf beschränkt, Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey über die unstatthaften Dollardeals des Nationalbankpräsidenten zu informieren.

Dies nahm ihm die Zürcher Staatsanwaltschaft nicht ab. Sie verdächtigte Christoph Blocher der Gehilfenschaft zur Verletzung des Bankgeheimnisses. Nach fast vier Jahren Strafuntersuchung aber stellte sie das Verfahren kürzlich ein. Der Alt-Bundesrat, vom Verdacht reingewaschen, wurde mit 133'000 Franken entschädigt.

Infografik: Wer mit wem wie oft Kontakt hatte

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Nun aber ergeben bislang unbekannte Verfahrensunterlagen ein kompletteres Bild. Sie zeigen, dass Blocher ein zumindest sehr aktiver Briefträger war. Auf dem Höhepunkt der Hildebrand-Affäre tauscht er sich intensiv mit Journalisten der «Weltwoche» aus – insbesondere mit Herausgeber Roger Köppel. Zwischen den beiden gibt es allein zwischen dem 3. und dem 11. Januar 2012 über 100 Telefon- und SMS-Kontakte. Rund die Hälfte der Telefonate sind zwar weniger als ein Minute lang, darunter Combox-Nachrichten. Andere Gespräche dauern jedoch gemäss einer Auswertung der Kantonspolizei Zürich deutlich länger. Vom 8. Januar beispielsweise, einem Sonntag, ist ein Morgentelefonat von 71 Minuten verzeichnet; am Mittag sind es nochmals 36 Minuten. Und dazwischen und danach gibt es nochmals vier Gespräche, alle mehrminütig.

Die Chronologie der Hildebrand-Affäre im Bild:

Schon vor der Affäre lief der Draht der «Weltwoche» nach Herrliberg und Männedorf heiss, wo Blocher lebt und arbeitet. Im November 2011 gab es 37 Telefon- und 55 SMS-Kontakte zwischen dem heutigen Nationalrat Köppel, der damals noch nicht Politiker war, und seinem Vorbild Blocher. Im Monat darauf, mit Bundesratswahlen und inklusive der gescheiterten Zuppiger-Kandidatur, intensiviert sich der Kontakt gar noch.

«Der ultimative Gegenschlag»

Anfang Dezember bereits hatten Bankmitarbeiter Reto T. und SVP-Kantonsrat und Anwalt Hermann Lei Blocher über die Devisenspekulationen über Philipp Hildebrands Sarasin-Konto informiert. Blocher orientiert Calmy-Rey. Die Nationalbank tut aber am 23. Dezember «Gerüchte» um ihren Präsidenten als «haltlos» ab. Am Morgen darauf ruft Blocher den «Weltwoche»-Journalisten Urs Paul Engeler an, am Weihnachtstag Köppel. Der Inhalt all dieser Gespräche ist nicht dokumentiert. Das Bundesgericht untersagt es der Staatsanwaltschaft, noch vorhandene SMS oder E-Mails auszuwerten. Blocher hat sich erfolgreich auf den journalistischen Quellenschutz berufen.

Ausgewertet wird aber die Combox des Thurgauer Kantonsrats Lei, der Blocher am 27. Dezember ein zweites Mal aufsucht. Am 31. Dezember telefoniert Blocher am Morgen mit «Weltwoche»-Journalist Engeler. Am Nachmittag hinterlässt Engeler beim Thurgauer Kantonsrat eine Nachricht auf Band: «Grüezi Herr Lei. Si hend jo villecht no Informatione für mich. Ich wär erreichbar.» In der Silvesternacht behaupten «SonntagsZeitung» und «NZZ am Sonntag», Blocher habe Hildebrand bei Calmy-Rey angeschwärzt. Blocher und Köppel tauschen sechs SMS aus. Am Neujahrsmorgen schreibt Engeler Lei: «Nach der Offensive Hildebrands müsste Ihr Mann nun den ultimativen Gegenschlag führen.» Lei fragt: «Was soll er tun?» Engelers Antwort: «Vielleicht ein (anonymes) Interview mit der Wewo: wie es wirklich war.» Er schickt Fragen. Da T. nicht antworten will, tut es Lei selber.

Köppel recherchiert «intensiv»

In den Tagen darauf tauscht sich Blocher rege mit Köppel, Engeler und Lei aus. Am 4. Januar bittet er Lei um einen Rückruf. Wenig später schreibt Lei Reto T.: «Chef hat sich gemeldet. Er werde schauen, dass du eine Stelle hast. Sollst mal eine Art Bewerbung senden, dass er weiss, was du kannst.» In der Strafuntersuchung bestreiten Lei und Blocher, sie hätten T. einen Job und einen kostenlosen Anwalt in Aussicht gestellt. Am Bodensee findet die SVP-Neujahrstagung statt. Blocher bittet Lei zum Treffen aufs Hotelzimmer. Danach verstreicht keine Stunde, da teilt Lei T. mit, er besorge ihm einen Anwalt, «die Finanzierung ist absolut gesichert». Am gleichen Tag, dem 5. Januar, verteidigt sich Hildebrand vor der Presse. Tage später tritt er zurück.

Blocher sagt rückblickend, er habe bis zu Hildebrands Auftritt nie mit Köppel über die Sache geredet: «Danach gab es Kontakte mit ‹Weltwoche›-Journalisten, aber auch mit anderen Medienschaffenden.» Bei der Intensität des Austauschs sei zu beachten, «dass sich schnell mehrere Telefon- und SMS-Kontakte ergeben, wenn man jemanden nicht auf Anhieb erreicht oder zum Beispiel noch Nachfragen hat oder wenn ein Gespräch von unterwegs unterbrochen wird». Köppel sagt, er «rede nie über Quellen», aber die «Weltwoche» recherchiere, wie man sehe, «sehr intensiv».

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.03.2016, 23:17 Uhr)

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