Diese Schweizer sind beim IS registriert

IS-Datenlecks: Die Personalbögen der vier Jihadisten mit Bezug zur Schweiz zeigen, wie die Terrormiliz organisiert ist.

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In den jüngst aufgetauchten und als geheim eingestuften Akten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) finden sich auch die Namen mehrerer Schweizer. Dem «Tages-Anzeiger» und «10 vor 10» liegen vier Personalbögen von Jihadisten vor, die aus der Schweiz stammen oder einen Bezug zur Schweiz haben. Sie sind 2013 und 2014 in die vom IS beherrschten Gebiete gereist.

Bei einem der Jihadisten handelt es sich um den heute 32-jährigen Walliser M. A. Er ist der bislang einzige Schweizer Jihadist und Syrien-Rückkehrer, der von der Bundesanwaltschaft verurteilt wurde. Zu 600 Stunden gemeinnütziger Arbeit, begleitet von einer Psychotherapie, und zwar im November 2014. Aus dem nun aufgetauchten Personalbogen, den der IS nach der Ankunft von A. anlegte, geht hervor, dass dieser als «Kämpfer» tätig sein wollte – nicht als «Selbstmordattentäter». Besondere Fähigkeiten, die ihn als Kämpfer, Religionsgelehrten, Geheimdienstler oder Verwaltungsmitarbeiter auszeichnen würden, habe er nicht, ist angegeben. Er wurde als unverheiratet und kinderlos registriert. Vermerkt wurde zudem, dass er über «niedrige» Scharia-Kenntnisse verfüge. Im Falle seines Todes sei sein Vater zu benachrichtigen, sagte A. – und gab dessen Telefonnummer in der Schweiz an.

Beim zweiten der vier verzeichneten Jihadisten aus der Schweiz handelt es sich um den heute 25-jährigen D. G. – auch bekannt unter seinem Kampfnamen «Abu Suleiman al-Swisri». Der Schweizer mit algerischen Wurzeln verliess seinen Wohnort Orbe im Kanton Waadt im Oktober 2013, um sich in Syrien dem vermeintlichen Heiligen Krieg anzuschliessen. Er soll sich noch immer dort aufhalten. Wie die «SonntagsZeitung» Ende 2014 berichtete, wuchs G. in einem christlichen Umfeld auf und konvertierte als junger Mann zum Islam. Seine Mutter sagte, in extremistischen Kreisen habe man ihrem oft einsamen Sohn eine Gehirnwäsche verpasst. Laut dem nun aufgetauchten Personalbogen schloss sich G. drei verschiedenen Terrorgruppierungen an, bevor er beim IS ankam – darunter der Al-Qaida-Ableger Nusra-Front sowie die Katiba-al-Muhajireen-Brigade.

In den Personalbögen tauchen zwei weitere Männer mit Schweiz-Bezug auf. Der eine ist verzeichnet als heute 39-jähriger Nordafrikaner, der sich mehrere Monate in der Schweiz aufgehalten haben soll. Der andere ist registriert als heute 45-jähriger Ägypter, der in der Romandie lebte. Beide werden in den Akten – wie A. und G. – als «Kämpfer» geführt.

Die vier Personalbögen mit Schweiz-Bezug sind dem TA und SRF von der «Süddeutschen Zeitung» und den Fernsehsendern NDR und WDR zu Verfügung gestellt worden. Erste Auswertungen werden heute in der Sendung «10 vor 10» und parallel auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet sowie morgen in der Printausgabe des «Tages-Anzeigers» veröffentlicht. Gut möglich ist es, dass in den Tausenden Personalbögen weitere Schweizer Jihadisten registriert sind.

Für die Schweizer Strafverfolger sind die Daten wie diejenigen der vier Männer von grosser Wichtigkeit. Die Bundesanwaltschaft führt mittlerweile «rund 60 Strafverfahren im Kontext des jihadistisch motivierten Terrorismus», wie sie auf Anfrage mitteilt. Bei sogenannten Jihadreisenden ist es oft schwierig, nachzuweisen, dass Verdächtige in Syrien oder im Irak tatsächlich für den IS oder eine andere kriminelle Organisation im Einsatz standen. Das IS-Datenleck könnte hier Abhilfe schaffen. Deshalb werten die Ermittler die kürzlich eingetroffenen Datensätze jetzt aus. Allfällige fallrelevante Informationen würden, falls dies angebracht sein sollte, in die Verfahren einfliessen, schreibt die Bundesanwaltschaft.

Der Walliser mit dem Kampfnamen «Abu Mahdi al-Swisri»

Der bekannteste der vier Jihadisten mit Schweiz-Bezug ist der Walliser M. A. Er war im Dezember 2013 mithilfe eines Schleppers über die türkisch-syrische Grenze gelangt – zusammen mit etwa 15 Personen, darunter eine Frau und Kinder. Zwei Tage später erreichte er ein Dorf südwestlich von Aleppo, wo sich ein IS-Trainingscamp befand. Dort erhielt er Lektionen in Waffenkunde und übernahm «zwei bis drei Wachtdienste, davon einer bewaffnet», wie es im Strafbefehl der Bundesanwaltschaft heisst.

Im IS-Trainingscamp stellte der Walliser mit dem Kampfnamen «Abu Mahdi al-Swisri» fest, dass sich vor Ort eine Gruppe von Jihadisten aufhielt, die Selbstmordanschläge planten, unter anderem mit Ambulanzen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz sagte er, der einst eine Ausbildung als Rettungssanitäter angefangen, aber nie abgeschlossen hatte, im Westschweizer Fernsehen, er sei entsetzt über den Einsatz von Ambulanzen gewesen. Später ging es für A. und die anderen Bewohner des IS-Camps «in einem Konvoi von circa 120 Fahrzeugen» weiter nach Raqqa, der syrischen IS-Hochburg, wie es im Strafbefehl heisst.

Dort wurde A. vom IS-Nachrichtendienst verhaftet und 54 Tage ins Gefängnis gesteckt – laut dem Schweizer, weil er «Bilder von homosexuellem Charakter» bei sich trug. Drei Monate nach seiner Ankunft in Syrien kam er frei und querte über die Türkei «freiwillig» in die Schweiz zurück. Er habe umfassend mit den Untersuchungsbehörden kooperiert, so die Strafverfolger. Er bereue seine Jihadreise und habe «sämtliche Verbindungen aus seiner Syrienzeit gekappt».

Warum aber war A. überhaupt nach Syrien gereist? Er war erst im Frühling 2013 zum Islam übergetreten, hatte vom Islam laut dem Strafbefehl nur «sehr limitierte» Kenntnisse und sprach kein Arabisch. Der Psychiater, der A. für die Ermittlungen untersuchte, attestierte ihm eine Persönlichkeitsstörung. Der Mann sei orientierungslos gewesen und habe nach einem Sinn fürs Leben gesucht. In den Jihadisten habe er eine vermeintliche «Waffenbruderschaft» gefunden, eine «Männergemeinschaft», die er «aus Naivität idealisierte». Ein weiteres Motiv sei sein Wunsch gewesen, in Syrien sein Sanitäterwissen anwenden oder vielleicht für eine «humanitäre Reportage» Fotos machen zu können. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.03.2016, 15:00 Uhr)

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