«Die Schweiz hat wegen der Fifa ein Imageproblem»

Die Politik soll die Fifa härter rannehmen: Mit dieser Forderung findet SP-Nationalrat Cédric Wermuth Zuspruch – weit über das linke Lager hinaus.

Hinter einem Nebelschleier: Nicht nur linke Politiker halten die Fifa für zu wenig transparent.

Hinter einem Nebelschleier: Nicht nur linke Politiker halten die Fifa für zu wenig transparent. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Fifa kommt nicht zur Ruhe. Im Bundeshaus ist der Ärger darüber gross – so gross, dass die jüngsten Querelen um Präsident Gianni Infantino politische Konsequenzen zeitigen könnten. Der Aargauer Nationalrat Cédric Wermuth fordert, die Fifa, die heute milliardenschwere Umsätze macht und als Verein registriert ist, müsse in Zukunft den gleichen Transparenzpflichten wie börsenkotierte Unternehmen unterstellt werden. Dasselbe soll auch für andere grosse Sportverbände gelten, so die Europäische Fussball-Union (Uefa) und das Internationale Olympische Komitee (IOK).

«Die jüngsten Ereignisse bei der Fifa zeigen, dass sich bei den grossen Verbänden nichts verbessert hat», sagte der SP-Politiker in der gestrigen Ausgabe der «SonntagsZeitung». Gewisse Funktionäre betrachteten den Weltfussballverband nach wie vor als Selbstbedienungsläden. Wermuth wird in der laufenden Session ein Postulat einreichen, um eine Spezialgesetzgebung für Fifa & Co. zu erwirken. Ihm genügt nicht, was die im Juli in Kraft tretende «Lex Fifa» vorsieht: dass Privatbestechung zum Offizialdelikt wird.

Regeln für Good Governance einführen

Wermuth darf sich über das linke Lager hinaus Zustimmung erhoffen. Support kommt aus den Mitteparteien. «Ich betrachte eine verbesserte Transparenz grundsätzlich als guten Weg, um Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückzugewinnen», sagt BDP-Präsident Martin Landolt. Die Idee, sich an den Richtlinien börsenkotierter Unternehmen zu orientieren, sei deshalb «verfolgenswert». CVP-Präsident Gerhard Pfister möchte sich zu Wermuths Vorstoss nicht direkt äussern. Unabhängig von der Struktur der Fifa hält er es aber für «dringend nötig», dass die Fifa elementarste Regeln von Good Governance einführe. «Das ist eine Führungsaufgabe, die man wahrnehmen muss bei einem Geschäft, wo es um so viel Geld geht.» GLP-Präsident Martin Bäumle zeigt sich zumindest offen für eine Diskussion über «sinnvolle Verbesserungen, da der Lerneffekt bei der Fifa eher minimal zu sein scheint».

Unterstützung signalisieren auch Vertreter der SVP. Nationalrat Roland Rino Büchel etwa glaubt, das Vorhaben könne mehrheitsfähig sein. «Die Fifa hat es sich selbst zuzuschreiben, dass sie an die kurze Leine genommen wird.» Ob die SVP-Fraktion Büchels Haltung teilt, ist allerdings fraglich. Immerhin, Parteipräsident Albert Rösti will die Türe nicht jetzt schon zuschlagen. Die Fraktion werde Wermuths Vorstoss prüfen und sich zu gegebener Zeit positionieren, sagt er. FDP-Präsidentin Petra Gössi will sich nicht positionieren, solange sie den genauen Inhalt von Wermuths Postulat nicht kenne.

Korruptionsexperte zweifelt

Nebst den politischen Chancen des Vorstosses stellt sich die Frage nach dessen Tauglichkeit. Soll die Politik der Fifa eine Aktiengesellschaft (AG) als rechtliche Organisationsform vorschreiben? Und was wäre damit gewonnen? Ein Beispiel: Eine AG ist gesetzlich verpflichtet, einen Jahresabschluss zu erstellen. Doch veröffentlichen muss sie diesen nicht. Zum Vergleich: Vereine mit einer Bilanzsumme ab 10 Millionen Franken oder einem Umsatz von 20 Millionen müssen gemäss Gesetz eine Jahresrechnung stellen und der Steuerbehörde übergeben – so also auch die Fifa. Gross ist die Differenz zumindest in diesem Bereich also nicht. Korruptionsexperten wie Daniel Thelesklaf halten es daher für naiv, zu glauben, dass die Fifa in einer AG anders funktionieren würde. Die Fifa selber erklärte bereits vor einem Jahr, ausser einem höheren Steuersatz würde eine andere Rechtsform «keine grundsätzliche Änderung in Bezug auf die Unternehmensrichtlinien» bedeuten.

Wermuth hält die Umwandlung in eine AG denn auch nicht für zwingend: «Entscheidend ist, dass die Fifa maximale Transparenz bei der Verwendung ihrer Gelder herstellt.» So etwa sei ihr die Pflicht aufzuerlegen, die Jahresrechnung und Löhne offenzulegen. Zudem müsse die Politik sicherstellen, dass die Fifa Sorgfaltspflichten bei der Durchführung von Turnieren einhält, sagt Wermuth in Anspielung auf Berichte über menschenunwürdige Zustände auf den Baustellen für die Fussball-WM 2022 in Katar. Wie das gesetzlich am besten erreicht werde, sei nun zu prüfen.

Röstis Warnung, Wermuths Konter

Die Fifa an die Kandare nehmen – diese Perspektive nährt die Befürchtung, der Weltfussballverband werde der Schweiz den Rücken kehren und seinen Standort ins Ausland verlegen. SVP-Präsident Rösti mahnt: «Bei dieser Diskussion darf nie vergessen gehen, dass die Fifa stets auch Angebote hat, ihren Standort in Zürich in andere Länder zu verlegen.» Dies jedoch gelte es zu vermeiden. Wermuth kontert, die Warnung vor einem Wegzug aus der Schweiz sei bei jeder Regulierungsvorlage ein «Totschlagargument». «Die Schweiz hat wegen der Fifa ein Imageproblem. Die Politik muss daher die Konfrontation mit dem Weltfussballverband suchen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2016, 15:15 Uhr

Artikel zum Thema

Infantino sieht sich als Opfer einer «Hexenjagd»

Die Kritik an Gianni Infantino brach in den letzten Wochen nicht ab. Jetzt wehrt sich der Fifa-Präsident und geht mit seinen Gegnern hart ins Gericht. Mehr...

Das E-Mail, das Infantino schwer belastet

Laut internen E-Mails, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, gab Fifa-Chef Gianni Infantino den Auftrag, die Aufnahme einer brisanten Sitzung zu löschen. Mehr...

Die Fifa und der Irrglaube von der AG

Welche Rechtsform würde Korruption und Günstlingswirtschaft im Weltfussballverband erschweren? Die populärste Lösung kaum. Mehr...

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Feuer frei für Feuerwerk: Wenn die Griechen auf Hydra die Seeschlacht gegen die Türken vom 29. August 1824 nachspielen, versinkt die türkische Flotte mit viel Schall und Rauch im Meer (24. Juni 2017).
(Bild: Alkis Konstantinidis) Mehr...