Beznau fehlen wichtige Dokumente

Der Reaktordruckbehälter des AKW Beznau I weist Schwachstellen auf. Nun zeigt sich: Seine Herstellung ist nicht vollständig dokumentiert. Dies weckt Kritik – an der Betreiberin Axpo und der Aufsichtsbehörde Ensi.

Das Reaktorgebäude des Kernkraftwerks Beznau I im Bau: Aufnahme vom 3. August 1966. Foto: Photopress/Keystone

Das Reaktorgebäude des Kernkraftwerks Beznau I im Bau: Aufnahme vom 3. August 1966. Foto: Photopress/Keystone

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Es wäre überaus gefährlich, ein Atomkraftwerk an seinem Herzen zu reparieren, dem Reaktordruckbehälter. In diesem Gefäss, rund 10 Meter hoch und 3,5 Meter breit, lagern hoch radioaktive Brennelemente, hier läuft die nukleare Kettenreaktion ab. Leckt es, droht radioaktive Strahlung zu entweichen. Umso angezeigter scheinen profunde Kenntnisse über die Herstellung dieses zentralen Bausteins – zumal in Beznau I.

In dessen Reaktordruckbehälter, genauer in den Stahlwänden davon, hat die Betreiberin Axpo im Juli dank einer Ultraschallprüfung «Unregelmässigkeiten» gefunden; nun muss sie diese auf Geheiss der Atomaufsichtsbehörde Ensi analysieren. Kritiker sprechen von besorgniserregenden Schwachstellen im ältesten Atomkraftwerk der Welt, das am 1. September in sein 47. Betriebsjahr geht. Bis klar ist, was es mit den Mängeln auf sich hat, bleibt Beznau I vom Netz.

Vorfall in Belgien als Auslöser

Das Wissen über die Herstellung des Reaktordruckbehälters ist jedoch lückenhaft. Dies belegt ein Report des Verbands der europäischen Atomaufsichten Wenra vom 17. Dezember 2014. Das Ensi gab dort zu Protokoll, bei Beznau I fehle ein detaillierter Bericht zur Wärmebehandlung der Schmiedeteile für den Reaktordruckbehälter: «The heat treatment procedure for the Beznau-1 unit has not been found in detail.» Verantwortlich dafür ist die Axpo, die den Nordostschweizer Kantonen und deren Elektrizitätswerken gehört. Als Betreiberin ist sie gesetzlich verpflichtet, alle sicherheitsrelevanten Unterlagen bis zur Stilllegung des AKW aufzubewahren. Unterlässt dies der Betreiber vorsätzlich oder fahrlässig, droht ihm eine Busse bis zu 100'000 Franken oder den Verantwortlichen Haftstrafen.

Ans Licht gekommen ist die mangelhafte Dokumentation von Beznau I wegen eines spektakulären Fundes im Ausland. In den belgischen Atomkraftwerken Doel 3 und Tihange 2 hatten Inspektoren vor drei Jahren Tausende kleinster Risse entdeckt. Pikanterweise handelt es sich dabei wohl um Materialfehler, «die auf eine nicht optimale Wärmebehandlung nach dem Schmieden zurückzuführen sind». Dies geht aus einem Protokoll hervor, in dem das Ensi auf Informationen der belgischen Aufsichtsbehörde abstellt. Ob Doel 3 und Tihange 2 je wieder in Betrieb gehen, ist ungewiss. Auf den Fund in den beiden Reaktoren reagierte die Wenra umgehend. Sie empfahl, alle Meiler in Europa zu überprüfen. Daraufhin musste die Axpo auf Order des Ensi die fraglichen Unterlagen liefern.

Beznau II besser dokumentiert

Zwar rapportierte, wie skizziert, das Ensi seinen Befund der Wenra. Doch die Schweizer Atomaufseher unterliessen es, die hiesige Bevölkerung aktiv darüber zu informieren, nachdem die Axpo im Juli über die «Unregelmässigkeiten» berichtet hatte. Das Ensi erweckte im Gegenteil den Eindruck, die von der Axpo eingereichten Unterlagen seien vollständig: Die Prüfung der Herstellerdokumente, erklärte die Behörde im Juli, habe «keinen Hinweis auf allfällige Fehler» ergeben. Sein Vorgehen taxiert das Ensi als richtig. Es genügte seiner Einschätzung nach, nebst der Sichtung der Unterlagen der Empfehlung der Wenra gefolgt zu sein und – als entscheidende Massnahme – von der Axpo die Überprüfung des Reaktordruckbehälters gefordert zu haben.

Das Ensi verweist zudem auf das Atomgesetz von 1959, das «keine umfassende Dokumentationspflicht im heutigen Sinn» vorgesehen habe. Diesen Umstand betont auch die Axpo. «Es haben niemals irgendwelche Dokumente gefehlt», sagt Sprecher Antonio Sommavilla. Das Kernkraftwerk Beznau habe alle vom damaligen Regelwerk geforderten, erstellten und archivierten Dokumente vom Hersteller beschafft und dem Ensi eingereicht.

Die Umweltorganisation Greenpeace zweifelt indes an dieser Darstellung, denn für Beznau II liegen umfangreichere Informationen zur Wärmebehandlung vor. Laut Greenpeace-Atomexperte Florian Kasser handelt es sich bei diesem Herstellungsschritt um einen entscheidenden Vorgang: Je nach Qualität der Behandlung versprödet der Druckbehälter als Folge der atomaren Bestrahlung langsamer oder schneller. «Dieser Prozess musste bei Beznau I dokumentiert werden und wurde es, wie Beznau II nahelegt.» Beznau II ist 1971 in Betrieb gegangen, zwei Jahre später als Beznau I. Der Baustart erfolgte 1968, drei Jahre später als bei Beznau I.

Die Axpo sieht das anders. Bei Beznau II seien «zusätzliche, über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehende Unterlagen eingereicht worden». Dies heisse nicht, dass bei Beznau I irgendetwas gefehlt habe. Eine Ausrede, findet Greenpeace. «Nur eine unabhängige Untersuchung kann Klarheit bringen», sagt Kasser. Niemand wisse, ob die Unterlagen nicht doch erst in den letzten Jahren «verschwunden» seien.

Untersuchung gefordert

Greenpeace kritisiert, die Axpo hätte den Druckbehälter aus Sicherheitsgründen schon viel früher und aus eigenem Antrieb untersuchen müssen. Die Axpo verwahrt sich dagegen. Sie argumentiert, Greenpeace beurteile den Fall ex post. Im Nachhinein wisse man es immer besser, sagt Axpo-Sprecher Sommavilla. Ein Risiko hat der mangelhaften Dokumentation wegen laut der Axpo nie bestanden: Die laufende Untersuchung am Reaktordruckbehälter von Beznau I gebe bislang keinen Hinweis darauf, dass die «Unregelmässigkeiten» die Sicherheit des Reaktordruckbehälters je beeinträchtigt hätten oder für die Zukunft beeinträchtigen würden.

Die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung läuft ins Leere. Das Bundesamt für Energie (BFE) stützt die Argumentation des Ensi, wonach das Atomgesetz von 1959 keine Pflicht zur Dokumentation im heutigen Sinn vorsah. Diese sei erst mit dem neuen Kernenergiegesetz 2004 eingeführt worden und entfalte keine rückwirkende Geltung, argumentiert das BFE. Entsprechend sei auch die Rückwirkung einer allfälligen Strafbarkeit ausgeschlossen. Das BFE sieht deshalb keinen Grund, aktiv zu werden: «Das Ensi ist alleine zuständig für die laufende Aufsicht über die Kernkraftwerke.»

In der Nacht auf heute wurde zudem das AKW Gösgen vom Netz genommen. Grund dafür ist laut den Betreibern die Ursachenabklärung und Reparatur einer Dampfleckage im nicht nuklearen Turbinenkreislauf. Da auch bei den anderen AKW Revisionen stattfinden, ist momentan kein Schweizer AKW am Netz.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.08.2015, 22:49 Uhr)

Ausschnitt aus dem Report des Verbands der europäischen Atomaufsichten Wenra vom 17. Dezember 2014. (Zum Vergrössern anklicken.)

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