Zweite Röhre – für eine Zukunft ohne Autos!

Wir bauen einen riesigen Autotunnel. Aber: Hätte jemand noch mal so richtig in Faxmaschinen investiert, kurz bevor die E-Mail kam?

Bauen für nichts? Die Zukunft der Autos ist ungewiss.

Bauen für nichts? Die Zukunft der Autos ist ungewiss. Bild: Christian Beutler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Steuer im Gotthard wird uns klar, warum Autofahren so grauenhaft ist. Es macht das Tor zur schönen Schweiz, das Tor zum Paradies, zum Höllentor. Es ist eine existenzielle Erfahrung aus Feuer und Stahl. «Mad Max» real. Die Stösse, wenn ein Lastwagen vorbeidonnert. Lichter blenden, beide Hände am Steuer, Abstand halten, ein Blick in den Rückspiegel, auf den Tacho. Spur halten! Ein winziger Fehler hier oder auf der Gegenseite und es ist aus.

Es ist die tiefe Angst vor menschlicher Unberechenbarkeit und Fehlbarkeit – tausendfach multipliziert mit der Wucht der Maschinen. Im Gotthardtunnel finden wir unsere Angst vor uns wie vor dem anderen. Vor dem Menschen an sich.

Dieser Horror muss ein Ende haben, finden viele. Sie wollen eine zweite Röhre durch den Berg sprengen, einen zweiten Tunnel bauen, künftig mit nur einer Fahrtrichtung pro Röhre und Spur zwei als Ersatzspur. Zwei Milliarden Franken soll das kosten, plus Sanierung des alten Tunnels. Alles einsatzbereit bis 2035.

Dabei wissen wir, dass 2035 kein Mensch mehr sein Auto durch den Gotthard lenken muss. All der Stress wird vorbei sein, denn in knapp 20 Jahren wird es nicht mal mehr Autos geben, so wie wir sie heute kennen. Das «Mad Max»-Zeitalter wird vorbei sein.

Umwälzungen in der Autoindustrie

Die Autoindustrie steht am Beginn der grössten Umwälzung ihrer Geschichte. Wie ein Auto angetrieben wird, wem es gehört, wer es steuert, alles ist im Umbruch. Fertig Blech und Feuer: Teslas Elektroautos verkaufen sich nirgendwo so gut wie in der Schweiz, es ist die Euphorie eines Post-Benzin-Zeitalters. Fertig Stress am Steuer: Nicht nur die Navigationssysteme und Lenkhilfen, die in neuen Autos stecken, ersetzen zusehends den Fahrer, auch Googles selbstfahrende Plastikschüsseln haben die Testphase abgeschlossen. Eigentlich ist es sogar falsch, dem Ding überhaupt noch den gleichen Namen zu geben. Kutsche nannte man das Gefährt, das die Pferde zogen, Automobil die Kutsche, die keine Pferde mehr brauchte – wie nennt man das autonome Auto, das keinen Fahrer mehr braucht? Auto ist vorbei.

Die Forschung ist grade erst dabei, zu erkennen, was das bedeuten wird. Städte wurden für das Benzinauto geplant. Eine australische Studie geht von einem Rückgang der Verkehrsinfrastruktur um rund ein Drittel aus. Unfälle nehmen um 90 Prozent ab, weil menschliches Versagen wegfällt. Das bringt Staus zum Verschwinden. Drei Viertel der Autos in Städten werden unnötig, weil ein Mitfahrgefährt bis zu vier Privatwagen ersetzt. Also werden auch Parkplätze unnötig. Auf Autobahnen finden bis zu viermal so viele intelligente Fahrzeuge Platz – weil sie schneller reagieren als Menschen und enger aneinander fahren können, bei höherer Geschwindigkeit. In Tunnels loggen wir uns künftig ein und rollen entspannt wie auf digitalen Schienen. Es braucht keine zweite Röhre dafür.

Es gibt auch Skeptiker. Sie fürchten, es könnte künftig eine Zunahme des Verkehrs geben, weil Fahren so angenehm werden könnte. Sie sehen auch eine Zunahme neuer Unfalltypen wie Hacks oder Systemabstürze. Genau diese Worte machen es klar: Der Verkehr wird sich radikal ändern. Niemand kann heute wissen, ob wir in 20 Jahren eine zweite Röhre am Gotthard brauchen. Oder ob es so wirken könnte, als hätte noch mal jemand so richtig in Faxmaschinen investiert, kurz bevor die E-Mail kam.

Hannes Grassegger ist Ökonom und Autor. Er beschäftigt sich als Researcher und Reporter für «Das Magazin» und den Think Tank W.I.R.E. mit künftigen Wirtschaftsformen. Zuletzt erschien dazu sein Buch «Das Kapital bin ich» (Kein & Aber Verlag, 2014). (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.02.2016, 11:52 Uhr)

Artikel zum Thema

Abstimmungskämpferin Leuthard

Selten hat sich ein Bundesrat so aktiv in einen Abstimmungskampf eingemischt wie Doris Leuthard bei der zweiten Gotthardröhre. Wie das bei den Gegnern ankommt. Mehr...

Gotthard-«Arena» sorgt für Zoff

Wer darf am Freitag gegen die zweite Röhre antreten? Die bürgerlichen Kritiker nur aus Reihe 2. Nun wittern die Tunnel-Gegner Agitation im Umfeld von Bundesrätin Leuthard. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Sponsored Content

Hoch hinaus.

Entdecken Sie die Schweizer Bergewelt und erleben Sie spektakuläre Aussichten.

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ausgelassen: Diese Gruppe geniesst die Feierlichkeit des Notting Hill Carnival. Die Festivität wird seit 1966 im Nordwesten von London durchgeführt und ist eines der grössten Strassenfester Europas (28. August 2016).
(Bild: Ben A. Pruchnie/Getty ) Mehr...