Flims: Aus für die älteste Pendel-Luftseilbahn der Schweiz

Warum die Cassonsbahn abgerissen wird und wie sich Flims damit von einem Weltkulturerbe distanziert.

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Es ist eine Seilbahn, wie sie sich früher alle Buben im Franz Carl Weber als Modellbahn wünschten: rot, steil und lang. Und sie fährt über «gfürchige» Schründe auf einen hohen Grat. Dieser heisst Cassonsgrat, ist 2700 Meter hoch und Teil des Flimsersteins. Diese Seilbahn fuhr am Sonntag zum letzten Mal, heute werden noch die letzten Calanda-Büchsen, Röteli-Flaschen und Hirschsalsize aus dem Cassons-Beizli zu Tale gefugt. Im Frühling, nach der Schneeschmelze, wird die Bahn abgebrochen. Dabei lag die Nostalgiebahn von 1956 vielen Touristen näher als all die von Porsche und Pininfarina gestylten Massenschlepper der Weissen Arena.

Dem Ende der Bahn geht ein jahrelanges Seilziehen zwischen Nostalgikern und Wanderfreunden einerseits sowie der von Reto Gurtner nach marktwirtschaftlichen Kriterien – erfolgreich – geführten Weissen Arena AG voraus. Die Konzession der Bahn läuft Ende 2015 aus. Die kleine Rote mit ihren beiden verbeulten 25er-Gondeln hatte schon lange keine Chance mehr gegen die 120er-Grossraumkabinen auf Crap Sogn Gion oder gegen den modernen Arena-Express. Gurtner, der seinen Berg mit Powerpoint-Folien regiert und sich den Slogan «Revolution am Berg» auf die Fahne schreibt, zeigte an Informationsveranstaltungen immer wieder auf: Das Cassonsbähnli rentiert nie und nimmer.

Ein Grund, warum es das Bähnli so schwer hat, ist der Berg selber – vor allem im Winter, wenn Seilbahnen ihre Umsätze machen. Die Abfahrt vom Grat ist auf den ersten sehr steilen und ungespurten 800 Höhenmetern nur ein Genuss für geübte Tiefschneefahrer.

Finanzloch trotz Martinsloch

2008 erklärte die Unesco die Tektonik­arena Sardona mit den Tschingelhörnern und dem Martinsloch zum Weltnaturerbe. Hier sehe man, «wie die Berge entstanden sind». Überall in Flims, zeitweise auch im Zürcher Hauptbahnhof, wird seither damit geworben. Die Naturwunder seien «mit der Bergbahn einfach zu erreichen», schreibt die Weisse Arena.

Das «einfach» stimmte bisher – dank der Bahn auf den Cassonsgrat. Eine halbe Stunde brauchte der Wanderer, um das Martinsloch zu sehen, durch das die Sonne zweimal im Jahr auf die Kirche von Elm scheint. In anderthalb Stunden stehen auch weniger Trainierte unterhalb des Lochs oder gar auf dem Segnes­pass­. Ab nächstem Frühling – ohne Cassonsbahn – bleiben diese Ziele nur fitten Berggängern offen. Die zusätzlichen 800 Höhenmeter der Cassonsbahn müssen ab Naraus erklommen werden.

Die Nostalgiker und die Revolutionäre, auf deren Seite auch der Gemeinderat Flims steht, haben zwei völlig unterschiedliche Projekte. Der Verein Pro Cassons hat über eine Million Franken gesammelt für ein neues Tragseil der Bahn. Er will die Bahn für 7 Millionen sanieren oder für 14 Millionen neu bauen. Reto Gurtner dagegen plant eine neue Bahn, die nicht mehr auf den Cassons führt, sondern etwas westlich davon 180 Höhenmeter unter dem Grat endet. Die Gemeindeversammlung hat im September einem 850 000-Franken-Planungskredit klar zugestimmt. Geplante Eröffnung ist im besten Fall 2019.

Der Entscheid ist gefallen, auch wenn gestern auf den letzten Fahrten auf den Grat noch nicht alle daran glaubten. Die Talstation steht im Lawinenschutzgebiet und darf nicht ausgebaut oder total erneuert werden. Und die 1974 letztmals total sanierte Bahn ist elektrisch und mechanisch am Ende ihres Lebens. Eine Sanierung kommt laut Fachleuten einem Neubau gleich. Und das wiederum bezeichnet Reto Gurtner als «Illusion von Tagträumern». Daran ändert alle Nostalgie und Schönheit nichts: Die Cassonsbahn gilt als die älteste eidgenössisch konzessionierte Pendel-Luftseilbahn der Schweiz und wird vom Heimatschutz zu den schönsten Verkehrsmitteln gezählt.

Am Samstag und Sonntag, den letzten Tagen der Cassonsbahn, herrschte auf dem Grat Volksfeststimmung. Das Bähnli neigte sich wie immer leicht nach links, weil sich in den Bergtürmen auf der rechten Seite Steinböcke tummelten. Und nochmals konnten Witzbolde die Passagiere mit dem Spruch foppen: «Seht her, ganz viele Steinblöcke!» Von diesen gibts tatsächlich mehr als von Steinböcken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2015, 21:27 Uhr

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