Sammelbecken der Hoffnungslosen

In Como ist die Lage weiter prekär: Hier stranden Hunderte Migranten vor der Schweizer Grenze. Nun wird scharfe Kritik am Roten Kreuz laut.

Der Pfarrer Don Giusto della Valle spricht über die Situation von minderjährigen Flüchtlingen in Como, welche in der Schweiz abgewiesen werden. Video: Michael Scheurer/Mirjam Ramseier

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Ein gelber Fiat Panda rast durch die leeren Strassen Comos. Es ist 1.30 Uhr nachts, kurz vor Jahresende. Ein Mann mit Cowboyhut und langem Bart sitzt hinter dem Steuer. Mattia Stancanelli. Künstler, Italiener und, würde ihn die Strassenpolizei erwischen, ein Temposünder erster Güte. Der Motor des Viersitzers holpert. Zwei enge Kurven. Mattia ist Richtung Chiasso unterwegs. Hinter dem kleinen Hügel liegt die Schweizer Südgrenze.

Es ist kein Zufall, dass Mattia zu dieser Uhrzeit unterwegs ist. Vor einer halben Stunde hat die italienische Grenzwache ihre Tore geschlossen. «Bis dahin wurden Flüchtlinge, welche die Grenze illegal überqueren wollten, von den Behörden zurück auf die Strasse gestellt und sich selbst überlassen», sagt Mattia. «Wir sammeln sie auf.» Selten seien auch Minderjährige darunter. Manche schlafen dann vor dem Eingang der Kirche, die gegenüber dem Grenzhäuschen steht, andere etwas weiter in einem kleinen Park. Einige versuchen den Weg zu Fuss zurück nach Como.

Mattia kennt sie alle, die Schlafplätze unter freiem Himmel. Für heute klappert er sie ein letztes Mal ab. Wenn er Schwarze sieht, fährt er sie in die Pfarrei von Don Giusto Della Valle. 50 Personen hat Mattia heute zusammen mit zwei anderen Fahrerinnen dorthin gebracht. Oft sind es 80 bis 90 Personen.

«C’est la vie d’un animal»

Via Alfonso Lissi 11, vier Stunden zuvor, 21.30 Uhr. Langsam füllt sich die Küche von Pfarrer Don Giusto. Auf dem Gasherd steht ein Topf heisse Milch. Sie wärmt die klammen Finger der jungen Männer. Auf die Frage, wie ihr Tag war, haben die meisten nur ein müdes Lächeln übrig. Auf der Strasse gewartet ­haben sie. Worauf eigentlich? Keine Antwort. «Ich bekomme zwar zu essen, kann hier schlafen», bricht Patrick, wie er sich vorstellt, das Schweigen. «C’est la vie d’un animal» – so werden Tiere gehalten. Doch es sei besser als in Guinea-Bissau. «Dort werden deine Freunde neben dir erschossen», sagt er.

Der Bürgergmeister Mario Lucini spricht über die Flüchtlingssituation in Como und die Verteilung von Schutzsuchenden in Europa. Video: Michael Scheurer/Mirjam Ramseier

Viele erzählen, vier-, fünfmal versucht zu haben, die Grenze in die Schweiz zu überqueren. Nachts, tagsüber, zu Fuss, mit dem Bus. Sie wollen weiter nordwärts, viele nach Deutschland, wo sie auf Arbeit hoffen. An ein Durchkommen ohne gültige Papiere ist aber nicht zu denken. Denn im Sommer hat die Schweiz die Kontrollen an den Südgrenzen weiter verstärkt. Heuer will Bundesrat Ueli Maurer zusätzlich die Berufsarmee zur Unterstützung des chronisch überlasteten Grenzwachtkorps (GWK) an die Grenze beordern. Schon jetzt kreisen in der Nacht Helikopter und Drohnen der Armee über den grünen Grenzen und spüren Menschen mit Wärmebildkameras auf. Welchen Erfolg die Luftunterstützung gebracht hat, will das GWK aus «einsatztaktischen Gründen» nicht sagen.

Die Verschärfung an der Grenze schlägt sich indes in Zahlen nieder. Das GWK hat seit dem Juni im Tessin deutlich mehr Illegale aufgegriffen. Beinahe 20-mal mehr sind es im Juli und August, verglichen mit den Monaten Anfang Jahr. Dies, obwohl die schweizweiten Asylgesuche insgesamt rückläufig waren. Im Dezember wurden im Mittel jede Woche 635 Menschen an der Grenze weggewiesen oder rücküberstellt.

Im Aufenthaltsraum von Don Giustos Gemeindehaus ist der Gestank derweil unerträglich geworden: Beissender Schweissgeruch und der Mief von viel zu selten gewaschenen Kleidern steigen in die Nase. In einem grossen Saal liegen dicht gedrängt die Gestrandeten Comos. Heute hat es für alle eine eigene Matratze. Das ist nicht immer so. «Wenn wir 80 Leute haben, müssen einige die Matratze teilen», sagt Georgia Borderi, eine Freiwillige. Dabei sollten all die Menschen gar nicht hier sein.

Suizidversuch eines 15-Jährigen

Sechs Kilometer von Don Giustos Pfarrei entfernt liegt das offizielle Flüchtlings-camp in Como, eingeklemmt zwischen Friedhof, Bahnlinie und Strasse. Drei Meter hohe Mauern mit Drahtzäunen umgeben das Gelände. Scheinwerfer ringsum, Kameras. Ein Polizeiwagen mit Blaulicht steht davor. Am Stahltor beim Eingang hängt die Fahne des Roten Kreuzes. Die NGO führt das Container-dorf im Auftrag der lokalen Präfektur. Mitte September hat Rom Container für eine provisorische Unterkunft geschickt. Nachdem wochenlang Hunderte Flüchtlinge unter freiem Himmel übernachtet hatten, stieg der Druck auf die Behörden, vor dem Winter tätig zu werden.

Dabei war von Anfang an klar, dass die Unterkunft viel zu klein sein würde: Im Sommer zelteten bis zu 500 Menschen beim Bahnhof Como. Das Provisorium bietet aber nur 300 Plätze. Frauen und Kinder haben Priorität, junge Männer bleiben aussen vor.

Die Pfarrei-Helferin Giorgia Borderi spricht über die Dringlichkeit, Migranten in Italien mehr zu unterstützen. Video: Michael Scheurer/Mirjam Ramseier

Das ist nicht nur in Como so. Laut der Schweizer Flüchtlingshilfe fehlen in Italien 80'000 Plätze für Flüchtlinge. In Como hatte dies Folgen: Ein 26-jähriger Eritreer erlitt vor einigen Tagen vor den Toren des Camps eine Unterkühlung und musste hospitalisiert werden.

Am Roten Kreuz in Como wird von NGOs und Freiwilligen scharfe Kritik geübt. Kürzlich hat ein 15-jähriger Junge im Camp versucht, sich zu erhängen. «Es gibt weitere Fälle von Suizidversuchen», erzählt Georgia Borderi, die freiwillige Helferin bei Don Giusto, «aber diese dringen nicht an die Öffentlichkeit.» Auch eine Somalierin soll versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Borderi ist eine der wenigen, die das Camp von innen gesehen haben. Es fehle an psychologischer Betreuung, genügend Personal, an Aktivitäten tagsüber, an ausreichend Platz. In den ersten zwei Wochen hätten die Decken zum Schlafen gefehlt. Die hygienischen Verhältnisse seien mangelhaft. «Das Flüchtlingscamp ist für das Rote Kreuz ein Business», sagt Borderi. Je ­weniger die Betreuung der Flüchtlinge koste, desto besser. «Eine Mafia.»

Das Rote Kreuz schweigt

Überzeichnete Schilderungen einer engagierten Helferin? Viele andere Geschichten über Vorkommnisse im Camp machen die Runde. Was stimmt, weiss niemand so genau. Denn kaum eine unabhängige Organisation bekommt Einlass. Selbst die Mitglieder des Comer Stadtparlaments haben jüngst moniert, keinen Zutritt zu erhalten.

Ein Interviewtermin mit Verantwortlichen des Roten Kreuzes ist nicht zu bekommen. Am Sitz der Organisation in Como verweist man uns ans Camp, von dort an die Präfektur. Die stellvertretende Präfektin, Giuliana Longhi, sagt, ohne Bewilligung aus Rom ginge nichts. Nur bei Bürgermeister Mario Lucini erhalten wir ein Kurzinterview. Wie ist die Situation im Camp? Lucini zögert und sagt: «Die Verhältnisse sind genügend.» Es gebe ausreichend Aktivitäten für die Flüchtlinge. Was ist mit dem 15-Jährigen, der sich erhängen wollte? «Es ist nicht klar, was da genau passiert ist.» Der Bürgermeister verweist auf das Relocation-Programm, verabschiedet im Jahr 2015: Aus Italien sollten 39'600 Geflüchtete auf die europäischen Länder verteilt werden. Bis zum 19. Dezember waren es europaweit 2350. Die Schweiz hat bisher 215 von versprochenen 760 Menschen aufgenommen.

Bei Don Giusto müssen die Flüchtlinge schliesslich am Morgen nach einem Frühstück das Haus verlassen. Sie verteilen sich in der Stadt und werden unsichtbar. Manche betteln. Andere versuchen ihr Glück erneut an der Grenze. Und viele verschwinden. Como, neun Minuten vor der Schweizer Grenze, bleibt ein Sammelbecken der Hoffnungslosen – und ein Pulverfass gestrandeter Flüchtlinge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2017, 21:33 Uhr

Frauen und Kinder haben Vorrang: Flüchtlinge vor dem Containercamp des Roten Kreuzes in Como. Foto: Fabrizio Di Nucci (NurPhoto)

Italienische Flüchtlingslager

Randale und verbarrikadierte Mitarbeiter

In Italien wächst die Sorge um die Sicherheit in Flüchtlingslagern, nachdem es am Montag zu Ausschreitungen in einem Erstaufnahmezentrum bei Venedig gekommen ist. Zur Entlastung des Flüchtlingslagers in Cona, das etwa 1400 Menschen beherbergt, wurden am Dienstag 100 Migranten in eine andere Einrichtung in der Region Emilia Romagna gebracht.

Nach dem Tod einer jungen Frau aus der Elfenbeinküste hatten Asylbewerber am Montagabend randaliert und Holzpaletten in Brand gesetzt. 25 Mitarbeiter der Einrichtung verbarrikadierten sich darauf im Büro und konnten erst nach Stunden befreit werden. Die 25-Jährige war tot in der Dusche aufgefunden worden. Sie erlag einer Thrombose, ergab die Obduktion. Die aufgebrachten Asylbewerber warfen den Betreibern der Unterkunft vor, der Frau zu spät Hilfe geleistet zu haben. Die Rettungskräfte wiesen die Vorwürfe zurück.

Zu Spannungen kam es auch in Verona. Asylsuchende demonstrierten wegen des aus ihrer Sicht prekären Zustands der Einrichtung, in der sie untergebracht sind. Sie klagten auch über die Qualität des Essens. Während des Protests wurden Mülltonnen umgeworfen, eine Strasse musste gesperrt werden.

Die Regierung in Rom will nun die Prüfungen der Asylverfahren vorantreiben und die Abschiebung von Wirtschaftsmigranten ohne Recht auf internationalen Schutz beschleunigen. Laut einem Plan des Innenministeriums sollen Asylsuchende, deren Antrag abgelehnt wurde, keinen Rekurs mehr einreichen können. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2016 wurden 15'000 Rekurse gegen die Ablehnung von Asylanträgen eingereicht. Der Trend sei steigend, heisst es in Rom. (SDA)

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