«Schafft das Ablaufdatum ab!»

In der Schweiz werden zu viele Lebensmittel verschwendet, finden unsere Leserinnen und Leser. Uneinig sind sie sich darüber, wer die Schuld trägt: Politik, Detaillisten oder Konsumenten?

«Gerettete» Lebensmittel: Die Äss-Bar in Zürich verkauft Gebäck vom Vortag zu stark reduzierten Preisen.

«Gerettete» Lebensmittel: Die Äss-Bar in Zürich verkauft Gebäck vom Vortag zu stark reduzierten Preisen. Bild: Gaëtan Bally

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Hand aufs Herz: Haben Sie auch schon ein hartes Brot weggeworfen? Damit wären Sie nicht allein: Rund 300 Kilogramm Lebensmittel landen in der Schweiz pro Jahr und Einwohner im Müll.

Das Phänomen Food-Waste hat heute auch den Nationalrat beschäftigt. Er hat einen Vorstoss der Wissenschaftskommission, der das Problem auf gesetzlicher Ebene angehen will, in grosser Einigkeit angenommen. Jetzt liegt der Ball beim Bundesrat.

Auch unsere Leserinnen und Leser sind sich einig, dass Lebensmittelverschwendung ein wichtiges Thema ist. Viele sind unserem Aufruf gefolgt und haben ihre Meinung zu Food-Waste kundgetan. «Es wird Zeit, dass dies öffentlich diskutiert wird», findet Leser Tom Maier. Er sieht alle in der Pflicht: «Produzent – Transport – Verkäufer – Konsument.»

Wie der Nationalrat fordern zahlreiche Kommentierende schwächere Regulierungen – etwa über die Angaben zur Haltbarkeit auf Lebensmitteln:

Werner Caviezel: «Das sogenannte Ablaufdatum sollte man abschaffen, damit die Leute wieder lernen, wie mit Lebensmitteln umzugehen ist. Ein Herstelldatum genügt. Lebensmittel sind nicht so programmiert, dass sie einen Tag nach dem ‹Verfall› nicht mehr in Ordnung wären.»

René Wenger: «Ein Teil dieser Wegwerf-Manie ist auf die aufgedruckten Verfalldaten zurückzuführen. Produkte, die gut gelagert fast unendlich haltbar sind, werden mit einem Verfallsdatum bezeichnet. Der Grund ist, dass sich der Hersteller/Detaillist vor Reklamationen schützen will.»

«Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist wichtig.»Linus Beyeler

Ein Leser widerspricht. Das Haltbarkeitsdatum habe seine Berechtigung:

Linus Beyeler: «Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist wichtig. Gerade bei verarbeiteten Lebensmitteln, Gewürzen und Fleisch ist die Gefahr sehr gross, dass sich Keime und Pilze bilden, welche nicht sichtbar oder zu riechen sind.»

Manche sehen die Detailhändler in der Pflicht – etwa, indem sie nicht verkaufte Lebensmittel zugänglich machen:

Rudolf Wilhelm: «Ein Anfang wäre gemacht, wenn Schweizer Supermärkte Lebensmittel, die nicht verkauft wurden, nach Feierabend nicht mit Javel übergiessen würden, nachdem sie im Abfallcontainer gelandet sind. Sie sollten diese frei zugänglich aufstellen. Es gibt genügend Leute, die sich nicht zu schade sind, aus diesen Containern herauszufischen, was sie benötigen.»

Nora Martinek: «Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass die Läden mehr einkaufen, als benötigt wird, und zu viel in die Regale packen. Die Produkte werden dann alt und die Leute suchen in den Regalen das mit dem längsten Ablaufdatum.»

Hansjörg Temperli: «Supermärkte verpflichten, nichts mehr wegzuwerfen. Frankreich hat das getan und ist noch nicht untergegangen.»

«Mich nervt das Supermarkts-Bashing.»Pasquale Fischer

Ein Leser findet die Kritik an Supermärkten übertrieben. Das Hauptproblem liege bei den Konsumenten.

Pasquale Fischer: «Alle Massnahmen, die man auf Ebene Supermarkt einführen kann (Weitergabe von abgelaufenen Lebensmittel an Wohltätigkeitsorganisationen, längere Haltbarkeitsdaten, Verkauf von nicht perfekt aussehendem Gemüse) sind wertvoll und begrüssenswert. Und trotzdem nervt mich das Supermarkts-Bashing, das bei diesem Thema immer einsetzt. In der Schweiz finden 45 Prozent der Lebensmittelverschwendung bei den Privathaushalten und 30 Prozent bei der verarbeitenden Industrie statt. Nur 5 Prozent gehen aufs Konto des Detailhandels. Um wirklich etwas zu ändern, braucht es in erster Linie eine Sensibilisierung jedes und jeder Einzelnen.»

Sandro Berchtold: «Ich denke, das Problem fängt schon damit an, dass viele Leute nur ‹perfekt› aussehende Früchte und Gemüse wollen, nur entspricht das nicht der Laune der Natur. Und so werden diese ‹krummen› Dinger schon vorgängig aussortiert und schaffen es gar nicht erst in den Laden. Dabei finde ich diese speziellen und eigenartigen Formen höchst spannend und wünsche mir mehr davon.»

«Das Problem fängt schon damit an, dass viele Leute nur ‹perfekt› aussehende Früchte wollen.»Sandro Berchtold

Adi Boxer: «Uns modernen Menschen wurde der Bezug zu den Lebensmitteln aberzogen. Wer weiss denn heute noch, zu welchen Jahreszeiten welches Gemüse oder welche Früchte geerntet werden? Wer kann heute noch eine Sauce oder Suppe ohne Beutel herstellen? Wer kann heute noch kochen im herkömmlichen Sinn?»

Viele Leserinnen und Leser wünschen sich, dass besser sensibilisiert wird. Einer will damit schon in der Schule anfangen:

Lutz Stalder: «Ist das Thema Abfall, respektive Nahrungsmittelverschwendung eigentlich Pflichtfach in der schulischen Grundausbildung? Sensibilisierung für solche Themen muss zwingendermassen in der Kindheit losgehen.»

«Die Sensibilisierung muss zwingendermassen in der Kindheit losgehen.»Lutz Stalder

Obwohl die meisten eine Veränderung wünschen, sehen nicht alle die Politik in der Pflicht.

Christian Weiss: «Lebensmittelverschwendung ist vor allem eine moralische Frage. Und moralische Fragen muss der Mensch mit sich selber ausmachen. Die sind nicht Aufgabe des Staates. Noch eine Volkserziehungskampagne, welche die Betroffenen sowieso nicht erreicht, brauchen wir nicht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.06.2017, 18:48 Uhr

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