«Homöopathie ist eine widerlegte Methode»

Edzard Ernst, der weltweit erste Professor für Komplementärmedizin, geht mit seiner Disziplin hart ins Gericht. Er zahlt jedem 100'000 Dollar, der ihm die Wirksamkeit von Homöopathie nachweist.

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Am 17. Mai stimmt die Schweiz über einen Verfassungsartikel zur Förderung der Komplementärmedizin ab. Einer der renommiertesten Experten auf diesem Gebiet ist der deutsche Mediziner Edzard Ernst. Von 1993 an baute er an der britischen University of Exeter den weltweit ersten Lehrstuhl zur Erforschung der Alternativmedizin auf – und wandelte sich dabei vom Befürworter zum Kritiker der Komplementärmedizin.

Herr Ernst, gibt es Komplementärmedizin, die wirkt?
Ja natürlich. In der Pflanzenheilkunde wirkt zum Beispiel Teufelskralle bei Schmerzen am Bewegungsapparat und Johanniskraut bei Depressionen. Ziemlich gut nachgewiesen ist zudem, dass Akupunktur bei der Schmerztherapie wirkt. Und auch die Wirkung von Massage, Hypnosetherapie und von autogenem Training ist bei gewissen Indikationen erwiesen.

Wie sieht es mit der Homöopathie aus?
Die Homöopathie beschäftigt mich seit Beginn meiner Forschertätigkeit intensiv. Ich habe in einem homöopathischen Spital gearbeitet und über hundert Fachartikel dazu publiziert. Zudem ist die Methode in Grossbritannien besonders populär, weil die Königsfamilie ihre schützende Hand darüber hält. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Homöopathie auf Grund der heutigen Datenlage eine widerlegte Methode ist. Die wissenschaftlichen Methoden sind zwar nicht geeignet, einen Negativbeweis zu erbringen. Aber irgendwann kommt man zum Punkt, an dem man die Wirkungslosigkeit einer Methode eingestehen muss.

Es existieren aber auch Studien, die die Wirkung von Homöopathie nachweisen.
Man findet solche Studien, wenn man gezielt danach sucht. Das ist aber wie Rosinen picken aus einem grossen Teig. Denn über alle 200 vorliegenden Studien betrachtet ist die Wirkung der Homöopathie nicht belegt. Ihre beiden Hauptprämissen – starke Verdünnung soll stärkere Effekte bringen und Ähnliches soll mit Ähnlichem geheilt werden – sind wissenschaftlich nicht haltbar.

Was ist mit Erfahrungsberichten von chronisch Kranken, denen Homöopathie oder eine andere alternative Methode geholfen hat?
Vor 150 Jahren hat man in der Medizin damit aufgehört, von Einzelfällen auf allgemein Gültiges zu schliessen. Meine Grossmutter hat 40 Zigaretten pro Tag geraucht und ist nicht an Lungenkrebs gestorben. Was soll man daraus folgern? Wenn wir wieder damit beginnen, mit Anekdoten Kausalitäten zu begründen, machen wir einen riesigen Rückschritt in der Medizingeschichte. Das wäre nicht nur bedauerlich, sondern auch gemeingefährlich.

Oft wird die Wirkung alternativer Mittel als blosser Placebo-Effekt abgetan. Was aber ist mit dem Säugling, dessen Leiden durch Homöopathie gelindert wird?
Ein Säugling kann wegen einer Kolik wie am Spiess schreien. Und am nächsten Tag ist er quickmunter – egal, ob man ihn mit Schulmedizin oder Homöopathie behandelt hat oder ob man gar nichts tat. Zudem kann auch bei einem Kleinkind ein Placebo-Effekt vorliegen. Zwischen der Mutter und dem Säugling besteht eine intensive Beziehung, die Suggestion ermöglicht. Wenn die Mutter an Homöopathie glaubt, kann das Kleinkind sehr wohl darauf reagieren.

Was sagen Sie zur bevorstehenden Abstimmung über die Komplementärmedizin in der Schweiz?
Ich bin weder Politiker noch stimmberechtigt in der Schweiz und kann mich deshalb nur als Wissenschaftler äussern. Weil die Datenlage bei der Homöopathie so eindeutig ist, könnte ich es mir nur mit einem Missverständnis erklären, wenn die Schweiz am 17. Mai für die Homöopathie stimmen würde.

Wie sieht es mit den anderen Methoden aus?
Zur Anthroposophischen Medizin, zur Neuraltherapie und zu den unzähligen Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt es viel weniger Studien als zur Homöopathie. Für mich als Wissenschaftler ist auch die Wirkung dieser drei Methoden nicht belegt. Am besten ist die Evidenzlage bei der Pflanzenheilkunde. Da gibt es etwa ein Dutzend Mittel, die nachweislich wirken. Allerdings besteht dort die Gefahr von Komplikationen, wenn der Patient gleichzeitig Medikamente einnimmt. Dieser Bereich ist noch viel zu wenig erforscht.

Sie gehen in Ihrem neusten Buch* mit den Vertretern der Alternativmedizin hart ins Gericht. Woher kommt dieser Furor?
Ich habe absolut kein Verständnis, wenn so genannte Therapeuten bei einem Krebspatienten auf Homöopathie und nicht auf die Schulmedizin setzen. Das ist ein Rückfall ins Mittelalter. Ebenfalls kein Verständnis habe ich, wenn Anthroposophen und Homöopathen die Impfung für Kinder ablehnen. Impfen ist eine der Erfindungen der Medizingeschichte, die am meisten Menschenleben gerettet hat.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?
Wir wenden uns erstmals an Laien. Denn ich musste realisieren, dass ich mit meinen 40 Fachbüchern eigentlich das Ziel verfehlt habe. Die Entscheidung für oder gegen Komplementärmedizin trifft der Patient. Er tut dies meistens, nachdem er mit Fehlinformationen bombardiert worden war. Wenn Sie den Begriff «Alternative Medicine» googeln, erhalten Sie über 50 Millionen Treffer. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind diese Websites voller Falschinformationen. Das kann die Gesundheit der Patienten gefährden. Unser Buch soll dem etwas entgegenhalten.

Sie mussten teils massive Kritik einstecken.
Die Rezensionen waren überwiegend positiv. Aber es gab viele persönliche Anfeindungen. Homöopathen werfen uns vor, wir seien von der Pharmaindustrie gekauft. Wir haben uns deshalb zu folgender Wette entschlossen: Wenn jemand den wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit der Homöopathie liefert, zahlen wir ihm 100'000 Dollar. Das Angebot besteht seit einem Jahr. Abgeholt wurde das Geld bisher nicht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.04.2009, 09:37 Uhr)

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