Schweizer Pass bringt Wohnung und Arbeit

Einbürgerungen beschleunigen laut einer Studie die Integration. Für die Bürgerrechtsreform kommt diese Erkenntnis zu spät.

Wer sich einbürgern lassen will, muss Hürden nehmen: Einbürgerungswillige beim Staatskundekurs in Brugg. (29. April 2008)

Wer sich einbürgern lassen will, muss Hürden nehmen: Einbürgerungswillige beim Staatskundekurs in Brugg. (29. April 2008) Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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«Der Föhn glaubt das nie und nimmer», sagte der Schwyzer SVP-Ständerat Peter Föhn in der Fernsehsendung «10vor10». Der Föhn glaubt nicht, dass sich Ausländer besser integrieren, wenn sie rascher den Schweizer Pass erhalten – obwohl eine neue Studie von Forschern der Universitäten Zürich, Stanford und Mannheim genau dies nahelegt.

Wer sich in der Schweiz einbürgern lassen will, muss heute mindestens zwölf Jahre lang in der Schweiz gelebt haben. Künftig werden es noch zehn Jahre sein, wie das Parlament letztes Jahr beschlossen hat – im Gegenzug zu Verschärfungen bei anderen Anforderungen. Während manche Länder viel kürzere Wartefristen kennen, bewegt sich die Schweiz am oberen Rand. Hinter den unterschiedlichen Fristen stehen unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Bürgerrecht ist und wie dessen Verleihung auf die Integration wirkt.

Der Pass als Belohnung für erfolgreiche Integration

Für die einen ist klar: Die Einbürgerung ist die Belohnung für eine gelungene Integration. Wer sie will, muss sich nicht zuletzt durch seine Ausdauer beweisen. Oder um es in den Worten des parteilosen Schaffhauser Ständerats Thomas Minder zu sagen: Der Weg zum roten Pass soll einem Marathon, nicht einem Kurzstreckenlauf gleichen. In dieser Logik fällt mit der Einbürgerung eine wichtige Motivation zur Integration weg, eine frühere Einbürgerung hätte somit eine geringere Integration zur Folge.

Wie die Forscher in ihrer Studie schreiben, handelt es sich bei der vornehmlich bei konservativen Politikern verbreiteten Vorstellung der Einbürgerung als «Krone» der Integration um eine auch in der Wissenschaft vertretene These, die bisher empirisch nicht überprüft wurde – genauso wie ihre Gegenthese, wonach sich Eingebürgerte besser integrieren, weil sie grössere Anreize und bessere Voraussetzungen haben, um sich rasch zu integrieren und in eine Zukunft in ihrer neuen Heimat zu investieren.

Vor allem Personen aus Ex-Jugoslawien und der Türkei profitieren

Um den Zusammenhang zwischen Einbürgerung und Integration zu ergründen, machten die Forscher 768 Personen ausfindig, deren Einbürgerungsgesuch an der Urne zwischen 1970 und 2003 entweder knapp angenommen oder knapp abgelehnt worden war, was laut den Forschern einem Zufallsentscheid gleichkommt. Um die Integration jener Personen zu messen, befragten die Forscher sie unter anderem zu politischem Engagement und Wissen, zur Lektüre von Schweizer Zeitungen, zur Mitgliedschaft in Vereinen und zur Absicht, den Lebensabend in der Schweiz zu verbringen.

Es zeigte sich, dass jene, deren Einbürgerungsgesuch vor fünfzehn Jahren oder mehr an der Urne knapp gutgeheissen wurde, heute im Schnitt spürbar besser sozial integriert sind als jene, deren Gesuch damals knapp abgelehnt wurde. Dieser Effekt ist allerdings vor allem bei Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei sowie bei nicht in der Schweiz Geborenen spürbar. Die Eingebürgerten unter ihnen sind deutlich besser integriert. Bei weniger stark marginalisierten Gruppen, etwa jenen, die aus Nachbarländern der Schweiz stammen, ist der Einfluss der Einbürgerung auf die Integration hingegen gering.

Wieso dieser Unterschied? «Für eine holländische Chefärztin am Unispital hat eine Einbürgerung relativ geringe Konsequenzen», sagt der an der Studie beteiligte Politologe Dominik Hangartner. Bei Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei sehe dies hingegen anders aus. «Der Schweizer Pass spielt für diese Gruppen bei der Arbeits- und der Wohnungssuche eine enorm wichtige Rolle», so Hangartner. Dies sei bei ausführlichen Gesprächen mit einem Teil der Befragten immer wieder deutlich geworden.

Kein Plädoyer für voraussetzungslose Einbürgerung

Aus den erhobenen Daten schliessen die Forscher zudem, dass eine kürzere Wohnsitzfrist die Integration verbessern könnte. «Diejenigen, die sich nach zwölf Jahren einbürgern liessen, sind heute besser integriert als jene, die erst später eingebürgert wurden», sagt Hangartner. Die Forscher plädieren aber nicht dafür, das Bürgerrecht voraussetzungslos zu erteilen. Durch andere Voraussetzungen wie etwa Sprachkenntnisse könne die Einbürgerung durchaus eine Motivation zur Integration sein, so Hangartner.

Die Studie stellt somit die konservative Vorstellung der Einbürgerung als Belohnung für eine erfolgreiche Integration nicht per se infrage; wohl aber die von konservativer Seite teilweise vehement vertretene lange Wohnsitzfrist. Die Befürworter einer kürzeren Frist nehmen die Resultate deshalb erfreut auf. Der frühere Stadtbasler Integrationsbeauftragte Thomas Kessler sagt, die Resultate bestätigten die Erfahrungen vor Ort und liessen sich auch plausibel erklären: «Die Staatsbürgerschaft verbessert bei Stigmatisierten den Status und motiviert sie zu Engagement.» Kessler ist der Meinung, wer sich bereits in den ersten Aufenthaltsjahren erfolgreiche integriere, müsse spätestens nach acht Jahren Aussicht auf eine Einbürgerung haben. «Längere Fristen sind demotivierend, sie fördern auch nicht den Integrationsgrad.»

Studie könnte Diskussion in Kantonen beeinflussen

Eine Frist von acht Jahren hatte der Bundesrat bei der letztes Jahr verabschiedeten Bürgerrechtsreform eigentlich vorgeschlagen, das Parlament beschloss jedoch als Kompromiss zehn Jahre und nahm im Gegenzug die Niederlassungsbewilligung als Voraussetzung ins Gesetz auf. «Es ist wahnsinnig schade, dass diese Studie erst jetzt erschienen ist», sagt SP-Nationalrätin Silvia Schenker (BS). «Die Diskussion wäre bestimmt anders verlaufen.» Dass die Frage der Wohnsitzfrist nochmals auf den Tisch kommt, hält Schenker für unrealistisch. Ein Argument dürfte die Studie aber bei der noch hängigen Frage der erleichterten Einbürgerung für die dritte Generation sowie bei Bestrebungen der SVP zur Verschärfung des Bürgerrechts auf kantonaler Ebene sein. «Ich hoffe, dass man nun zumindest diese Diskussionen noch beeinflussen kann, sagt Schenker.»



(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.09.2015, 19:35 Uhr

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