Spitäler wollen impfunwilliges Personal in die Pflicht nehmen

Ein Grossteil des Pflegepersonals impft sich nicht. Fachleute fordern ein Obligatorium.

Zeichnung: Felix Schaad

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Eigentlich geht man als Patient ins Spital, um dort zu gesunden. In der Regel ist dies auch der Fall. Immer wieder kommt es aber vor, dass sich Patientinnen und Patienten in einer Klinik mit dem Grippevirus infizieren. Vor allem bei Menschen mit angeschlagenem Immunsystem kann dies zu grösseren Komplikationen oder gar zum Tod führen. Laut dem Universitätsspital Genf sind im letzten Jahr allein in dieser Klinik 24 Personen gestorben, nachdem sie sich dort angesteckt hatten.

Jetzt steigt die Zahl der Grippeinfektionen wieder rasant an – wie so oft Anfang Februar. In den Spitälern kann das Virus von anderen Patienten, von Besuchern oder vom Spitalpersonal stammen. Letzteres sollte sich eigentlich gegen die Grippe impfen. Doch allen Appellen des Bundesamts für Gesundheit zum Trotz macht dies nur etwa ein Fünftel der Pflegenden.

In der Deutschschweiz sind es gar noch weniger: Während sich in der Romandie gut 30 Prozent des Pflegepersonals impfen, sind es in der Deutschschweiz bloss 16 Prozent. Besonders tief ist die Rate im impfskeptischen Luzern. Am dortigen Kantonsspital lassen sich nur 10 Prozent der Pflegenden piksen.

Spitäler reagieren

Jetzt will Marco Rossi, Chefarzt für Infektiologie, alle Ansteckungen erstmals systematisch erfassen und abklären lassen. Denn er will wissen, was im Kantonsspital Luzern genau passiert. Das interessiere auch das Pflegepersonal, sagt der Infektiologe. Anlässlich einer anonymen Umfrage im letzten Sommer hätten etliche geschrieben, er solle mit Luzerner Zahlen aufwarten, nicht mit Studien von anderswo. Lässt sich anhand konkreter Beispiele aufzeigen, dass Patienten wohl durch das Personal angesteckt wurden und danach Komplikationen erlitten haben, dürfte dies bei der Sensibilisierung des Personals helfen.

Noch weiter geht Stefan Kuster, Infektiologe am Zürcher Universitätsspital. Im Rahmen eines Nationalfondsprojekts nimmt er in drei Abteilungen täglich Abstriche von Patienten und Spitalangestellten. Aufgrund der Erbsubstanz der Viren versucht er dann, den Ansteckungsverlauf nachzuzeichnen. Rund ein Drittel der Patienten und die Hälfte des Personals würden freiwillig mitmachen, so Kuster. Die Besucher hingegen werden nicht mit­erfasst, da dies zu aufwendig wäre.

Auch das Berner Inselspital reagiert auf die zunehmende öffentliche Diskussion über die Spitalgrippe: Seit dieser Grippesaison nimmt es in einem Teilbereich Nasen- und Rachenabstriche, wenn Mitarbeiter oder Patienten Symp­tome wie Husten, Halsweh oder Fieber entwickeln. All diese Untersuchungen sollen zeigen, wie wichtig das Impfen und andere Massnahmen sind – etwa das Tragen von Masken bei Erkältung, das Händewaschen und das Zuhausebleiben von erkrankten Mitarbeitern.

Was das Impfen betrifft, plädiert Franziska Berger, Pflegedienstleiterin im Spital Bülach, für ein Obligatorium. Sie glaubt nicht mehr, dass man mit Freiwilligkeit weiterkommt. Stattdessen soll sich das Personal aller Zürcher Spitäler zwingend impfen lassen. Dem ist auch der Präsident des Verbands Zürcher Krankenhäuser nicht abgeneigt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.02.2016, 23:00 Uhr)

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