Stempeluhr in der Schweiz – unbegrenzte Ferien im Silicon Valley

Ab 2016 müssen in der Schweiz Angestellte ihre Arbeitszeit minutiös festhalten. Im Silicon Valley gilt das als Innovationskiller. Dort gibts Prämien, wenn die Mitarbeiter Ferien nehmen.

Arbeitsplatz als autarker Lebensraum: Ein Teil des Google-Büros am Standort Zürich. (Bild: Google.ch)

Arbeitsplatz als autarker Lebensraum: Ein Teil des Google-Büros am Standort Zürich. (Bild: Google.ch)

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«Die Arbeitszeiterfassung tötet jeden Unternehmergeist», sagte der leitende Google-Ingenieur Julien Borel im kalifornischen Hauptsitz zur «NZZ am Sonntag». In der Schweiz tritt am 1. Januar eine revidierte Verordnung zum Arbeitsgesetz in Kraft, die die Arbeitszeiterfassung neu regelt. Neuerdings ist für Kaderleute eine vereinfachte Erfassung vorgesehen, für Manager gar ein Verzicht. Alle anderen müssen dafür Anfang und Ende der Arbeitszeit und Pausen minutiös festhalten.

Eine vollständige Befreiung ist nur im Rahmen eines Gesamtarbeitsvertrags möglich. Einen solchen hat Google nicht abgeschlossen. Deshalb werden die Zürcher Mitarbeiter künftig auf die eine oder andere Weise dokumentieren müssen, wie lange sie arbeiten. Und das in einem Unternehmen, das Millionen dafür investiert, dass seine Mitarbeiter nur zum Schlafen aus dem Büro müssen. Restaurants, Massagestationen, Fitnessraum und Spielezimmer machen den Arbeitsplatz zum autarken Lebensraum.

Netflix-Credo lautet Freiheit und Verantwortung

Die Wiege der Unternehmenskultur von Google liegt im Silicon Valley. Dort sind die Gesetze so liberal, dass viele Unternehmen ganz auf Arbeitszeiterfassung verzichten. Mehr noch: Einige wollen von ihren Angestellten nicht einmal wissen, wie viele Tage sie arbeiten. Beim Online-Filmverleiher Netflix kann jeder Ferien nehmen, so viel er will, solange er nur seinen Job macht. Und Netflix wertet auch nicht aus, wie die Mitarbeiter mit dieser grosszügigen Regelung umgehen. Als wäre so viel Freiheit nicht Lohn genug, bezahlt Netflix auch noch die besten Gehälter in der Branche. Das Credo lautet «Freiheit und Verantwortung». Richtlinien und Vorschriften seien Innovationskiller, sagte ein Netflix-Sprecher einst, worauf das Unternehmen in den Medien als «der beste Arbeitgeber der Welt» gefeiert wurde.

Auch beim Webdienst Pinterest oder bei IBM in den USA werden die Urlaubstage nicht gezählt. Dass solche freiheitlichen Arbeitszeitmodelle weniger dazu dienen, den Mitarbeitern möglichst viel Erholungszeit zu gönnen, zeigt das Beispiel von Evernote. Auch dort kann jeder Mitarbeiter so viele freie Tage nehmen, wie er will. Trotzdem machen die Angestellten laut «Spiegel online» teils nicht einmal eine Woche Ferien pro Jahr. Und weil das der Produktivität der Mitarbeiter nicht förderlich ist, erhält eine Prämie von 1000 Dollar ausbezahlt, wer pro Jahr eine Auszeit von wenigstens fünf Tagen nimmt. Beim Online-Börsenberater Motley Fool werden die Workaholics gar zu Zwangsferien verdonnert.

Gegentrend in der Finanzindustrie

Mitarbeiter, die nicht mal gegen Bezahlung in die Ferien gehen – und kein Gesetz, das das verhindert. Aus wirtschaftlicher Sicht traumhafte Bedingungen. Mindestens spricht der Erfolg von Netflix und Google dafür (Evernote strich kürzlich 13 Prozent der Stellen). In der Finanzindustrie lässt sich dagegen eine Entwicklung beobachten, welche die Mitarbeiter vor ihrer Bereitschaft zur Selbstausbeutung schützen soll. 2013 starb der 21-jährige Merrill-Lynch-Praktikant Moritz Erhardt nach einem epileptischen Anfall in London. Zuvor hatte er 72 Stunden lang durchgearbeitet. Auch Suizide häufen sich unter überarbeiteten Investmentbankern. Der 24-jährige Investmentbanker Sarvshreshth Gupta, der sich aus seinem New Yorker Appartement in den Tod stürzte, ist nur einer unter vielen. Goldman Sachs hat deshalb eine Sperrzeit zwischen Mitternacht und sieben Uhr morgens für die Praktikanten beschlossen, ausserdem werden die jungen Banker angehalten, mindestens ein Wochenende pro Monat freizunehmen. Doch Arbeitszeiten werden auf den grossen Finanzplätzen nirgends erfasst.

In der Schweiz ist die Arbeitszeiterfassung eigentlich schon heute vorgeschrieben. Nur war die Regelung für viele Unternehmen zu wenig praktikabel und wurde mehr schlecht als recht vollzogen. Mit der neuen Regelung nähert sich die Schweiz nun an die Nachbarländer an, wie ein Forschungsbericht der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zeigt. Alle vier Länder, Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich, unterstehen derselben europäischen gesetzlichen Verpflichtung, die Arbeitszeit zu erfassen. Und überall besteht die Möglichkeit, leitende Angestellte von dieser Pflicht zu entbinden. Laut den Studienautoren werde die vorgeschriebene Arbeitszeiterfassung von einzelnen Arbeitgebern «zwar als mühsam wahrgenommen, dennoch überwiegt die Erkenntnis des grundsätzlichen Nutzens der Arbeitszeiterfassung». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.12.2015, 16:10 Uhr)

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