«Macht Massenbesäufnisse! Es gibt Dümmeres»

Soziologieprofessor Kurt Imhof über die Vorteile von Massenbesäufnissen, die Brut von Moraltanten und die Angst des Mittelstandes.

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Mit Kurt Imhof sprach Constantin Seibt

Noch ist nichts passiert, aber das Massenbesäufnis in Zürich macht überall Schlagzeilen.

Das Erstaunliche ist wirklich, dass sich ausser tausend Leuten in Genf niemand auf diese Art betrunken hat. Aber Politik und Medien schon gross in Form sind. Deshalb meine erste These: Das Problem ist nicht das Massenbesäufnis. Sondern die Empörungsgemeinschaft der Massenbesäufnisskandalisierer.

Warum ist der Skandal das Problem?

Mit der öffentlichen Empörung wird das Massenbesäufnis eine selbsterfüllende Prophezeiung: Die Empörung über Massenbesäufnisempörung provoziert Massenbesäufnisse.

Das wird Esther Maurer ungern hören.

Nun, zunächst waren die Botellones in Spanien einfach eine Reaktion auf teurere Getränkepreise. Die Jugendlichen mixten darauf selbst. Also eine hoch pragmatische Lösung. Mehr war nicht. Bis die Medien sich empörten. Darauf trug man Städtemeisterschaften aus, welche Stadt mehr Säufer mobilisieren kann.

Das klassische Botellón-Getränk, Cola Rouge, also Cola mit Rotwein, gemixt in einer Plastikflasche, war zuvor bei Pennern beliebt. Sie lobten die aggressive Wirkung. Aber kritisierten, dass bei Cola-Rouge-Konsum sich offene Wunden nicht schliessen. Sind Massenbesäufnisse mit Cola Rouge eine Erfindung für ärmere Jugendliche?

Nein. Geldmangel und Pragmatismus standen nur am Anfang. Nach der Medienberichterstattung müssen nun alle Jugendlichen hin. Jetzt wirds scharf. Wichtig für sie ist nicht mehr das Besäufnis, sondern der Kick der allgemeinen Empörung.

In Spanien schickte damals die ultrarechte Regierung Aznar die Polizei. Sind Massenbesäufnisse dann links?

Nein. Massenbesäufnisse sind ein Adoleszenzphänomen.

Das heisst?

Unfug ist das Privileg der Jugendlichen auf dem Weg zur Anpassung. Früher gab es Halbstarke, später Woodstock. Das war nicht Massenbesäufnis, sondern Massensex. Also Nacktheit in der Öffentlichkeit plus Droge. Und zwar nicht konventionelle Drogen. Sondern unkonventionelle. Da muss man ängstliche Eltern schon fragen: Was ärgert ihr euch über eine Jugend, die zur konventionellsten aller Drogen greift? Kontrollierte Massenbesäufnisse sind die harmloseste Form!

Was erstaunt: Fasnacht, Schützenfest, Sechseläuten, Dorfchilbi...

...Firmenfeste: Massenbesäufnisse gehören zum guten Ton. Sie sind die biederste, bürgerlichste aller Drogen!

Warum dann der Aufruhr?

Das ist doch der Witz, dass die allgemeine Moralisierung in der Verbotsgesellschaft nun der biedersten aller Drogen, dem Alkohol, wieder Protestpotenzial gibt.

Verbotsgesellschaft... stimmt das? Heute in der Zeit der Events?

Ja, die Events - Ballermann, Alpenarena, Street Parade - werden heute neu als Massenbesäufnis interpretiert. Und das moralische Regime hat bei Alkohol schon massiv zugeschlagen: Ausgehverbote, Trinkverbote, Alcopops werden verteuert...

Das Irritierende ist, dass die Statistiker den Jugendlichen kaum etwas nachweisen können: weder mehr Trinker noch mehr Gewalt - die Jugendlichen bleiben eher brav.

Klar. Aber das ist auch nicht der Punkt. Hinter jeder exzessiven Thematisierung von Jugendgewalt oder -suff steckt historisch gesehen immer dasselbe Motiv: die Angst der Erwachsenen vor ihrer Zukunft.

Warum Angst vor der Zukunft?

Eine der tiefen Umwälzungen ist, dass neue Immigranten kommen. Die Wanderung läuft nicht mehr von Süd nach Nord. Oder von Tief- zu Hochqualifizierten.

Kurz: Es kommen deutsche Akademiker statt portugiesischer Bauarbeiter.

Ja. Und Angelsachsen. Und das bedroht den Mittelstand. Frühere Immigranten bedrohten das Proletariat. Nun sind die Chefs Deutsche oder Angelsachsen.

Und das irritiert den Mittelstand.

Das ist ein echtes, neues, politisches Problem. Der Schweizer Mittelstand ist seit 1874 saturiert. In der Globalisierung hast du einen Mittelstand, wo die Karriere nicht mehr klar ist, die Loyalität zwischen Arbeitgeber und -nehmer auf einem historischen Tiefstand ist. Und die Elite brachte den Finanzplatz an den Rand des Abgrunds. Und du hast qualifizierte Migranten, die werden Chefs. Das Anciennitätsprinzip wird ausgehebelt. Und damit fällt die automatische Karriere flach. Du hast weit mehr Fluktuation auf der Chefebene als im mittleren Kader. Das heisst: Permanente Chefwechsel, permanente Reorganisationen, aber du bleibst stehen.

Und diese Angst schürt Angst vor der Jugend? Oder ist es Angst um die Jugend?

Eine unsichere Gesellschaft sucht sich Abweichende. Die man korrigieren muss. Um die alte Ordnung wiederherzustellen. Und die klassischen Ziele sind: Jugend, Fremde, Juden. Immer. Mit absoluter Berechenbarkeit.

Also wäre Moralisierung nur ein Symptom für Schwäche.

Moral war immer die Waffe der Wehrlosen. Was bleibt dir, wenn dich deine Freundin wegen eines anderen verlässt? Die Moral.

Und das heisst...

Alkoholverbot. Sexverbot. Übergriffverbot. Rauchverbot. Nachttrinkverbot. Weil nicht über die Ursache diskutiert wird. Niemand redet vom Scheitern des neoliberalen Systems, niemand von der Regulierung der Wirtschaft.

Warum eigentlich nicht?

Statt dass harte politische Themen und Strukturen angegangen werde, versucht man einzelne Individuen für böse zu erklären und moralisch zu korrigieren, vom trinkenden Lehrling bis zum Herrn Ospel.

Und die Linke? Warum diskutiert die SP über Sauberkeit und Polizei statt über Bankenregulierung, Löhne, Chefs, Steuern?

Die SP vertritt längst nicht mehr das Proletariat. Sondern den Mittelstand. Und der kauft momentan Moral.

Sie glauben also: Moral macht Kasse.

Ja, deshalb sind die Medien heute Brutstätten für Moraltanten. Sie und die SVP haben im Wahlsommer 2007 die ausländischen Jugendlichen auch zum Problem Nummer 1 hochgeschrieben: eine böse Klasse in Zürich, die Fälle Seebach, Rhäzüns... Und nun betrifft es alle Teenager.

Eigentlich ist harte Moral ja gerade ein Monopol der Jugend. Denn wer mit Moral argumentiert, dem mangelt meistens eins: Erfahrung. Deshalb argumentieren Teenager auch wie vom Reissbrett: Das ist gut. Das ist schlecht. Das ist cool. Das nicht.

Exakt. Unreife Moralergüsse statt erwachsene Strukturdebatten. Die Empörung über die unreifen Jugendlichen ist das Merkmal einer unreifen Gesellschaft, die böse Personen auswechselt, statt falsche Verhältnisse anzupacken.

Das heisst, für Junge ist der Spass vorbei.

Im Gegenteil, es wird wieder mehr Spass machen! Ich begrüsse jede kollektive Form von Widerstand - selbst auf dem hooliganmässigen Niveau von Massenbesäufnissen. Denn das hat einen kollektiven Charakter!

Ist es den besser, wenn man in der grossen Masse säuft als in der Bar?

Jede kollektive Form von abweichendem Verhalten hat eine grössere Chance, Reflexion auszulösen, als individuell abweichendes Verhalten: Pulsadern schlitzen, von Hochhäusern hüpfen, koksen... Deshalb funktionieren ja auch das Sechseläuten oder das Firmenfest. Im kollektiven Suff besteht soziale Kontrolle. Wenn einer drei Gläser zu viel hatte, hilft man ihm heim. Denn man muss sich am nächsten Morgen wieder in die Augen sehen. In Kleingruppen driftet man viel leichter ab.

Aber Saufen pur? Ist das Ziel massensaufender Teenager im Ernst der Aufbau von Verantwortung und Bewusstsein?

Nein! Die Absicht aller klar denkenden Jugendlichen ist doch: andere Jugendliche zu begrabschen. Um was geht es sonst in dem Alter? Es geht darum, Kontakt zu schaffen, das Netzwerk ausbauen, es geht um Enthemmung. Das war schon immer das Problem der Jugendlichen: Enthemmung! Und dazu gibt es beim Besäufnis nun auch 5000 potenzielle Partner! Polizei! Feinde! Riesige Aufmerksamkeit! Das Besäufnis ist ein garantierter Erfolg.

Wenn Ihre Tochter fragte, ob sie zum Massenbesäufnis soll - was würden Sie ihr raten?

Es ist besser, wenn du zum Massenbesäufnis gehst, als wenn du in Kleinzirkeln das Leid der Welt beklagst, Pubertätsdepressionen schiebst, dir Selbstverletzungen zufügst, mit zwei, drei Kollegen herumsäufst oder dich krank hungerst... Ja, kipp dir eins hinter die Binde!

Und Ihr Fazit?

Jugendliche, macht Massenbesäufnisse! Ihr könntet viel Dümmeres tun. Allerdings auch Klügeres.

(Erstellt: 20.08.2008, 12:13 Uhr)

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