Streit um Stauzahlen

Trotz kilometerlangen Kolonnen an Ostern und Pfingsten: Die gravierendsten Verkehrsprobleme auf den Schweizer Strassen liegen nicht am Gotthard, sondern in den Agglomerationen.

TA-Grafik/Quelle: Astra


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Die Staus am Gotthard gehören zum Jahresverlauf wie die Fasnacht oder das Sechseläuten. Ostern, Auffahrt, Pfingsten, Ferienstart – jedes Mal, wenn es einen Grossteil der Deutschschweizer an die Wärme zieht, stauen sich die Autos vor dem Tunnelportal. Und ebenso, wenn das Vergnügen jeweils zu Ende ist. Die Bilder der kilometerlangen Autoschlangen haben sich über die Jahre hinweg derart eingeprägt, dass der Gotthard für viele gleichsam zum Synonym für «Stau» geworden ist.

Doch das ist eine verzerrte Wahrnehmung. Die wirklich grossen Stauprobleme auf dem Schweizer Strassennetz liegen nicht am Gotthard, sondern im Mittelland – rund um die grossen Agglomerationen. Am ärgsten sind die Staus auf der Nordumfahrung Zürich–Winterthur, weiter vor dem Gubristtunnel und im Grossraum Baregg. Dort stauen sich die Autos mittlerweile praktisch jeden Tag und damit mehr als doppelt so häufig wie am Gotthard.

In Zahlen: Auf der Zürcher Nordumfahrung kommt es an 358 Tagen pro Jahr zu Stau, am Gotthard-Nordportal dagegen lediglich an 149 Tagen, so die aktuellste Statistik aus dem Jahr 2014 des Bundesamts für Strassen (Astra). Noch eindrücklicher ist der Vergleich der Staustunden: 3088 Stunden rund um Zürich, 207 Stunden am Gotthard. Im Grossraum Bern ist die A 1 zwischen Bern und Kriegstetten ebenfalls deutlich stärker staubelastet als der Gotthard (258 Stautage oder 617 Staustunden). Und in der Westschweiz sind es die Umfahrungen Lausanne und Genf, wo die Automobilisten öfter und länger im Stau stehen als auf der Transitachse. Hier führt der Wachstumsboom am Genfersee des letzten Jahrzehnts zunehmend zum Verkehrskollaps.

Seltsame Rechnung

Das Bemühen, die Stauprobleme und somit die Dringlichkeit von Anti-Stau-Massnahmen ins richtige Licht zu rücken, ist im Abstimmungskampf um die zweite Gotthardröhre greifbar. «Wird das Geld für eine Luxusvariante am Gotthard verlocht, fehlt es zur Lösung der riesigen Verkehrsprobleme in den Agglomerationen», sagte der Lausanner Stadtpräsident und grüne Nationalrat Daniel Brélaz kürzlich vor den Medien. Die knappen Finanzen müssten in den Stadtregionen zum Wohl der Arbeitspendler eingesetzt werden, die täglich im Stau steckten. Das Verkehrsdepartement von Bundesrätin Doris Leuthard hält dagegen, auch mit der zweiten Gotthardröhre sei die Engpassbeseitigung im Mittelland «nicht gefährdet», und verweist auf den Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds (NAF), den der Bundesrat 2014 ans Parlament verabschiedet hat. Dort harzt es allerdings. Der Ständerat ist daran, die Vorlage umzukrempeln.

Der Kampf um den Gotthardtunnel ist auch ein Kampf um die Zahlen. In einer Antwort auf einen Parlamentsvorstoss im Ständerat dividierte das Astra im Namen des Bundesrats die Staustunden mit den Stautagen und kam zum Schluss, die durchschnittliche Staudauer im Mittelland und jene am Gotthard seien «vergleichbar». Eine seltsame Rechnung, weil damit ausgeblendet wird, dass die fast täglichen Pendlerstaus viel mehr Leute betreffen und die Wirtschaft viel stärker beeinträchtigen als der gelegentliche Stillstand des Ausflugsverkehrs. Und im letzten Sommer rechnete die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens vor, dass anders als in Agglomerationen am Gotthard selbst Kürzeststaus registriert und entsprechend zu imposanten Stauzahlen aufsummiert würden.

Manipulationsvorwürfe

Die Berner SP-Nationalrätin und Präsidentin des grünen Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS), Evi Allemann, reagierte heftig. Sie warf dem Astra vor, die Stauzahlen zu manipulieren, um politisch Stimmung für die zweite Gotthardröhre zu machen. Allemann verlangte «Transparenz» und kündigte politische Vorstösse an, damit die Richtlinien zur Stauerfassung und -auswertung offengelegt und vereinheitlicht würden.

Passiert ist seither nichts. Das Astra weist die Manipulationsvorwürfe aber dezidiert von sich. «Ministaus» bedingt durch das Tropfenzählersystem vor den Tunnelportalen am Gotthard würden ganz sicher nicht gezählt, sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Ziel der Staumeldungen sei nicht, eine imposante Kilometerzahl zu vermelden, sondern den Automobilisten mitzuteilen, wie viel Zeit sie auf einem bestimmten Abschnitt verlieren. Und er relativiert: Die Stauerfassung werde mit Messstellen und Kameras zwar laufend optimiert, sei aber weit von einer exakten Wissenschaft entfernt.

Rohrbach will auch gar nicht verhehlen, dass die Agglostaus gravierender sind als jene am Gotthard: «Am Gotthard gibt es übers ganze Jahr gesehen keine Kapazitätsprobleme, in den Agglomerationen hingegen massive.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.02.2016, 20:18 Uhr)

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