Verteilkampf ums Medizinstudium

Der Bundesrat will 100 Millionen Franken in zusätzliche Studienplätze für Humanmedizin investieren. Neben den bisherigen Universitäten liebäugeln nun weitere Hochschulen mit der Ärzteausbildung.

In der Schweiz werden zu wenige Ärzte ausgebildet. Der Bund will dies mit einem Sonderprogramm ändern. Foto: Keystone

In der Schweiz werden zu wenige Ärzte ausgebildet. Der Bund will dies mit einem Sonderprogramm ändern. Foto: Keystone

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Der Schweiz fehlen jedes Jahr Hunderte von Ärzten. «Wir bilden weniger als ein Drittel der Ärzte aus, die wir benötigen», sagte Innenminister Alain Berset gestern in Bern. Das Resultat ist bekannt: Die Spitäler rekrutieren die dringend benötigten Ärzte im Ausland. Jedes Jahr holt die Schweiz 2000 Ärzte ins Land. Das soll sich – gerade auch nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative – ändern. Die Schweiz soll wieder vermehrt selber für ihren Ärztenachwuchs sorgen. Der Bundesrat stellte deshalb gestern sein «Sonderprogramm ­Humanmedizin» vor. Für die Jahre 2017 bis 2020 will er den Universitäten insgesamt 100 Millionen Franken zur Verfügung stellen, um zusätzliche Mediziner auszubilden. Bis in zehn Jahren sollen dank dieser Anschub­finanzierung jährlich 1300 angehende Ärzte die Universitäten verlassen. Heute sind es rund 900 Studienabschlüsse.

Weitere Interessenten

Die Kantone als Träger der Universitäten und ihrer medizinischen Fakultäten werden mit den 100 Millionen zusätz­liche Ausbildungsplätze schaffen. Wer von den Mitteln profitieren wird, ist aber noch nicht klar. Neben den bisherigen Anbietern des Medizinstudiums interessieren sich nämlich noch weitere Universitäten für den prestigeträchtigen Studiengang. Sie möchten entweder neu ein Medizinstudium anbieten oder ihren bestehenden Bachelorstudiengang zu einem Master ausbauen. Der Verteilkampf unter den Universitäten ist im Gang. Für den Präsidenten der Schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) und baselstädtischen Bildungsdirektor Christoph Eymann ist klar: Die Bundesmittel müssten an jenen Universitäten eingesetzt werden, die bereits heute Mediziner ausbilden.

Ihre Pläne bereits publik gemacht hat die ETH Zürich. Sie möchte ab Herbst 2017 für 100 Studierende einen Bachelorstudiengang in Medizin anbieten. Das Masterstudium sollten die Studierenden an einer Partneruniversität in Basel, Zürich oder im Tessin absolvieren. Kooperationen seien zudem in der Romandie zwischen der ETH Lausanne und Westschweizer Universitäten geplant, sagte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Bereits beschlossen ist, dass die Universität des Tessins ab diesem Jahr einen Bachelor in Biomedizin und ab 2019 den Masterstudiengang anbietet.

Doch auch in Freiburg, Luzern oder St. Gallen liebäugelt man mit einem Medizinstudium. In Luzern und Freiburg klären die Kantone ab, ob und unter welchen finanziellen Bedingungen das Vorhaben machbar wäre. In Luzern will der Regierungsrat bis Ende März entscheiden. In Freiburg soll der definitive Entscheid über den Ausbau vom Bachelor- zum Masterstudium noch dieses Jahr fallen. In St. Gallen werden drei Varianten eines Studienganges geprüft.

St. Gallen und Freiburg hoffen

Eymann erwartet, «dass die ohnehin vom Bund finanzierte ETH Zürich die 100 Studienplätze aus ihrem Budget finanziert und dafür nicht zusätzliche Bundesmittel beansprucht». Die ETH selber kann zu den Kosten respektive zu allfälligen Bedürfnissen noch keine Angaben machen. Der Kanton St. Gallen plant, Geld aus der Finanzspritze des Bundes zu beanspruchen. Der Regierungsrat habe für den Aufbau eines «Medical Master St. Gallen» finanzielle Mittel reserviert, sagt Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann. Daneben erwartet sie aber auch die Unterstützung des Bundes: «Der Kanton St. Gallen wird sein Projekt zeitgerecht eingeben, um an den Mitteln, welche vom Bund gesprochen werden sollen, partizipieren zu können.» Auch Freiburg hofft, einen Teil der Mehrkosten für das Masterstudium über das Sonderprogramm des Bundes finanzieren zu können.

Um einen Beitrag aus dem Bundestopf zu erhalten, müssen die Kantone allerdings vorwärtsmachen und ihre Projekte schon bald bei der Rektorenkonferenz Swissuniversities eingeben. Die Gesuchs­eingabe erfolgt im Sommer 2016 zentral durch Swissuniversities.

Das letzte Wort zu den 100 Millionen des Bundes hat das Parlament. Der Bundesrat wird das Sonderprogramm zur Ärzteausbildung in die Finanzierungsvorlage für Bildung, Forschung und Innovation (BFI) der Jahre 2017 bis 2020 integrieren. Diese BFI-Botschaft wird im März von der Landesregierung verabschiedet. Auch hier steht ein Verteilkampf bevor. Denn gegenüber der ursprünglichen Planung will der Bundesrat die Gelder für die nächste Vierjahresperiode um über eine halbe Milliarde kürzen.

Hausarztproblem bleibt

In einem entscheidenden Punkt dürfte das bundesrätliche Sonderprogramm zudem nur wenig bewirken: Der Mangel an Hausärzten wird sich weiter verschärfen. In den nächsten fünf bis zehn Jahren werde jeder dritte Hausarzt pensioniert, sagt Reto Wiesli, Geschäftsführer des Verbandes Haus- und Kinderärzte Schweiz.

Das Problem: Die Medizinstudenten entscheiden sich erst nach Abschluss des Studiums für eine Fachrichtung. «Man kann am Anfang der Ausbildung nicht steuern, dass jemand am Ende Hausarzt wird», räumte Bundesrat Berset ein. Er und der für Bildung zuständige Bundespräsident Schneider-Ammann waren sich gestern einig: Statt einen Teil der Medizinstudenten zur Hausarztlaufbahn zu zwingen, müsse der Beruf attraktiver werden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.02.2016, 22:49 Uhr)

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